300 Jahre Ludwigsburger Stadtgeschichte Aus dem Sumpf zur Residenzstadt

Von Tim Höhn 

Mit großem Programm feiert die Stadt Ludwigsburg in diesem Jahr ihren 300. Geburtstag. Dabei verlief die Gründung im Jahr 1718 keineswegs ohne Probleme – fast wäre das Herzensprojekt von Eberhard Ludwig gescheitert.

Ludwigsburg - Das Original ist im Lauf der Jahrhunderte verloren gegangen, nur eine Abschrift liegt vor. Mit ausladendem Pinselstrich, für heutige Augen kaum lesbar, das Papier vergilbt und an der Seite ausgefranst. Edel wirkt das nicht, kein Wappen, kein Siegel, kein Gold und kein Schnickschnack. Allein der Name unter dem Text deutet darauf, dass es sich um eines der bedeutendsten Dokumente der Ludwigsburger Stadtgeschichte handelt. Das Reskript, mit dem Herrscher früher Rechtsfragen regelten, stammt von Eberhard Ludwig, dem zehnten Herzog von Württemberg.

Geschrieben hat er es im Jahr 1718, und wenn die Barockstadt heute, 300 Jahre später, mit großem Aufwand Jubiläum feiert, dann liegt das allein an diesem Papier, mit dem Eberhard dem von ihm so geliebten Flecken Erde ein besonderes Privileg zu Teil werden ließ. Er erhob Ludwigsburg in den Rang der dritten Haupt- und Residenzstadt von Württemberg. „Über dieses soll ofterwehnte Unsere Residenz und dritte Haubtstatt Ludwigsburg und dasiges gesambtes OberAmbt Ludwigsburg alle und jede JuraPrivilegia, beneficia und reditus zu gaudiren, zu genießen und zu exerciren haben“, erklärte er feierlich.

Verwirrend mag das für manchen sein, der sich daran erinnert, dass Ludwigsburg 2009 schon einmal Jubiläum feierte und auch da auf die vergangenen 300 Jahre zurückschaute. Das liegt daran, dass für Ludwigsburg auf dem Weg zur Stadtwerdung nicht ein, sondern gleich drei Daten von herausragender Bedeutung sind. Schon weit vor 1718 hatte der stetige Aufstieg begonnen, als der Herzog 1709 seine Untertanen dazu aufrief, sich in Ludwigsburg niederzulassen – auch dies kann als Gründungsdatum interpretiert werden. Ebenso wie das Jahr 1704, als der Grundstein für das Residenzschloss gelegt wurde. „Das Schloss“, sagt der Stadtarchivar Simon Karzel, „war die Keimzelle und für lange Zeit bedeutender als die Stadt.“

Die Residenzstadt lockte Promis aus ganz Europa an – von Mozart bis Casanova

Trotzdem ist es gerechtfertigt, wenn Ludwigsburg in diesem Jahr mit großem Programm an die eigene Geschichte erinnert, mit einer Matinee im Scala, Konzerten, Theaterprojekten, Vorträgen, Ausstellungen und, als Höhepunkt, der Stadtgründungsfeier am 4. Mai im Forum am Schlosspark. Denn das Jahr 1718 war ein Einschnitt. Als Residenzstadt wurde Ludwigsburg in der Folge europaweit bekannt, das Schloss ein kultureller Hotspot, der die Promis seiner Zeit anlockte, von Mozart bis Casanova.

20 Jahre zuvor hätte dies niemand ahnen können. Hoheneck, Oßweil, Eglosheim – die meisten heutigen Stadtteile gab es da schon, erste Siedlungen lassen sich gar viele Jahrhunderte zuvor nachweisen. Aber das, was heute als Innenstadt bezeichnet wird, war Ende des 17. Jahrhunderts kaum mehr als die Ansammlung von drei Höfen: dem Fuchshof, dem Erlachhof und dem Schafhof. Feucht und sumpfig war die Gegend, aber ausgesprochen reich an Wild und deswegen ein beliebtes Ausflugsziel der herzöglichen Jagdgesellschaft. Schließlich ließ Eberhard Ludwig den Erlachhof zu einem Jagdhaus ausbauen. „Und dann wollte er irgendwann etwas Größeres“, sagt Karzel. 1704 folgte die Grundsteinlegung für das Schloss, sein Schloss. Im engen Stuttgart war kaum noch Platz für Erweiterungen vorhanden. In Ludwigsburg, auf freiem Feld, konnte hingegen in großen Dimensionen geplant werden.

