6. Mai 1986: Ein Hubschrauber wirft Sand über dem havarierten Reaktor 4 des Kernkraftwerks von Tschernobyl ab. Foto: Imago/SNA

Zum 40. Jahrestag des Reaktorunglücks von Tschernobyl kommen keine Katastrophen-Touristen mehr. Dort bedrohen russische Drohnen nicht nur die Atomruine, sondern auch die Hoffnung auf Sicherheit.

Die Ukraine begeht am Sonntag (26. April) den 40. Jahrestag der Atomkatastrophe von Tschernobyl. Der Super-GAU ist die schlimmste zivile Nuklearkatastrophe der Menschheitsgeschichte. Die vor mehr als vier Jahren begonnene russische Invasion in der Ukraine hat das Kernkraftwerk erneut in große Gefahr gebracht und das Risiko einer weiteren radioaktiven Katastrophe erhöht. Ein Überblick:

 

Die Explosion

26. April 1986: Zum Zeitpunkt der Katastrophe wohnten rund um das AKW fast 50.000 Menschen. Die meisten Einwohner waren Arbeiter im Kernkraftwerk. Foto: Imago/Future Image
1986: Stadtansicht des verlassenen Prypjat mit dem zerstörten Reaktorblock 4 im Hintergrund Foto: Imago/Eastnews
Mai 1986: Blick in den intakten Reaktorraum von Block 1 des Akw. Foto: Imago/Itar-Tass

Am 26. April 1986 um 1.23 Uhr löst ein menschlicher Fehler während eines Sicherheitstests eine Explosion in Reaktor 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl im Norden der Ukraine aus, die damals Teil der Sowjetunion war. Die Explosion reißt das Innere des Gebäudes auseinander, radioaktiver Rauch strömt in die Atmosphäre. Der Kernbrennstoff brennt mehr als zehn Tage lang.

Tausende Tonnen Sand, Lehm und Blei werden aus Hubschraubern abgeworfen, um das die Freisetzung hochradioaktiver Stoffe zu begrenzen.

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) stellt fest, dass die Hauptursache der Katastrophe „schwerwiegende Mängel in der Konstruktion des Reaktors und des Abschaltsystems“ in Verbindung mit „Verstößen“ gegen die Betriebsvorschriften waren.

Die radioaktive Wolke

In den folgenden Tagen kontaminiert die radioaktive Wolke die Ukraine, Belarus und Russland, ehe sie sich über Europa ausbreitet. Die erste öffentliche Warnung erfolgt erst zwei Tage später, am 28. April, als Schweden einen Anstieg der Strahlungswerte auf seinem Territorium registriert. In Deutschland ist vor allem der Süden betroffen.

24. Mai 1986: Bergleute aus Tula graben eine Tunnel zum havarierten Block 4. Foto: Imago/ZUMA Press Wire
Mai 1986: Ein Liquidator während der Aufräumarbeiten. Foto: Imago/Eastnews
27. April 1986: Der zerstörte Reaktorblock 4. Foto: Imago/Eastnews

Die IAEA wird am 30. April offiziell über die Katastrophe informiert. Sowjetführer Michail Gorbatschow räumt sie erst am 14. Mai öffentlich die Katastrophe ein.

Die Todesfälle

Ein UN-Bericht aus dem Jahr 2005 beziffert die Zahl der bestätigten und prognostizierten Todesfälle in den drei am stärksten betroffenen Ländern auf 4000. Greenpeace schätzte 2006, dass die Katastrophe fast 100.000 Todesfälle verursacht habe.

14. Mai 1986: Eine Familie in Kiew hört ein Ansprache des damaligen Generalsekretärs der UDSSR, Michael Gorbatschow, in der er erstmals von einer Nuklearkatastrophe in Tschernobyl berichtet. Foto: Imago/Itar-Tass
20. Mai 1986: Liquidatoren, die nur mit einer Schmutzmaske gegen die tödliche Strahlung ausgerüstet sind. Foto: Imago/ZUMA Press Wire
24. Mai 1986: Bergleute aus Tula transportieren kontaminierten Schutt aus dem Reaktorblock 4 ins Freie. Foto: Imago/ZUMA Press Wire

Nach Angaben der Vereinten Nationen waren 600.000 Menschen sogenannte Liquidatoren, die das Feuer löschen und die Schäden in und am Kraftwerk beseitigen sollten, hoher Strahlung ausgesetzt.

