Patrouille im gleißenden Scheinwerferlicht: Die Justizvollzugsanstalt Stammheim gleicht einer Festung. Auf dem Gelände sitzen die verurteilten RAF-Köpfe Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe in Haft – und nehmen sich dort im Oktober 1977 das Leben Foto: AP

Am 5. September 1977 entführen Terroristen der linksextremistischen Rote Armee Fraktion (RAF) Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Was folgt, geht als Deutscher Herbst in die Geschichte ein. Eine Spurensuche.

Stuttgart - „Der Blick ist noch derselbe. Auch die Fenster und die Gitter“, sagt Matthias Nagel lapidar. Das war’s dann aber auch schon. Der siebte Stock im geschichtsträchtigen Hochhaus der Justizvollzugsanstalt Stammheim hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Wo einstmals die Führungsriege der RAF-Terroristen einsaß und sich das Leben nahm, erinnert heute kaum noch etwas an diese dunkle Zeit vor 40 Jahren, als man von der „Festung Stammheim“ sprach, die es doch nicht war. Nur eine der Zellen ist noch in Betrieb, die anderen sind längst zu Gruppenräumen umfunktioniert. Die durften im Stockwerk darüber nicht bleiben, weil es dort zu wenige Fluchtwege gibt. So absurd das für ein Gefängnis auch klingen mag. Also werden an historischer Stelle jetzt junge Gefangene an einer Tafel unterrichtet. Auch eine Kunstgruppe ist dort am Werk.

Nagel ist Leiter des Stuttgarter Gefängnisses und kann sich dieser Tage kaum retten vor Anfragen. Der sogenannte Deutsche Herbst, die Zeit im September und Oktober 1977, jährt sich zum 40. Mal. Eine Zeit, die für Terror, Unsicherheit und eine Atmosphäre der Angst steht, aber auch für die Aufrüstung des Staates. Acht Wochen, die die Bundesrepublik in eine ihrer größten Krisen gestürzt und lange nachgewirkt haben. Und die jetzt wieder ins Bewusstsein rücken. Deshalb interessieren sich viele für die überfüllte JVA am Nordrand der Landeshauptstadt. Das begeistert deren Chef wenig. „Gibt es da etwas zu feiern?“, fragt er, und es ist klar, wie seine Antwort lautet: Natürlich nicht.

Der Höhepunkt der Staatskrise nimmt am 5. September 1977 seinen Lauf. Der Stuttgarter Arbeitgeberpräsident und Vorsitzende des Bundesverbandes der Deutschen Industrie Hanns Martin Schleyer, ein nicht nur wegen seiner Rolle während der Nazizeit polarisierender Mann, ist mit einem dunklen Mercedes in Köln zu seiner Dienstwohnung unterwegs. RAF-Terroristen der zweiten Generation lauern dem Wagen auf. Sie eröffnen das Feuer. In gut einer Minute fallen mehr als 100 Schüsse. Schleyers Fahrer und drei Polizisten in einem nachfolgenden Fahrzeug sterben im Kugelhagel. Der Arbeitgeberpräsident wird entführt.

Entführungen, Morde und Suizide

Zu diesem Zeitpunkt hat die Bundesrepublik bereits Jahre des linksextremistischen Terrors hinter sich. Seit 1972 sitzen die führenden Köpfe der RAF in Haft. Dennoch rollt bereits im Frühjahr und Sommer 1977 eine neue Welle der Gewalt durchs Land. In Karlsruhe werden Generalbundesanwalt Siegfried Buback und zwei Begleiter erschossen. Ende Juli wird Jürgen Ponto, der Vorstandssprecher der Dresdner Bank, ermordet. Die Schleyer-Entführer fordern die Freilassung von elf inhaftierten RAF-Mitgliedern. Doch gegen den Willen der Angehörigen bleibt die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD) hart.

Das ändert sich auch nicht, als palästinensische Terroristen das Flugzeug „Landshut“ entführen, um den Druck zu erhöhen. Am 18. Oktober stürmt die Spezialeinheit GSG 9 im somalischen Mogadischu die Lufthansa-Maschine und befreit die Passagiere. Noch in derselben Nacht nehmen sich in ihren Stammheimer Zellen die RAF-Anführer Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe das Leben. Irmgard Möller überlebt schwer verletzt. Die Schleyer-Entführer erschießen nach dieser Nachricht ihre Geisel. Einen Tag später wird seine Leiche im französischen Mühlhausen im Kofferraum eines Audi entdeckt.

