Das Böblinger Jugendhaus im Rohbau Anfang der 1980er-Jahre. Foto: Stadtarchiv Böblingen

Im Herbst 1983 ist das Jugendhaus in der Calwer Straße 4 in Böblingen eröffnet worden. Das „Casa Nostra“ – so der Name seit 2007 – hat sich in der Stadt etabliert. Am Sonntag steht ein Tag der offenen Tür an.

Vor 40 Jahren brach in Böblingen eine neue Ära der Jugendarbeit an. Das frisch errichtete Jugendhaus in der Calwer Straße wurde eröffnet – auf drei Stockwerken bieten sich seitdem enorme Möglichkeiten. An diesem Sonntag wird das mit einem Tag der offenen Tür gefeiert.

 

Bernd Elsässer war von Beginn an dabei – und schon davor. Bereits als das Jugendhaus noch am Marktplatz beheimatet war und vom Stadtjugendring (SJR) geführt wurde, schaute er selbst als jugendlicher Besucher oft vorbei. Und erhielt bald eine hauptamtliche Funktion. Der leidenschaftliche Fußballer kam damals als Jugendsprecher der SV Böblingen mit den Verantwortlichen um den SJR-Vorsitzenden Hans Ambros in Kontakt und wurde 1978 prompt als einer der ersten Sozialpädagogen fest angestellt. „Die Ausbildung habe ich an der damals neu eingeführten Berufsakademie gemacht“, erinnert sich der 64-Jährige, „eine spannende Zeit.“

Bernd Elsässer am Böblinger Marktplatz, wo das Jugendhaus in den 1970er-Jahren untergebracht war. /Stefanie Schlecht

Das Jugendhaus war damals in der Hausnummer 25 untergebracht, wo heute eine Pizzeria Essen anbietet. Anfangs hatten die Jugendlichen sogar in der benachbarten Nummer 27 – heute Fleischermuseum – ein Fotolabor und einen Veranstaltungssaal zur Verfügung. „Das waren super Räume“, erinnert sich Bernd Elsässer gerne an damalige Konzerte. Doch 1979 kam es zu einem großen Brand, das Haus Nummer 27 wurde zum Teil zerstört. Die übrigen Räume waren der steigenden Nachfrage zunehmend nicht gewachsen – „der Ruf nach einem Neubau wurde immer lauter.“ Oberbürgermeister Wolfgang Brumme galt zwar als konservativer Politiker, er unterstützte die Böblinger Jugendarbeit aber und erkannte ihren Wert. So entstand die Idee für ein neues Jugendhaus in der Calwer Straße 4.

Einer der maßgebliche Sozialarbeiter der Anfangszeit – und noch vor Bernd Elsässer – war Dieter Taubitz. Auf ihn gehen wesentliche Raumplanungen für das neue Jugendhaus zurück. Dessen Eröffnung erlebte Taubitz nicht mehr, er kam 1982 bei einem Motorradunfall ums Leben. „Besucher des Jugendhauses am Markplatz haben die Maschine vom Unfallort geholt“, erzählt Elsässer, „sie repariert und verkauft.“ Mit dem Geld wurde ein Gedenkstein bezahlt, der einen Platz am neuen Jugendhaus fand, als es im Oktober 1983 unter städtischer Trägerschaft eröffnet wurde.

Die räumlichen Möglichkeiten am neuen Standort waren gigantisch – unten Proberäume und Werkstätten, im Erdgeschoss Veranstaltungs- und Aufenthaltssaal, im Obergeschoss Café-Betrieb und viele Gruppen- und Arbeitsräume. „Aber es gab auch Vorbehalte“, erinnert sich Bernd Elsässer, „manche fanden den Standort im Vergleich zum Marktplatz zu weit draußen.“ Nichtsdestotrotz waren insbesondere die Werkstätten damals heiß begehrt – Fotolabor, Motorrad-Werkstatt, Holz-, Siebdruck oder Tonatelier – das alles kam bei der Jugend an, damals selbstredend noch frei von Computer und Smartphones.

Um unterschiedlichem Klientel gerecht zu werden, startete das neue Haus mit zwei Einrichtungen unter einem Dach. Während im Erdgeschoss ein klassischer Jugendhaus-Stil gepflegt wurde, richtete sich das „Café Diabolino“ im Obergeschoss eher an Ältere und an jene Jugendlichen, die Proberäume und Werkstätten nutzten. „Wir haben da manchmal den Vorwurf gehört, wir würden die Gruppen zu stark trennen und nicht zusammenzubringen“, sagt Bernd Elsässer, der das Café Diabolino bis 2002 leitete, „das war aber Quatsch.“ Mit allen gemeinsam sei zum Beispiel 1996 eine Rock-Rap-Version der Dreigroschenoper entstanden. „Da waren um die 60 Jugendlichen beteiligt.“

Ein Vorteil der Zweiteilung: Das Sozialpädagogenteam konnte sich die Öffnungszeiten oben und unten aufteilen und war so insgesamt präsenter, als wenn immer alles geöffnet gewesen wäre. Doch in den 2000er-Jahren hatte sich das Konzept dann doch überlebt. 2007 verschmolzen die beiden Einrichtungen zu einer: das Jugendkulturzentrum „Casa Nostra“ war geboren – mit dem Auftrag, eine breitere Masse und insbesondere mehr Kinder anzusprechen. Bernd Elsässer war da längst als Personalratsvorsitzender ins Rathaus gewechselt.

Auch politische Aktivitäten waren im Jugendhaus immer Thema. „In den 80er-Jahren gab es eine Nicaragua-Gruppe, die Geld gesammelt hat“, erinnert sich Elsässer. Heutzutage sind viele im Jugendgemeinderat aktiv, der vom Jugendhaus begleitet wird. „Natürlich ist auch die Sozialarbeit wichtig“, ergänzt Elsässer, „die Jugendlichen brauchen Ansprechpartner, die sie ernst nehmen.“ Der soziale Austausch sei nach Corona und in Zeiten von Individualisierung und Digitalisierung wohl gefragter denn je – 40 Jahre nach der Eröffnung ist das Jugendhaus in der Calwer Straße also weiterhin eine überaus wichtige Anlaufstelle.

Fest Zum 40. Geburtstag veranstaltet das Team am Sonntag, 24. September, einen Tag der offenen Tür. Es gibt viel Programm, unter anderem treten Tanzgruppen auf, darunter die regional bekannten Breakdancer der „Move Mafia“.