40 Jahre völlig losgelöst: Der Neue-Deutsche-Welle-Hit „Major Tom“ machte den Stuttgarter Peter Schilling 1983 zu einem Weltstar. Den Boden unter den Füßen hat er trotzdem nur ganz kurz verloren.
Wie konnte das nur passieren? Major Tom ist in der Stadt, doch das Planetarium hat geschlossen! Die Sternenreise des berühmtesten Astronauten der Popkultur muss ausfallen. Das Treffen findet stattdessen an dem Ort statt, an dem man in Stuttgart dem Himmel ansonsten am nächsten ist: dem Fernsehturm. Völlig losgelöst von der Erde ist man 217 Meter über Degerloch zwar nicht, aber man bekommt eine Ahnung davon, was es heißt, hoch hinaus zu wollen.
Der Mann mit Schirmmütze, der auf der Aussichtsplattform steht, ist ein Experte fürs Hochhinauswollen. Mit 23 stand für ihn nicht nur fest, dass er einen Hit schreiben will, sondern auch, dass er das kann. „Ich hab jedem erzählt, ob er es hören wollte oder nicht, dass ich eine Nummer eins schreiben werde. Und ich hab immer nur gedacht: Lacht ihr nur. Ihr werdet schon sehen.“
Der Mann, der das sagt, heißt zwar nicht Major Tom, sondern Peter Schilling, ist kein Astronaut, sondern Musiker, hat 40 Jahre Schwerelosigkeit hinter sich, wirkt aber trotzdem bodenständig. Und das, obwohl er allerlei Grund zum Abheben hätte: Mit dem Song „Major Tom (Völlig losgelöst)“ bescherte er der Neuen Deutschen Welle einen der größten Hits, setzte sich im Jahr 1983 insgesamt 23 Wochen auf Platz eins der deutschen Charts fest, führte zwölf Wochen lang auch die Hitparaden in Österreich und der Schweiz an. Die englischsprachige Version schaffte es in Kanada auf Platz eins und in den USA auf Platz 14.
Fußball oder Musik?
Bis heute gibt es kein Entkommen vor dem Astronauten, der sich in den Weiten des Weltalls verliert. Nicht nur, weil Peter Schilling, der inzwischen in München lebt, an diesem Freitag die Best-of-Sammlung „Coming Home – 40 Years of Major Tom“ veröffentlicht, die auch Neuaufnahmen in verschiedenen Sprachen und Instrumentierungen enthält. „Major Tom“ beschallt auch amerikanische Serien wie „Breaking Bad“ oder „The Americans“, das Lied wurde von William „Captain Kirk“ Shatner gecovert, ist die Erkennungsmelodie des Eishockeyteams Adler Mannheim, war Teil des Soundtracks der Weltraummission ISS Horizons.
Keine schlechte Bilanz für einen Musiker, der als Teenager kurz davor steht, als Fußballer Karriere zu machen. „Ich bin als 14-Jähriger bei einem Sichtungsturnier in Stuttgart-West entdeckt worden“, verrät Peter Schilling. „Ein paar Leute vom VfB meinten: Der kickt sehr gut, der hat ein gutes Auge, ist schnell und federleicht.“ Und weil man vom Fernsehturm einen schönen Blick auf das Stadion der Kickers hat, ergänzt der 67-Jährige grinsend: „Ich sollte einen Vorvertrag beim VfB unterschreiben, damit die Kickers mich nicht abwerben dürfen.“
Daraus wird vor allem deshalb nichts, weil Fußball nicht wirklich die große Leidenschaft Schillings ist, der als Junge noch auf den Vornamen Pierre hörte: „Musik war und ist mein Leben“, sagt er. „Es ging Ende der 1960er los, als die ersten Heintje-Platten herauskamen.“ Später wechselt er ins Rocklager. „Salisbury“ von Uriah Heep (die Langspielplatte mit „Lady in Black“) ist das erste Album, das er besitzt. „Aber der erste Song, der mich vom Stuhl gehauen hat, war ‚Lola‘ von den Kinks“, sagt Schilling, „der hat mich zum Komponieren gebracht. So was wollte ich auch schreiben können.“
Wie viele Stuttgarter Möchtegern-Musiker verbringt Schilling viel Zeit im Musicstore Sound of Music, findet im Inhaber Hans R. Schweizer einen Förderer, der ihn nicht nur Gitarren ausprobieren lässt, sondern gemeinsam mit ihm auch Keyboards, die sich Pierre eigentlich gar nicht leisten kann, nach Hause in den dritten Stock schleppt.