Die Ereignisse spalten die Gesellschaft. Nicht wenigen ist die Aufrüstung des Staates unheimlich, manche sympathisieren mit der RAF. Viele jedoch verabscheuen die Terroristen und ihre Ziele. Und so ist es kein Wunder, dass mit dem Tod Schleyers und der RAF-Köpfe der Flächenbrand noch lange nicht gelöscht ist.

Das Grab der RAF-Führer wird häufig besucht

Ein sonniger Tag im Wald unterhalb von Stuttgart-Degerloch. Friedlich liegt der Dornhaldenfriedhof in der Nachmittagsruhe. Am hintersten Ende stehen zwei Hocker vor einem Grab. Für Besucher, die länger als nur einen Augenblick verharren. An diesem Tag ist kein Mensch weit und breit zu sehen. Die Inschrift auf der Steinplatte ist schwer zu lesen. „Stuttgart-Stammheim 18. Oktober 1977“ steht da. Und darüber die Namen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Auch nach 40 Jahren kämen noch immer viele Menschen und suchten das Gemeinschaftsgrab, erzählt der Friedhofsaufseher. Was für Besucher das sind? „Ich frage sie nicht.“

Nur fünf Kilometer trennen die drei Toten vom Grab Schleyers, dessen Schicksal so eng mit ihrem verbunden gewesen ist. Es liegt auf dem Ostfilderfriedhof in Sillenbuch. Auch dorthin kommen immer wieder Leute. Und mancher erinnert sich zurück an den Oktober 77.

„Mit dem Tod muss alle Feindschaft enden.“ Diese Worte des damaligen Stuttgarter Oberbürgermeisters läuten das letzte Kapitel der großen Staatskrise im Deutschen Herbst ein. Manfred Rommel setzt quasi im Alleingang durch, dass am 27. Oktober, nur zwei Tage nach Schleyers Beisetzung in Sillenbuch samt Staatsakt in der Domkirche Sankt Eberhard, auch die drei toten RAF-Führer in Stuttgart ihre letzte Ruhestätte bekommen. Anhänger und Gegner stehen sich auf dem Dornhaldenfriedhof unversöhnlich gegenüber, die Stadt gleicht einem Hochsicherheitstrakt. Nur mit einem riesigen Polizeiaufgebot kann die Beisetzung vonstatten gehen.

Erst 1998 löst sich die RAF auf

Das Kapitel RAF ist damit nicht zu Ende. Anschläge und Prozesse gehen weiter. Einige unbeteiligte Menschen kommen im Zuge der Tätersuche durch die Polizei zu Tode. Erst 1998 löst sich die Gruppe offiziell auf. Irmgard Möller und einige weitere sind aus der Haft entlassen und leben unerkannt irgendwo in Deutschland. Andere sind tot, einige seit Jahrzehnten untergetaucht. Noch im Juli 2012 verurteilt das Oberlandesgericht Stuttgart Verena Becker wegen Beihilfe zum Mord im Buback-Fall zu vier Jahren Haft. Nach drei RAF-Mitgliedern wird bis heute gefahndet.

Vieles ist nach wie vor nicht aufgeklärt. Zudem hatte die Auseinandersetzung mit der RAF erhebliche gesellschaftspolitische Folgen, die bis heute anhalten. Sie führte zur Entwicklung der Rasterfahndung und der Verabschiedung einer Reihe von Anti-Terror-Gesetzen durch den Bundestag. Die Ereignisse wurden Grundlage einer Vielzahl von Büchern, Filmen und Fernsehdokumentationen, Theaterstücken und Romanen im In- und Ausland.

40 Jahre nach dem Deutschen Herbst wühlen die Erinnerungen Deutschland noch immer auf. Zumindest in Stammheim hätten die steinernen Zeugen eigentlich längst der Vergangenheit angehören sollen. Das eigens für die RAF-Prozesse errichtete Gerichtsgebäude auf dem Gefängnisgelände soll einen modernen Nachfolger bekommen. Seine Tage sind gezählt, obwohl es noch immer für besonders heikle Verhandlungen genutzt wird. Heute sitzen dort Rockerbanden oder Islamisten auf der Anklagebank. Das geschichtsträchtige Haft-Hochhaus nebenan war eigentlich zum Abriss vorgesehen. Zu alt, zu marode. Doch es bleibt vorerst stehen. Das Land weiß nicht wohin mit all den Gefangenen in völlig überfüllten Haftanstalten. Also wird im siebten Stock weiter unterrichtet und gekünstlert. Mit demselben Blick, denselben Fenstern und denselben Gittern wie im Herbst 1977.

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