Die Katastrophe löst in der Öffentlichkeit große Ängste vor der Atomenergie aus und gibt Anti-Atomkraft-Bewegungen in ganz Europa Auftrieb.

Die russische Besetzung

Russische Truppen besetzen das Atomkraftwerk am ersten Tag der Invasion Moskaus im Februar 2022. Sie erobern das Kraftwerk kampflos, nachdem sie Zehntausende Soldaten und Hunderte Panzer vom Territorium von Belarus, einem engen Russland-Verbündeten, in die Ukraine entsandt hatten.

14. Februar 2025: Arbeiter stehen auf dem Betonsarkophag, nachdem eine russische Drohne ein Loch hineingesprengt hat. Foto: Imago/Ukrinform
13. Mai 1986: Ein Helikopter überfliegt den völlig zerstörten Block 4. Foto: Imago/SNA
24. Mai 1986: Captain Alexander Razgon, Chef der Liquidatoren, sitzt in der Todeszone von Tschernobyl. Foto: Imago/ZUMA Press Wire

Russische Soldaten graben Schützengräben und errichten Lager in Gebieten wie dem sogenannten Roten Wald – benannt nach der Farbe, die seine Bäume durch die Strahlenbelastung angenommen haben.

Die Eroberung des stillgelegten Akw schürt große Befürchtungen, ein militärischer Zwischenfall könnte dort eine katastrophale nukleare Katastrophe auslösen. Nach etwa einem Monat zieht sich die russische Armee zurück, nachdem es ihr nicht gelungen war, Kiew zu umzingeln und einzunehmen.

Die neuen Bedrohungen

Das Kraftwerk ist von einer Stahl- und Betonkonstruktion bedeckt, die als Sarkophag bekannt ist und nach der Katastrophe von 1986 eilig errichtet wurde.

Eine modernere äußere Schutzhülle, genannt New Safe Confinement (NSC), wird 2016 über den Reaktor geschoben. Die Hülle soll den Sarkophag, der nicht als langfristige Lösung gedacht war, ersetzen.

Die massive Metallkonstruktion wird im Februar 2025 von einer russischen Drohne schwer beschädigt.

19. Oktober 2019: Der Kontrollraum von Block 4. Foto: Imago/CTK Photo
23. März 2026: Das Riesenrad im ehemaligen Vergnügungspark von Prypiat. Foto: Imago/Abacacpress
September 2019: Der Reaktorraum von Block 3. Foto: Imago/CTK Photo

In einem im April 2026 veröffentlichten Bericht erklärt Greenpeace, dass die Außenhülle „derzeit nicht repariert werden kann, sie nicht wie vorgesehen funktionieren kann und die Möglichkeit radioaktiver Freisetzungen besteht“.

Es wird geschätzt, dass die Reparaturarbeiten drei bis vier Jahre dauern.Im Dezember 2025 warnt der Kraftwerksleiter, ein weiterer russischer Angriff könne zum Einsturz der wichtigen Reaktor-Schutzhülle führen.

Die Sperrzone

Das Gebiet um das Kraftwerk wurde evakuiert und zu einer Sperrzone mit verlassenen Städten, Feldern und Wäldern. Insgesamt sind mehr als 2200 Quadratkilometer in der Nordukraine und 2600 Quadratkilometer im Süden von Belarus praktisch unbewohnbar. Menschen werden dort laut IAEA in den nächsten 24.000 Jahren nicht sicher leben können.

24. Mai 1986: Kontamnierte Fahrzeuge werden gereinigt. Foto: Imago/SNA
28. April 2022: Autoscooter im ehemaligen Vergnügungspark. Foto: Imago/Abacapress
2. Mail 1986: Liquidatoren auf dem Weg zum Block 4. Foto: Imago/ZUMA Press Wire

Die Stadt Prypjat, die drei Kilometer vom Akw entfernt liegt und 1986 rund 48.000 Einwohner hatte, wurde nach der Katastrophe komplett evakuiert. Sie bleibt verlassen; ihre leeren, verfallenden Gebäude – darunter ein verrosteter Vergnügungspark und ein Riesenrad, erinnern an eine postapokalyptische Geisterstadt.

Vor der russischen Invasion 2022 waren geführte Besichtigungen des Geländes möglich. Seit fast drei Jahren ist das Gebiet für Touristen jedoch vollständig gesperrt.

Ohne den Menschen entwickelt das Gebiet praktisch zu einem riesigen Naturschutzgebiet. 1998 wird dort das seltene und vom Aussterben bedrohte Przewalski-Pferd ausgewildert.