Mühsam ist auch Peter Schillings Weg zu seinem großen Hit. „Die Leute denken immer, da hat er halt ein Lied geschrieben und dann hat er Erfolg gehabt. Das ist aber nicht der Fall“, sagt er. „Ich hab zwölf Jahre gedarbt, bis ich an den Punkt gekommen bin, professionell Songs schreiben zu können.“ Bis dahin muss er viele Absagen verkraften, darf in den 1970ern nur mal kurz am Erfolg schnuppern, als Global Records, die damals in Stuttgart in der Nagelstraße zu Hause sind, Interesse bekunden. In den Münchener Trixi Tonstudios nimmt Schilling eine Version von Cliff Richards „Come back Billy Joe“ auf. Das war’s dann aber.
Die Entdeckung des Schilling-Sounds
Zwischendurch fängt Peter Schilling zwar in der Lautenschlagerstraße eine Ausbildung bei American Express an, leistet dann seinen Wehrdienst ab, doch nebenher unternimmt er alles, um in der Musikbranche einen Fuß in die Tür zu bekommen. 1976 bewirbt er sich bei WEA Music (heute Warner Music) als Springer/Merchandiser, ist sich für keine Aufgabe zu schade, holt Vinylplatten in Presswerken ab, begleitet Künstler auf Tourneen, trifft künftige Stars wie Marius Müller-Westernhagen. Er macht seinen Job so gut, dass ihn die Plattenfirma nach Hamburg holen will: „Ich hätte gut verdient: Firmenwagen, Wohnung. Alles wäre da gewesen. Aber ich wusste, wenn ich das Angebot im Innendienst angenommen hätte, wäre der Preis dafür meine Musik gewesen.“ Peter Schilling beschließt 1979, den Job hinzuschmeißen, alles aufzugeben und seinen Traum von der eigenen Musikerkarriere zu verwirklichen: „Du musst von diesem Job in gewisser Weise besessen sein“, sagt er. „Wenn du das nicht bist, hast du keine Chance.“
Es tritt mit der Gitarre in Musikclubs auf, richtet sich im Heimstudio ein. Und schreibt und schreibt und schreibt. Er schafft es, dass ihn Peer Music unter Vertrag nimmt. Schilling unterschreibt, obwohl ihn das Plattenlabel zum Schlagersänger machen will: „Für mich war das eine Art Trojanisches Pferd“, sagt er. „Ich wollte keinen Schlager, aber ich war in einem professionellen Tonstudio.“
Den Peter-Schilling-Sound erfindet er dann aber doch zu Hause in der Hornbergstraße. Er weiß noch das Datum: der 1. Dezember 1981. „Da ist der Song ‚Dann trügt der Schein‘ entstanden“, erinnert er sich. Hier die metallische Stakkatogitarre, da der quäkende Synthesizer, dort diese Mischung aus Sprechgesang und hymnischem Refrain. „Mein damaliger Gitarrist und ich, wir saßen dann um halb elf Uhr am Abend da und konnten nicht glauben, was wir da gemacht haben. Es hatte eine unfassbare Magie.“
Dass gar nicht weit entfernt in Reutlingen ein anderer junger Musiker gerade einen Song aufgenommen hat, der ganz ähnlich arrangiert ist, weiß Schilling damals nicht: „Als ich dann zum ersten Mal ‚Rosemarie‘ von Hubert Kah gehört habe, habe ich gedacht: Sag mal, hat der meine Demos gehört? Hatte er natürlich nicht. Aber der Sound lag wohl irgendwie in der Luft.“
