Immer unterwegs: Bei ihren Aufführungen für das Bestelltheater „Dein Theater“ haben Katja Ritter und Hannes Eimert viel erlebt. Foto: Caroline Friedmann

In diesem Jahr feiert „Dein Theater“, das Stuttgarter Theater auf Bestellung, sein 35-Jahr-Jubiläum. Das Ensemble hat für Politikgrößen, Kindergärten und für Strafgefangene gespielt. Ein Interview mit Hannes Eimert und Katja Ritter.

S-Ost - An der Hackstraße im Stuttgarter Osten wurde 1984 das erste deutsche Theater auf Bestellung gegründet. Seither treten die Schauspieler des Ensembles bei Veranstaltungen, Feiern, in Kindergärten oder Pflegeheimen auf und engagieren sich für soziale Projekte. Rund 800 Auftritte hat das Theater jedes Jahr. Wir haben mit Hannes Eimert und Katja Ritter von „Dein Theater“ über ihre Erlebnisse aus den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten gesprochen.

Frau Ritter, wie lang sind Sie schon bei „Dein Theater“ mit dabei? Wie ging es für Sie los?

Ritter Ich bin seit 1984 beim Ensemble dabei, kurz nach dem Start von „Dein Theater“ habe ich angefangen. Damals war das noch eine kleine Schauspielschule, die Stücke, die wir einstudiert haben, sollten aber auch bei Aufführungen gezeigt werden. Am Anfang waren wir schon etwa 30 Schauspieler und haben in Kindergärten, Schulen und Altenheimen gespielt. Wir haben Märchen aufgeführt und literarische Programme zu den verschiedenen Jahreszeiten. Der erste Auftritt war am 1. Dezember 1984 im Heidehofheim. Denn es war immer schon unsere Intention, dass man Soziales mit Kultur verbindet. Und deshalb haben wir versucht, Kultur zu den Menschen zu bringen. Senioren, die im Altenheim sitzen, können nun mal nicht ins Theater gehen. Also sind wir dorthin gegangen.

Das war für die alten Menschen sicher ein Highlight, oder?

Ritter Ja, ich denke schon. Ein Ausspruch einer alten Dame ist mir auch bis heute in Erinnerung geblieben. Sie hat damals nach unserem Auftritt gesagt: „Das war das tollste Theater, das ich jemals gesehen habe. Ich war zwar noch nie im Theater, aber das war das tollste.“

Wie haben Sie denn Ihre Anfänge erlebt, Herr Eimert?

Eimert Ich bin 1987 dazu gekommen. Wie Katja ja schon sagte, war das Ganze anfangs eine richtige Theaterschule, die auf Initiative von Friedrich Beyer gegründet wurde, einem Regisseur, der an vielen Häusern gearbeitet hat, in Hamburg, Berlin und Basel unter anderem. Jeder, der hier dabei war, hat eine vierjährige harte Schauspielausbildung durchlaufen. Und wir haben uns von Anfang an als eine Art Handwerksbetrieb verstanden, also Kunst, Kultur und Schauspiel als Handwerk. Und diese Dienstleistung wollten wir verkaufen. Das hat bis heute mit tausenden von Vorstellungen gut funktioniert.

Vor welchem Publikum spielen Sie denn in der Regel?

Ritter Das reicht vom Kindergarten bis zur Vorstandsetage von Daimler. Wir haben aber auch schon bei Veranstaltungen vor Richard von Weizsäcker gespielt, vor Johannes Rau, dem Violinisten Yehudi Menuhin und vor Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg.

Bei diesen unterschiedlichen Auftritten haben Sie sicher viel erlebt. Gibt es eine Aufführung, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Eimert Wir hatten mal eine Aufführung in einem Gefängnis in Butzbach bei Frankfurt. Und kurz bevor die Aufführung begann, kam ein Justizbeamter, zeigte auf die erste Reihe im Publikum und sagte in seinem hessischen Dialekt: „Alles Mörder, alles Mörder.“

Wie fühlt man sich da auf der Bühne?

Ritter Das hat uns eigentlich nicht gestört. Wir sind ein sehr frauendominiertes Theater, etwa 75 Prozent hier sind Frauen. Und als wir ins Gefängnis kamen, hörte man schon die Pfiffe und den Jubel, die haben sich über unseren Besuch total gefreut. Aber eine besondere Atmosphäre war das trotzdem.

Im Grunde haben Sie dieses Jahr ja sogar zwei Jubiläen zu feiern: Das 35. Jubiläum von „Dein Theater“ und den 20. Geburtstag des Wortkinos, das ja auch zu Ihrem Ensemble gehört.

Eimert Ja genau, 1999 haben wir das Wortkino an der Werastraße gegründet, wo wir ja Programme machen, bei denen das Wort so stark ist, dass im Kopf Kino entsteht. Unsere Markenzeichen sind unsere Porträts von Dichterinnen und Dichtern. Wir haben aber gemerkt, dass die Leute die beiden Theater gedanklich nicht unter einen Hut bringen und oft gar nicht wissen, dass es dasselbe Ensemble ist. Deshalb heißt das Wortkino seit ­Anfang des Jahres „Wortkino – Dein Theater“.

Neben dem Theater ist Ihnen auch die soziale Arbeit wichtig. Sie haben ja schon vor langem einen Kindergarten gegründet, richtig?

Eimert Ja, vor 30 Jahren haben wir, erst mal privat, einen Betriebskindergarten eröffnet, weil die Frauen, die hier arbeiten, ja auch mal schwanger wurden. Dann hat sich das über die Jahre weiterentwickelt und 2001 haben wir den Verein „Hütte – Dein Theater – soziale Arbeit für Kinder und Jugendliche“ gegründet. Heute werden in einer Kindertagesstätte mit zwei Gruppen an der Teckstraße und in einem Hort an der Raitelsbergstraße insgesamt 35 Kinder betreut. Der Verein ist freier Träger der Jugendhilfe und wird von der Stadt Stuttgart und dem Jugendamt unterstützt. Etwa 20 Prozent der Kosten bringt der Verein durch Mitgliedsbeiträge, Elternbeiträge und Spenden auf. Und natürlich unterstützt „Dein Theater“ diese Arbeit ideell und durch seine Mitarbeit. Das ist auch eine wesentliche Antriebskraft für unser Ensemble.

Was ist für Sie das Schönste an Ihrem Job bei „Dein Theater“?

Eimert Das Schöne daran ist, dass wir mit unseren Aufführungen alle gesellschaftlichen Schichten kennenlernen und erreichen. Das bedeutet aber auch, dass wir uns auf jede Situation und jedes Publikum einstellen müssen. Man muss alle Strömungen mit aufnehmen, denn du kannst ein Programm nicht am Publikum vorbei inszenieren. Und wir sind ja ein Theater, das Literatur inszeniert. Und mit dieser Literatur, die es ja schon seit Jahrhunderten gibt, gehen wir wie mit einer Art Ratgeber um und gestalten unser Leben und das Leben unseres Publikums.

Ritter Wir sind zum Beispiel für unser Fontane-Programm nach Brandenburg gefahren, für Theodor Storm sind wir nach Husum gefahren, wir haben jüdische Dichterinnen im Programm wie zum Beispiel Selma Meerbaum-Eisinger. Und da haben wir immer viel gesehen und auch Kontakte geknüpft. Zu der Premiere des Meerbaum-Eisinger-Programms kam ihre Klassenkameradin aus Israel, aus Tel Aviv. Und sowas ist für uns natürlich toll. Ich finde, wir haben einfach den schönsten Job der Welt.

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