Initiator mit Altgoldspende: Zahnarzt Gerhard Cube Foto: Ferdinando Iannone

Als er vor Jahrzehnten an Krebs erkrankte Kinder behandelte, wollte der Stuttgarter Zahnarzt Gerhard Cube helfen, das Leid der Kleinen zu vermindern. Seine Idee einer Zahngold-Sammlung zugunsten des Förderkreises im Olgäle machte Schule. 6,2 Millionen Euro kamen seither zusammen. Nun gibt Cube den Stab an jüngere Kollegen weiter.

Es ist jetzt mehr als drei Jahrzehnte her, da hatte Zahnarzt Gerhard Cube immer wieder für ihn ganz besondere Patienten in seiner Praxis. Die liegt an der Schlossstraße im Stuttgarter Westen. Damals, vor dessen Umzug ans Katharinenhospital, war in seiner unmittelbaren Nachbarschaft noch das Kinderhospital Olgäle beheimatet. Und deshalb behandelte Cube auch krebskranke Kinder, die dort länger zur Chemotherapie stationär ausharren mussten. Wenn eines dieser schwer kranken Kinder Zahnschmerzen bekam, ging Gerhard Cube der Sache auf den Grund. Dabei ließ das Schicksal dieser Kinder den Zahnarzt nicht kalt. „Das hat mich sehr gerührt“, sagt er über seine damalige Reaktion. „Da muss ich helfen“, hat er sich gesagt, er wollte dazu beitragen, die Lebensumstände der Kinder während ihres Klinikaufenthaltes zu verbessern.

 

So kam der heute 74-Jährige auf die Idee mit dem Zahnaltgold. Ganz klein fing die Spendenaktion an. Zusammen mit seinen beiden Praxiskollegen bat er Patienten um die Spende ihres alten Zahngoldes. So kamen nach dem Start 1992 und 1993 schon rund 34 000 Mark zusammen, also rund 17 000 Euro in heutiger Währung. Den Förderkreis krebskranke Kinder Stuttgart am Olgäle gab es da schon, und dem ließen Gerhard Cube und seine Kollegen das Geld zukommen. Die Idee wurde publik. Viele andere Zahnmediziner aus Stuttgart und der Region waren offenkundig davon angetan und beteiligten sich. Zwischen 90 und 100 sind es in der Regel noch jedes Jahr.

Gerhard Cube ist immer noch als Zahnarzt tätig. Foto: Lichtgut / Ferdinando Iannone

Dabei kamen in den zurückliegenden 32 Jahren auf diese Weise sage und schreibe 6,2 Millionen Euro zusammen, erlöst durch die Spende von insgesamt 597 Kilogramm Zahngold. Diese Goldmenge wirkt noch bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass die einzelnen Zahngoldspenden teilweise nur sechs Gramm auf die Waage bringen. „Da kommt schon immer einiges zusammen“, sagt Gerhard Cube. Die jüngste Edelmetallmenge wog genau 8,07 Kilogramm und erbrachte rund 210 000 Euro, insgesamt 88 Zahnärztinnen und Zahnärzte machten mit. Das Jahr 2011 erbrachte sogar 20 Kilogramm und einen Erlös von 348 000 Euro. Eingeschmolzen wird das Zahnaltgold stets in der BEGO Bremer Goldschlägerei.

Über die Jahre entwickelte sich die Zahngold-Sammlung „zu einer der bedeutendsten Spendenaktionen für unseren Verein“, erklärt der Vorsitzende des Förderkreises krebskranke Kinder, Stefan Nägele. So wäre einer der Meilensteine des Vereins, der Kauf und Umbau des Familienhauses, des sogenannten Blauen Hauses, ohne die Spenden der Zahngold-Aktion „nicht möglich gewesen“, betont Nägele. Das Haus bietet in 16 Apartments eine Unterkunft für Familienangehörige während der stationären Behandlung ihrer Kinder oder Geschwister im Olgäle. Der Erlös der jüngsten Sammelaktion wird neben der Förderung des Blauen Hauses etwa auch für die Behandlung von Kindern mit chronischen Magen-Darm- und Lebererkrankungen verwendet sowie für die kinderonkologische Station am Olgahospital.

Dass das Spendenaufkommen der Stuttgarter Initiative in den vergangenen Jahren stabil blieb, ist dabei keineswegs selbstverständlich. Zum einen machte die Zahngold-Sammlung in der Region Schule. So sind mit den Jahren auch in den umliegenden Landkreisen solche Aktionen zugunsten der dortigen Kinderkliniken entstanden. Dennoch sei die Zahl der teilnehmenden Zahnärzte der Stuttgarter Aktion „nach und nach wieder aufgefüllt worden“, erklärt Gerhard Cube, obwohl er nie Werbung gemacht habe. Aber die Berichterstattung in der Zeitung und im „Zahnärzteblatt“ tat Wirkung.

Vor allem aber ging im Lauf der Jahre das Zahngold-Aufkommen stark zurück. „Die Leute wollen heute metallfreie Kronen und Füllungen“, weiß der Zahnarzt. Jetzt ist Keramik das Mittel der Wahl. Obwohl für Gerhard Cube aus ärztlicher Sicht qualitativ nichts geht über eine Zahnkrone aus Gold. Allerdings ist mit den Jahren auch der Goldpreis stark gestiegen – und das bei sehr stark gesunkenen Kostenerstattungsanteilen der Kassen für Zahnersatz. Der hohe Goldpreis aber hat zum Glück für die Spendenaktion und für das Olgäle den Erlös weiter hochgehalten.

Der Stoff, aus dem die Spenden sind: Zahnaltgold Foto: Lichtgut / Ferdinando Iannone

Selbst der Spendenskandal beim Förderkreis krebskranke Kinder vor etlichen Jahren, als herauskam, dass der frühere, zu diesem Zeitpunkt bereits verstorbene Vorsitzende und Gründer rund 2,1 Millionen Euro auf das eigene Konto abgezweigt hatte, wirkte sich nicht negativ aus auf die Zahlgold-Aktion. „Das war schlimm“, sagt Gerhard Cube. Man sei wegen der hohen Spendensumme und des Direkttransfers des Geldes zum Förderkreis von dem Skandal aber „nie getroffen gewesen“, so der Initiator. „Es gab bei der Sammelaktion keinen Rückgang.“

Zwar praktiziert Gerhard Cube zusammen mit seinem Sohn noch immer als Zahnarzt, doch die Zahngold-Sammlung, für die er 2014 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet wurde, will er abgeben. „Es wird höchste Zeit, dass ich das in jüngere Hände gebe“, stellt er fest. Denn in der Kollegenschaft fühlten sich die Jüngeren „von einem Älteren wie mir nicht mehr angesprochen“. Deshalb ist er froh und dankbar, mit Christina und Jens Kleinknecht, die eine Zahnarztpraxis in Stuttgart-Rot betreiben, nun Nachfolger gefunden zu haben. Am vergangenen Montag ist der Stabwechsel bei der traditionellen Spendenübergabe an den Förderkreis dann auch bereits offiziell vollzogen worden. Bei der aktuellen Spendenrunde kamen übrigens ganze 210 465 Euro zusammen.