Lucas-Johannes Herzog hat sich 40 Jahre um Kinder gekümmert, die nicht bei ihrer Familie leben können. Er ist froh, dass sich in der Jugendhilfe ein Paradigmenwechsel vollzogen hat. Das zeigt sich sogar an Handtüchern.
Der stattliche Altbau ist von einem großen Garten umgeben. In einem Pavillon schwingen bunte Lampions im Wind. Lucas-Johannes Herzog drückt auf die Klingel. „Hallo, Herr Herzog! Noch hier und nicht auf der Insel?“, begrüßt eine Sozialpädagogin ihren früheren Chef.
Rund 40 Jahre war Lucas-Johannes Herzog im Jugendamt in den Erziehungshilfen tätig. Er hat allein zehn Jahre ein Kinderhaus geleitet, war für die Stuttgarter Wohngruppen als Bereichsleiter zuständig und die letzten zehn Jahre Abteilungsleiter. Die Unterbringung von in Obhut genommenen Kindern und Jugendlichen gehörte in seinen Verantwortungsbereich. Und damit auch dieses Haus mit seinen drei Wohngruppen. Ein guter Ort, um zurückzublicken.
Mädchen kauf sich riesigen Teddybär zum Festhalten
Es ist ruhig auf den Etagen. Fast alle Bewohnerinnen und Bewohner sind in der Schule. Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 17 Jahren leben hier unter einem Dach. Weil sie in ihrem eigentlichen Zuhause nicht sein können. Zum Beispiel, weil sie vernachlässigt wurden oder Gewalt erlebt haben oder ein Elternteil krank ist. Bei manchen leben Mutter und Vater sehr weit weg.
Auch Sarah*, in deren Zimmer wir einen Blick werfen dürfen, hat ihre Eltern lange nicht gesehen. Abgesehen von einem riesigen Teddybären beschränkt sich die Einrichtung auf das Nötigste. Nichts liegt herum, das Bett ist gemacht, die Kosmetik steht akkurat auf dem Tisch aufgereiht. Den Bären habe sich die 16-Jährige von ihrem Taschengeld gekauft, erzählt eine Mitarbeiterin. Es war der größte, den sie online finden konnten. Sarah wünschte sich einen Teddy zum Festhalten für die Nacht. Nun liege der Bär meist auf dem Schrank – ein gutes Zeichen.
Früher wurde alles zentral eingekauft
Er habe selten ein so aufgeräumtes Zimmer gesehen, sagt Lucas-Johannes Herzog wenig später bei einer Tasse Kaffee. Und er hat viel gesehen. Während die Kinder heute die Wände farbig streichen und die Möbel von zu Hause mitbringen dürfen, sei das früher anders gewesen. „Als ich anfing, durften die Kinder und Jugendlichen nichts mitbestimmen“, erinnert er sich an die Zeit vor 40 Jahren. Alle schliefen in den gleichen „unverwüstlichen“ Holzbetten.
Auf der Bettwäsche und den Handtüchern habe groß der Schriftzug der Stadt gestanden. „Wenn sie ins Freibad gegangen sind, war immer klar, das sind die Kinder der Stadt Stuttgart“, erzählt er. Lange sei das normal gewesen – bis sich die Ersten weigerten: „Mit dem Handtuch gehe ich nicht in den Sportunterricht!“
Eigentlich hatte sich Herzog für ein Praktikum interessiert, als er sich 1981 beim Jugendamt meldete. Er hatte Deutsch und Geschichte studiert, wollte aber „kein Lehrer werden“. Auch damals herrschte Fachkräftemangel: Ihm wurde eine Vollzeitstelle als Erziehungshelfer im Kinderdorf Gutenhalde auf den Fildern angeboten, wo die Stadt noch bis 1988 Heimkinder dezentral unterbrachte. Herzog arbeitete 50 Stunden die Woche im Schichtdienst. So war es dort üblich.
Die Familien sollen befähigt werden, sich selbst zu kümmern
„Eine gute Heimerziehung ist besser als eine schlechte Familie“ – das sei in den achtziger Jahren die Lehrmeinung gewesen. Diese lernte er auch im Sozialpädagogikstudium, das er nach den zwei Jahren Kinderdorf draufsattelte. Längst ist der Ansatz überholt: „Heute geht es darum, die Familien zu stärken und zu stützen“, erklärt Herzog. Mittels ambulanter Hilfen sollen Eltern befähigt werden, sich selbst um ihre Kinder zu kümmern. Anders ausgedrückt: Man versucht, schlechte Familien besser zu machen.
