Am Wochenende lädt Eric Gauthier wie schon beim vergangenen Colours-Festival auf dem Schlossplatz zum Mittanzen ein. Foto: Simon Wachter/GD

Bevor das Colours-Festival im Stuttgarter Theaterhaus alle Bühnen bespielt, mischt Eric Gauthier die Stadt auf. Nicht nur in der City animiert der Tanz-Missionar zum Mitmachen.

Die Innenstadt hat als bloße Shoppingmeile ausgedient. Alle sind sich einig: Urbane Zentren sollen sich nicht mehr nur über den Konsum definieren, denn der spaltet eher und schließt aus, als dass er eine Stadtgemeinschaft zur Begegnung einlädt. Während in Architekturforen darüber diskutiert wird, welche Perspektiven Innenstädte im Wandel brauchen, zeigt Eric Gauthier ganz praktisch, wie ein Beitrag der Kultur aussehen könnte. Seit dem ersten Colours-Festival 2015 taucht der Macher von Gauthier Dance jeden zweiten Sommer mitten in Stuttgart auf, um möglichst viele Menschen zu bewegen und spüren zu lassen, wie verbindend Tanzen ist. „Ich will den Tanz zu den Menschen bringen, die nicht zum Tanz kommen können“, erklärt Gauthier seine Mission.

 

Ein Sprinter bringt Gauthier und den Tanz vor Ort

Bei der vierten Ausgabe des Festivals gerät dieses Warm-up in der Stadt noch üppiger als sonst, bevor vom 30. Juni an die Bühnen im Theaterhaus bespielt werden. An diesem Samstag fällt um 11 Uhr dafür auf dem Schlossplatz der Startschuss auf dem „Colours-Playground“. Tanz für alle hat sich Eric Gauthier als Motto auch für seine automobile Tanzmission vorgenommen, für die er von Montag an bei einem knappen Dutzend Stopps von einer Sprinter-Ladefläche herab Bewegung in Stadtteile von Botnang bis Zuffenhausen bringen wird.

Auf dem Schlossplatz teilen bis Sonntagabend Profis wie Selatin Kara, Terence Ill, Teodora & Kia ihr Wissen. Tanzen wie am Broadway? Breaken mit den Besten? Salsa zu Livemusik? Tanzfans werden sich wohl Blasen an den Füßen holen; auch das Angebot für junge Menschen ist durch die Zusammenarbeit mit dem zeitgleich stattfindenden Kinder- und Familienfestival groß. „Nach der Pandemie sind die Kinder meist nicht mehr so fit wie davor. Und Tanz ist ein Medium, das über die Musik den Körper fast von alleine in Bewegung bringt. Da reicht ein kleiner Impuls, ein Push von mir – und es geht ab“, sagt Eric Gauthier, der auch tough Guys, die nie tanzen, knackt.

Eric Gauthier knackt auch harte Jungs

Sein Trick: „Ich spüre, wie ansteckend Leidenschaft ist. Die Menschen wollen denselben Spaß haben wie der Junge, der vor ihnen steht.“ Auf den Pop-up-Stationen hat Gauthier Hits dabei, Michael Jacksons „Thriller“ etwa. „Ich studiere mit Passanten eine Light-Version des Videoclips ein. Wer anschließend das Original schaut, ist überrascht: Oh, das habe ich auch getanzt!“, macht Eric Gauthier Lust aufs Ausprobieren.

Was auf der Bühne geboten ist

Der Spaß am Tanz soll auch beim Bühnenprogramm im Vordergrund stehen, wie Colours-Programmmacher Meinrad Huber betont: „Nach der Pandemie wollte ich die Menschen aufmuntern und mit meiner Auswahl verlorene Freude zurückbringen – auch wenn die positive Grundstimmung schwerfällt mit dem, was gerade um uns herum passiert.“ Dazu passt, dass bei neuen Tanzproduktionen „politische Themen mehr Gewicht haben“, wie Meinrad Huber einen Trend benennt: „Das können Fragen der kulturellen oder sexuellen Identität sein, aber auch Klima- und Umweltkrise.“

Stars von morgen schon heute entdecken

Wer bei einem Festival gern Künstler entdecken möchte, die demnächst angesagt sind, dem legen Gauthier und Huber den britischen Choreografen Botis Seva ans Herz, der für „BLKDOG“ den Oliver Award gewonnen hat – und das Out Innerspace Dance Theatre mit „Bygones“: Die Kanadier David Raymond und Tiffany Tregarthen gaben in diesem Jahr ihr choreografisches Debüt am Nederlands Dans Theater (NDT).

