In diesem Lkw wurden die 39 Leichen entdeckt. Foto: AFP/Ben Stansali

Nach dem Fund von 39 Leichen in einem Lkw im britischen Essex hat die Polizei zwei Männer verhaftet. Das ganze Wochenende stellte die britische Polizei Ermittlungen an zu den Hintergründen der Katastrophe.

London - Es ist 4.28 Uhr morgens in Vietnam, als Pham Thi Tra Mys letzte SMS ihre Eltern erreicht. „Es tut mir so leid, Mama“, schreibt die 26-Jährige. „Meine Reise ins Ausland ist gescheitert. Mama, ich liebe dich so sehr! Ich kann nicht atmen, ich werde sterben.“ Danach genaue Information ihres Herkunftsortes. Und noch einmal: „Es tut mir so leid, Mama.“ Zu diesem Zeitpunkt ist der Container, in dem sie gesessen haben soll, vom belgischen Zeebrugge zum britischen Hafen Purfleet unterwegs.

Die junge Vietnamesin soll eines der 39 Opfer sein, die am Mittwoch tot in einem Lkw im britischen Essex gefunden wurden. Der Zeitpunkt ihrer Textnachricht deckt sich mit der Zeitspanne, in der die illegalen Migranten in dem Kühlcontainer erfroren. Vor ihrer letzten Botschaft hatte Pham die Eltern gemahnt, sie auf der letzten Etappe ihrer Reise nicht anzurufen. Die Leute, die den Transport organisiert hatten, hätten es verboten.

In dem Kühlcontainer befanden sich auch viele Vietnamesen

Das ganze Wochenende stellte die britische Polizei Ermittlungen an zu den Hintergründen der Katastrophe. Fest steht, dass 31 Männer und acht Frauen einem skrupellosen Menschenhändler zum Opfer gefallen sind. Anfangs hatte die Polizei noch erklärt, bei den Opfern handle es sich um chinesische Staatsbürger. Wie sich anderntags aber heraus stellte, befanden sich darunter auch Vietnamesen. Mehrere vietnamesische Familien, die erwartet hatten, von ihren Kindern ein Lebenszeichen nach der Ankunft in England zu erhalten, hofften vergebens – und sind sich inzwischen sicher, dass ihre Sprösslinge mit im Container waren.

Eine Familie erklärte, es habe sich um einen Konvoi von drei Trailern gehandelt, mit über hundert Personen an Bord. Die vietnamesische Botschaft in London richtete am Wochenende eine Hotline ein, um bei der Identifikation zu helfen. Es werde leider einige Zeit dauern, bis man Gewissheit habe, meint die Polizei. Der 25-jährige Fahrer, der den Container im Hafen Purfleet abholte, um ihn in ein Industriegelände östlich von London zu befördern, wurde festgenommen.

Irische Polizei verhaftet zweiten Verdächtigen

Maurice („Mo“) Robinson aus dem nordirischen Armagh wird vorgeworfen, für den Tod der 39 verantwortlich zu sein und einer Bande von Menschenhändlern anzugehören. In Dublin wurde am Wochenende ein weiterer Mann verhaftet. Gegen den 48-Jährigen habe es einen Haftbefehl wegen einer mutmaßlichen Straftat in Irland gegeben, die Polizei in Essex habe jedoch Interesse bekundet, den Mann zu befragen, heißt es in einer Mitteilung der Dubliner Polizei vom Samstag. Drei weitere Personen, die verhaftet worden waren, kamen am Sonntag auf Kaution frei.

Wie die „irische Verbindung“ funktionierte und in welchem Zickzack-Verfahren der Trailer in den Tagen vor dem Vorfall zwischen Irland, England, Belgien und Frankreich unterwegs war, versucht die Polizei zu rekonstruieren. Auch wie die Opfer nach Zeebrugge gelangten, ist noch nicht vollständig klar.

Die Schleuser lassen sich fürstlich bezahlen

Bekannt ist, dass seit einigen Jahren sehr viele Vietnamesen versuchen, nach Großbritannien zu kommen, um dort Arbeit zu finden. Die Statistiken vermelden einen steilen Anstieg des Zuzugs illegaler Migranten aus den ärmeren Regionen Vietnams, in denen es zu wenig Arbeit und zu viele Arbeitskräfte gibt. Illegal reisen die Betreffenden in Großbritannien ein, weil es für unqualifizierte Zuwanderer aus Asien kaum eine Chance zur legalen Einreise gibt.

Die Menschenschmuggler, die die Anreise und den Transport nach England organisieren, lassen sich den „Service“ einiges kosten. Zwischen 11 000 und 40 000 Euro verlangen sie pro Person. Wer den Höchstpreis bezahlt, kann die Reise mit einem Flug – etwa von China nach Frankreich – verkürzen. Beim „billigeren Tarif“, der noch immer zehn Jahreslöhnen einer vietnamesischen Familie in ländlichen Gebieten entspricht, ist die Reise entsprechend länger und strapaziöser. Dennoch sind Familien, die für ihre Kinder und für sich selbst „eine bessere Zukunft“ erhoffen, vielfach bereit, sich lebenslang zu verschulden.

Pham hatte es bereits nach England geschafft – wurde aber zurückgeschickt

Großbritannien lockt nicht nur wegen des Geldes, sondern auch, weil es schon eine starke vietnamesische Bevölkerung im Vereinigten Königreich gibt. Junge Vietnamesinnen hoffen auf Jobs in Schönheitssalons oder in vietnamesischen Restaurants. Junge Männer werden oft eingesetzt, um versteckte Cannabis-Farmen zu betreuen oder landwirtschaftliche Arbeit zu versehen. Wegen ihres illegalen Status wagen es die wenigsten, sich gegen ausbeuterische Arbeitsbedingungen und menschenunwürdige Unterbringung zu wehren. Hoch verschuldet durch die Anreise, verbringen sie Jahre in Knechtschaft. Statt als Schmuggel-Opfer werden sie von der britischen Justiz als kriminelle Eindringlinge betrachtet und oft kurzerhand deportiert, wenn sie aufgespürt werden – was ihre verschuldeten Familien in eine ausweglose Lage bringt.

Wohlfahrtsverbände beklagen, dass der Staat es an finanzieller Unterstützung und Verständnis für die Migranten fehlen lässt. Dem Bruder Pham Thi Tra Mys zufolge hatte es seine Schwester schon nach England geschafft. Die Grenzpolizei habe sie aber festgenommen und nach Frankreich zurückgebracht. Danach versuchte sie es im Container von Zeebrugge aus.

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