Ursula Lösch, Susanne Kleinbeck und Doris Bertram (von links) stricken in Leonberg für den guten Zweck. Aber Zeit für Kaffee und Kuchen im Hey Cake gönnen sie sich auch. Foto: Simon Granville

Ein ungewöhnlicher Weltrekord-Versuch soll Obdachlosen in Deutschland und der Schweiz helfen. Drei Frauen stricken in Leonberg dafür fleißig Socken – und suchen noch Unterstützung.

Die Stricknadeln in ihren Händen bewegen sich flink. Man sieht, dass Doris Bertram, Susanne Kleinbeck und Uschi Lösch äußerst erfahren sind und große Freude haben. Ab und zu schauen sie auf das Strickzeug, meistens aber unterhalten sie sich miteinander, und das Stricken läuft automatisch nebenher.

 

Die drei Frauen haben sich an einem Tisch im Hey Cake in der Leonberger Altstadt zum gemeinsamen „Anstricken“ eingefunden. Sie wollen am Socken-Weltrekord, einem Schweizer Projekt, teilnehmen, bei dem Socken für Obdachlose und Bedürftige gefertigt werden. Sie hoffen, dafür weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu finden.

Susanne Kleinbeck hat alle Bücher der Autorin Susanne Oswald gelesen. Deren Geschichten drehen sich immer um das Stricken, auch Strickmuster finden sich in ihren Werken. „Da kam irgendwann das Thema Socken stricken für Obdachlose auf,“ erzählt Kleinbeck. Das habe sie sofort begeistert. Die Buchhändlerin Miriam Cahannes, Veronika Hug, Susanne Oswald und ihr Mann Bernd Oswald wollen jetzt mit ihrem Projekt den aktuellen Rekord von 35 500 gestrickten Socken an einer Wäscheleine knacken. Das Ziel sind 36 000.

Die Socken sollen danach an Kältebusse, Hilfsbusse und stationäre Hilfsstellen in Deutschland und der Schweiz gespendet werden. Mit dem Weltrekordversuch wollen sie das Thema Obdachlosigkeit an die Öffentlichkeit bringen. Das offizielle Anstricken ist Ende März beim „Swiss Yarn Festival“.

Trio aus Leonberg strickt gemeinsam im Hey Cake für den Weltrekord-Versuch

„Wie wollen das Projekt unterstützen, auch wenn wir unabhängig sind“, sagt Kleinbeck. Sie hat auch ihre Nachbarin Doris Bertram dafür gewinnen können. „Wir machen die Welt ein bisschen wärmer. Das gefällt mir“, sagt Bertram. Eine Führung bei der Bahnhofsmission in Stuttgart spornte die beiden Damen bei ihrem Engagement an.

Das Ziel ist eingerahmt: Mit 36 000 Socken soll ein Weltrekord geknackt werden. Foto: Simon Granville

„Ich bin jetzt beim zwölften Paar“, sagt Susanne Kleinbeck erfreut beim gemeinsamen Werkeln im Hey Cake. 100 wolle sie schaffen. „Den Ehrgeiz habe ich nicht“, bekennt Doris Bertram. Kleinbeck meint, dass das Stricken bei ihr wohl schon eine Form von Sucht sei: „Ich kann abends nicht sitzen ohne meine Nadeln.“ Außerdem könne sie dabei gut Stress abbauen. Kleinbeck hat auch am internationalen Kunstprojekt teilgenommen, bei dem Korallen gehäkelt wurden, die dann im Frieder Burda Museum in Baden-Baden bei der Ausstellung „Wert und Wandel der Korallen“ im Jahr 2022 gezeigt wurden. Allerdings gibt Kleinbeck zu: „Häkeln tue ich nicht so gerne.“

Doch beim Stricken ist sie nicht zu bremsen. Doris Bertram meint: „Sie ist wahrscheinlich viel produktiver als ich.“ Da ist es gut, dass es inzwischen nicht nur Nadeln aus Metall gibt. Nachdem sich Kleinbecks Mann über das ständige Klappern beschwert hatte, ging auch sie dazu über, Nadeln aus Bambus zu benutzen. „Die kriegst du selbst beim Flughafen durch die Kontrolle“, sagt Uschi Lösch, die von den anderen beiden um ihre Wolle mit Edelweißextrakt beneidet wird. Doris Bertram gibt lachend zu, dass sie die Pflanze nur vom Edelweißschnaps her kennt. Susanne Kleinbeck fügt, ebenso lachend, hinzu: „Dann haben die Socken bestimmt eine gute Wirkung.“

Socken-Weltrekord: Das Trio aus Leonberg hofft auf Verstärkung durch weitere Strickerinnen oder Stricker

Auch wenn die drei Frauen zum Socken-Weltrekord beitragen wollen, so wird klar, dass der Spaß bei ihnen nicht zu kurz kommt. Und natürlich ist auch eine Pause zwischendrin erlaubt, bei der sich die Strickerinnen an Kuchen, Tee, Kaffee oder einem kalten Getränk stärken. „In Gesellschaft strickt es sich besser“, erläutert Uschi Lösch, die auch in der Strickrunde im Bürgertreff in Gerlingen aktiv ist. Zudem sei das gemeinsame Stricken eine Gelegenheit, Kenntnisse auszutauschen. Beispielsweise über die Wolle oder „den Anschlag“, das Aufnehmen der Maschen. So will Doris Bertram von Lösch unbedingt mehr über den „italienischen Anschlag“ wissen.

Susanne Kleinbeck erzählt, dass ihnen auch Spenden angekündigt wurden, „in Form von Socken oder Wolle“. Das freut die engagierten Frauen. Ansonsten hoffen sie, dass weitere Strickerinnen oder Stricker zu ihnen stoßen – und dass es nach der Teilnahme am Socken-Weltrekord bei ihnen weitergeht. „Wir wollen etwas Sinnvolles machen, und etwas, das ankommt.“

Das nächste Treffen zum gemeinsamen Stricken für den guten Zweck ist für Mittwoch, 18. März, von 14 Uhr an im Hey Cake in Leonberg geplant.