Herzog berichtet über eine Alleinerziehende, die ihre vier Kinder früher wohl für immer verloren hätte. Die Frau sei völlig überfordert gewesen. Die Kinder waren verwahrlost, schlecht ernährt, fehlten oft in Kita und Schule. Alle kamen in Wohngruppen. Anfangs habe der Mutter niemand zugetraut, das hinzubekommen. Doch die Frau überraschte sie. Sie habe sich auf die Hilfe eingelassen. Nach eineinhalb Jahren kamen die Kinder schrittweise nach Hause zurück. Die Familie sei danach nie mehr aufgefallen.
„Ich habe enormen Druck gespürt“
Ein Gesetz verlangt von der Jugendhilfe seit 2021, die Kinder- und Elternrechte zu stärken. Transparenter zu werden. Herzog findet das richtig. Auch, damit sich die Eltern nicht so ohnmächtig fühlen – und die andere Seite nicht zu mächtig auftritt. Wenn das passiere, gebe es „keinen Gewinner“. Beim Umgang mit Jugendlichen kann es ebenfalls zu schweren Konflikten kommen. Da helfe ein Orts- und Personenwechsel.
Auch im Ruhestand ist Herzog für das Jugendamt aktiv. Er arbeitet mit der Uni Hildesheim die dunkle Geschichte des pädophilen Mitarbeiters und Kriminellen Helmut Kamenzin auf, der 2009 in der Psychiatrie starb.
Herzog ist froh, dafür wieder Energie zu haben. Die vergangenen Monate haben an dem früheren Abteilungsleiter gezehrt: „Ich habe enormen Druck gespürt“, erklärt er, warum er mit 63 vorzeitig ausgeschieden ist. In der Jugendhilfe gab es nie einen Lockdown. Die Dienstpläne mussten stehen. Wie oft hat sonntags sein Handy geklingelt: „Meine Ablösung ist krank! Ich kann keine Schicht dranhängen.“ Einmal sprang er selbst ein.
Viele junge Geflüchtete – Bedingungen schwieriger als 2015
Die Abteilung Erziehungshilfen entscheidet nicht darüber, wer in Obhut genommen wird. Aber sie führt diese durch – und ist seit Monaten extrem gefordert. Die Inobhutnahmezahlen sind 2022 massiv gestiegen. 1076 Aufnahmen waren zu managen. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es 658, 2020 mit 511 Aufnahmen weniger als die Hälfte.
Der Anstieg liegt auch daran, dass so viele minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge nach Stuttgart kommen: 2022 waren es 619. Für sie fehlt es nicht nur an Unterkünften, sondern auch an Fachkräften. Die Bedingungen seien schwieriger als 2015, meint Herzog.
457 Inobhutnahmen aus Kinderschutzgründen sind für Stuttgart ebenfalls sehr viele. Man merke die Belastung der Eltern in der Pandemie. Auch aus Flüchtlingsfamilien, die beengt in Gemeinschaftsunterkünften lebten, seien zuletzt viele Kinder genommen worden, darunter sechs Geschwister.
Alle könne man nicht retten
Wenn er auf die 40 Jahre blickt: Gibt es Kinder, die ihm besonders in Erinnerung sind? Viele. Eine ist Anna*, die sehr jung in sein Kinderhaus kam, weil ihre Eltern tödlich verunglückten. Immer wieder habe es Anläufe gegeben, sie in eine Pflegefamilie zu vermitteln. Doch das Mädchen wollte nicht. Ihre eigene Familie war kein Schutzraum für sie gewesen. Sie wünschte, in der Wohngruppe zu bleiben – und durfte.
Anna hat Herzog imponiert. „Die Arbeit lohnt sich“, den Satz verbinde er auch mit ihr. Anna habe sich toll entwickelt, Trompete gelernt, eine Ausbildung absolviert und diese als landesweit Beste in ihrem Beruf abgeschlossen.
Nicht alle gehen so einen Weg. Es gibt auch die, die abstürzen, die verloren gehen. Warum? Warum zerbricht der eine Geflüchtete am Erlebten und driftet ab, während sich der andere vorbildlich integriert? Eines gilt heute wie 1981: „Man hat nicht alles in der Hand.“
*Name geändert.