Für Ballettfans

Das NDT wiederum ist die Empfehlung für alle, die es etwas klassischer lieben. Die holländische Vorzeigekompanie kommt mit einem aus technischen Gründen leicht geänderten Programm: Neben Werken von Marco Goecke und William Forsythe wird nun Sharon Eyals „Bedroom Folk“ zu sehen sein. Auch Eyals eigene Kompanie L-E-V, die ihre beim ersten Festival begonnene Trilogie über die Liebe abschließt, speist sich aus der klassischen Ästhetik, bricht aber über Technobeats und auf der Stelle tänzelndem Bewegungsfluss hart mit Gewohnheiten.

Musikalisch überraschend

Wer musikalisch überrascht werden möchte, ist bei Adonis Foniadakis richtig: Der Grieche lässt in „Salema Revisted“ Musiker und Volkstanz seiner Heimat Kreta auf modernen Tanz treffen. Oder bei Dada Masilo: Die Südafrikanerin setzt für die „Sacre“-Version ihrer Dance Factory auf afrikanische Livemusik. Tanz, der sich in jeder Hinsicht technisch weit vorwagt, bringt der Brite Alexander Whitley in „Anti-Body“ auf die Bühne: Tänzer treten mit ihren Avataren in einen Dialog, Bits und Bytes treffen auf expressive Körper.

Mut zur Avantgarde

Tanz, der alle anspricht

Zwei Stücke, die ein möglichst breites Publikum ansprechen können, bietet das Colours-Festival gleich zum Auftakt: In der Turnhalle tobt Gauthier Dance wie an fast jedem Festivalabend bis zum 16. Juli durch Ohad Naharins Tanzspaß „Kamuyot“; in der großen Halle macht der israelische Choreograf Emanuel Gat mit den Hits von Tears for Fears den Sound der 1980er Jahre zum Motor, der seinen „Lovetrain2020“ antreibt.

Hier wird getanzt

Termine
Der „Colours-Playground“ eröffnet an diesem Samstag um 11 Uhr auf dem Schlossplatz das Festival in der City und bleibt bis Sonntag, 18 Uhr, aktiv. Mit „Colours Pop-up“ tourt Eric Gauthier vom 27. bis 29. Juni durch zehn Stadtteile. Auf der Bühne präsentiert das 4. Colours-Festival vom 30. Juni bis zum 17. Juli im Theaterhaus Auftritte von 17 Tanzkompanien. Die Ausstellung „Unfolding Bodies“ im Theaterhaus-Foyer lässt mit Fotos von Janette Bak die letzten zwei Spielzeiten von Gauthier Dance Revue passieren; sie wird am 26. Juni, 14 Uhr, eröffnet.

Tickets
„Die Zuschauer planen kurzfristiger“, sagt Eric Gauthier. Deshalb gibt es noch für alle Veranstaltungen Karten. Erwartet wird zudem Fachpublikum bis aus den USA, Kanada und Australien. „Das Colours-Programm ist ein Traum für Tanzveranstalter“, sagt Gauthier.

Neu
Erstmals bietet das Festival einem Künstler einen Residenz-Aufenthalt: In den freien Gauthier-Dance-Studios erarbeitet Shahar Binyamini mit fünf Tänzerinnen und Tänzern aus seiner Heimat Israel ein Stück, das beim nächsten Festival 2023 zu sehen sein wird. Am 5. und 8. Juli gibt er in der Sporthalle Einblicke.