Der Plattenboss sagt: „Kaufen! Kaufen!“
Alle Demos für sein erstes Album nimmt Peter Schilling in der Hornbergstraße auf. Die letzten beiden Songs, die er für sein Debüt schreibt, heißen „Die Wüste lebt“ – und „Major Tom“. Und dass diese Nummer anders ist, wird schnell klar: „Man hat es gehört, man hat es gespürt, man spielt es ja auch Freunden vor“, sagt Schilling. Jeder, dem man die Songs von seinem ersten Album „Fehler im System“ vorgespielt hätte, sei aus dem Häuschen gewesen. „Wir wussten, wir haben was Besonderes. Kein Mensch hätte aber geglaubt, dass ich 40 Jahre später hier sitzen werde, um über dieses Album und natürlich auch ‚Major Tom‘ zu sprechen.“
Zu denen, die anscheinend sofort wussten, dass „Major Tom“ ein großer Hit wird, zählte Siggi Loch, der damalige Boss der Plattenfirma WEA, für die Peter Schilling einst als Tausendsassa gearbeitet hatte. Loch soll, so die Legende, in der Hamburger Firmenzentrale an einem Büro vorbeigelaufen sein, als dort gerade „Major Tom“ lief. Er soll die Tür aufgerissen und gefragt haben: „Was ist das?“ Und als man ihm antwortete: „Das wurde uns gerade angeboten“, soll er nur gesagt haben: „Kaufen! Kaufen!“
Der Rest ist Geschichte. Den Erfolg hat sich Schilling erarbeitet. Aber ein Star zu sein, darauf ist er nicht vorbereitet. „Kurz nachdem ich auf Platz eins der Hitparade war, bin ich zu meinen Fußballkumpels zum MTV Stuttgart am Kräherwald gegangen. Um den Fußballplatz herum standen gefühlt 2000 Leute, und meine Kumpels wussten gar nicht, wie sie auf mich zugehen sollten. Die haben gefremdelt“, erinnert er sich. Als er in die Boa will, seine Stammdisco, dreht er 30 Meter vor dem Eingang wieder um. „Dann musste ich quasi die Flucht antreten. Ich bin eigentlich ein zurückhaltender Mensch. Insofern war das für mich ein Wahnsinn.“ Er kann nicht mehr über die Königstraße laufen. Sein Briefkasten wird aufgebrochen, seine Autoreifen werden zerstochen. „Ich musste umziehen, um schlafen zu können.“
Der Burn-out
Noch schlimmer ist der Druck, der auf ihm lastet. „Zu Beginn der Arbeiten an meinem zweiten Album fühlte ich: Wenn ich jetzt auf diese Taste drücke oder die Regler an meinem Mischpult bewege, schaut mir ganz Deutschland zu.“ Fast zwangsläufig führt das in den Burn-out, den er auch dadurch überwindet, dass er offen damit umgeht und reflektiert über seine Karriere spricht: „Es ist ein großer Unterschied, ob du vom Erfolg träumst oder ob du Erfolg hast“, sagt er. „Vom Erfolg träumen, heißt: Du stellst dir Freiräume, Auftritte in TV-Studios und Anerkennung vor, viel Kohle, teure Autos und ach diese ganzen wilden Träume, die man so hat.“ Aber dann ist der Welthit da. „Und du stellst fest: Der Erfolg ist nur ein Wimpernschlag, mehr ist es nicht“, sagt Schilling. „Du stellst es fest, und dann ist er schon wieder weg.“ Ganz so wie Major Tom, der in den unendlichen Weiten des Weltalls auf Nimmerwiedersehen verschwindet.