Die Sorge in Rudersberg wächst, weil der Untergrund empor strebt: Um bis zu 39 Zentimeter (roter Pfeil) , im Außenbereich sogar um 49 Zentimeter, hat sich der Boden gehoben. Foto: Herrmann

Neubaugebiet der Rems-Murr-Gemeinde Rudersberg registriert Erhöhung um bis zu 39 Zentimeter.

Rudersberg - Die Menschen des kleinen gallischen Dorfs hatten Angst, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt. Im Flecken Zumhof in Rudersberg (Rems-Murr-Kreis) läuft’s umgekehrt: Hier fürchten Bewohner, dass der Untergrund aufgeht wie ein Hefekloß. In Verdacht stehen einmal mehr Geothermie-Bohrungen.

Besucher des Ausfluglokals Waldenstein kommen, bevor sie an ihr Ziel gelangen, unweigerlich durch dieses auf einem Gebirgsvorsprung oberhalb des Wieslauftals gelegenen Örtchen. 447 der insgesamt 11 405 Rudersberger Einwohner leben ausweislich der Gemeindestatistik in dem Weiler. Auf dem Dorflatz steht noch der Maibaum. Am oberen Ortsrand verkauft die hiesige Hausnudelmanufaktur im Lädle 160 Teigwaren-Variationen. Der Zumhof, so die Welzheimer Zeitung im September 2011, erinnere wegen des tollen Zusammenhalts „ein wenig an Asterix’ berühmtes, sympathisches kleines gallisches Dorf“.

Eine Idylle? Ja! Aber eine brüchige Idylle. Zumindest was den westlichen Zipfel angeht. Hier befindet sich seit 2006 das Neubaugebiet Im Kiesel, auf der anderen Seite Gaisbergweg mit seinen vor rund 20 Jahre errichteten Gebäuden. Vor einigen Monaten bemerkten die Anwohner die ersten haarfeinen Risse. Türen ließen sich nicht mehr richtig schließen. Auf dem Herd einer Küche stehe das Bratöl schräg in der Pfanne, hieß es, ein Haus stehe nicht mehr im Lot, eine Garage sei am Abkippen. Umgehend schickte das Rathaus einen Vermesser raus: Tatsächlich hatte sich in der Mitte des Wohngebiets ein Kanaldeckel um 39 Zentimeter gelupft.

„Wer keine Ahnung hat, dem fällt überhaupt nichts auf“

Wer nun selbst als Besucher in wenigen Minuten durchs Wohngebiet spaziert, sieht von all dem – rein gar nichts. Eine Hausfrau lädt ihre Einkäufe aus dem Kofferraum. Auf dem spärlich belegten Parkplatz fahren Kinder mit Dreirad und Roller. Aus einem Küchenfenster heraus bestätigt eine Mutter, die Beobachtungen des Reporters: „Wer keine Ahnung hat, dem fällt überhaupt nichts auf.“ Und doch haben sie wie auch die Nachbarin auf dem Stellplatz nebenan die kleinen Veränderungen registriert. Und wer ist Schuld an dem sanften Aufstand des Untergrunds? Man weiß es nicht, den „bösen Buben“ gebe es nicht. „Das wird ja alles derzeit erst richtig untersucht“, sagt die Frau.

Betroffen sind, so die Auskunft aus dem Rathaus, 15 bis 17 Haushalte im Kiesel und 16 Häuser im Gaisbergweg, in der Summe also „30 bis 40 Haushalte“. Anfangs hieß es, geotektonische Störungen, also Verschiebungen in der Unterwelt, könnten eine Ursache sein. Oder ein 2007 gebautes Regenrückhaltebecken, durch das Wasser in den Gips in der Erde floss.

Die wahrscheinlichste Erklärung allerdings sind Erdwärmebohrungen. Auf sieben Grundstücken wurden 20 Erdsonden in bis zu 70 Meter Tiefe getrieben. Erst später kam eine Vorschrift, wonach ab 38 Meter Schluss ist, sofern Gipsvorkommen auftauchen. Die Theorie: Wenn das Mineral Anhydrit mit Wasser in Berührung kommt, gibt’s ein sogenanntes Gipskeuperquellen – der Gips dehnt sich aus und drückt nach oben. „Das allerdings sei sicher „nicht schlagartig passiert", erläutert Landratsamts-Sprecher Harald Knitter, sondern ein Prozess über einen längeren Zeitraum gewesen. „Es ist keine Gefahr im Verzug, die sofortige Sicherungsmaßnahmen an den Häusern erforderlich machen.“ Die jüngste Messung Tagen förderte gar eine Anhebung von 49 Zentimeter zutage. „Das liegt aber außerhalb der Bebauung, in einem Hohlweg“, so Knitter.

Bürgermeister Kaufmann spricht von einer „besorgniserregenden Situation“

Rudersbergs Bürgermeister Martin Kaufmann spricht von einer „besorgniserregenden Situation“. Er hat die Kreisbehörde zu schnellem Handeln aufgefordert – um die Ursachen aufzuspüren und das Aufquellen der Gipsschichten zu stoppen. Etliche Zumhofer fürchten um den Wert ihrer Häuser, andere beklagen sich, dass „schon Paparazzi“ im Kiesel Fotos ihrer Häuser geschossen hätten. Bei einem Anwohnertreffen im Rathaus wurden Pressevertreter nur dann geduldet, wenn sie keine Namen oder Hausnummern nennen. „Da sind einige durch den Wind, das ist ja auch verständlich“, sagt eine Rathausmitarbeiterin.

Dabei wissen die meisten natürlich, dass sich das Thema auf lange Sicht kaum verheimlichen lässt. Die Frau in der Küche sagt: „Wir müssen abwarten. Außerdem wohnen ja alle von uns erst seit kurzem hier, da hat noch keiner versucht, sein Häusle zu verkaufen.“ Und was ist mit dem leeren Grundstück schräg gegenüber? „Der Bauplatz ist verkauft, aber wer weiß, ob der jetzt so schnell kommt“, sagt sie.

Kommune und Landratsamt wollen den Zumhof jetzt mit einem Messnetz überziehen: An 80 bis 100 Punkten sollen Anwohner Bodenveränderungen im Millimeterbereich registrieren und weitermelden. Zudem werden die vorhandenen Erdwärmesonden genau auf Mängel inspiziert. Und schließlich bereitet das Landratsamt Erkundungsbohrungen vor. Diese sollen noch weiter als 70 Meter in die Tiefe gehen, um die Verhältnisse dort unten genau zu prüfen. Das Ganze erfolgt in Absprache mit dem Freiburger Landesamt für Geologie. Denn es wäre ja eine Ironie der ohnehin verfahrenen Geschichte, wenn ausgerechnet durch diese Erkundungsbohrung die Unterwelt im Zumhof noch mehr geschädigt würde.

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