Die Geschichte erinnert frappierend an jene von Versailles. Auch dort hatte ein Herrscher, in diesem Fall der spätere Sonnenkönig Ludwig XIV., genug von seiner Hauptstadt und ließ sich in seinem Jagdrevier, das ebenfalls von Sümpfen durchzogen war, einen standesgemäßen Palast errichten. Doch während Versailles schnell zum Zentrum der Welt aufstieg, verlief das Wachstum von Ludwigsburg in den ersten Jahren schleppend. Auf alten Karten ist erkennbar, dass Eberhard immer eine Planstadt im Auge hatte, in deren Zentrum das Schloss thront. Daneben sollte die Stadt auf beiden Seiten in die Breite wachsen. Was indes misslang, weil die Leute ausblieben, die hier wohnen wollten. Ludwigsburg expandierte daher anfangs nur nach Westen – dorthin, wo heute die Eberhardstraße und dahinter der Marktplatz das barocke Bild prägen. Das älteste Gebäude neben dem Schloss ist das Gasthaus Waldhorn, das noch heute an der B 27 steht.

Anfangs wuchs die Ludwigsburger Bevölkerung viel zu langsam

Trotz des Aufrufs von 1709, in dem der Herzog die Bevölkerung unter anderem mit Steuererleichterungen und kostenlosem Baugrund köderte, lebten 1719 nur zirka 600 Menschen in Ludwigsburg. Bis 1733 stieg die Zahl auf 5600, aber als Eberhard Ludwig in eben jenem Jahr starb, folgte ein Aderlass.

„War der Herzog in Ludwigsburg, mit seinem Hofstaat, seinen Beamten, dann ging es Ludwigsburg gut, denn dann kamen auch die Handwerker und Händler“, erzählt Karzel. „Aber wenn der Herrscher wieder nach Stuttgart umzog, gingen sofort die Lichter aus.“ Der Hofstaat von Carl Eugen, der 1737 der zwölfte Herzog von Württemberg wurde, umfasste bis zu 2000 Personen. Nur konnte er sich, zunächst als Tunichtgut verschrieen, nie wirklich für eine feste Residenz entscheiden, er pendelte und mit ihm ein großer Teil seines Hofs. Dennoch hat auch Carl Eugen Ludwigsburg stark geprägt, er ließ die Schlösser Monrepos und Solitude bauen, außerdem das Theater für Opern und andere Bühnenwerke. Mit hohen Gagen lockte er Künstler aus ganz Europa an und befeuerte damit den kulturellen Aufstieg der Stadt.

Einer seiner Nachfolger, Friedrich Wilhelm Karl von Württemberg, aus dem später der erste König von Württemberg werden sollte, nutzte Ludwigsburg immerhin noch als Sommerresidenz. Wilhelm II., der letzte württembergische König, mochte das Schloss nicht. Es war ihm zu groß, er lebte bescheidener. Aber auch er war oft in der Stadt, etwa in der Villa Marienwahl, in der er schon als Kronprinz gelebt hatte. Als sein Leichnam 1921, begleitet von einer großen Menschenmenge, nach Ludwigsburg überführt wurde, endete der Zug nicht am Schloss, der traditionellen Grablege der Herzöge und Könige, sondern auf dem Alten Friedhof.

Eberhard Ludwig wurde für die Stadtgründung massiv kritisiert

Die Ludwigsburger Geschichte unterscheidet sich demnach stark von der anderer Städte. Normalerweise erkämpften sich die Bürger das Stadtrecht und damit gewisse Privilegien und Rechte, die sie dem jeweiligen Herrscher abtrotzten. Hier war es anders. „Hier gab es anfangs keine starke Bürgerschaft“, so Karzel. „Hier wollte der Herzog das Schloss und die Siedlung stärken.“ Warum das anfangs nicht fruchtete, ist unklar. Vermutlich gab es schlicht keinen Bedarf nach einer weiteren großen Ansiedlung im Umfeld der älteren Orte Markgröningen, Besigheim oder Stuttgart. Dazu kamen die schwierigen Bedingungen. In der heutigen Innenstadt gab es fünf Seen, die mit großem Aufwand trockengelegt werden mussten. Am längsten mit Wasser gefüllt blieb der Feuersee, an den heute beispielsweise die Seestraße oder die Feuerseemensa erinnern.

Eberhard Ludwigs Ambitionen wurden daher durchaus kritisch gesehen. „Dieser Fürst richtet Stuttgart zugrunde und wird doch niemals aus Ludwigsburg eine richtige Stadt machen“, schrieb der Schriftsteller Karl Ludwig von Pöllnitz. Von dem Staatsrechtler Johann Jakob Moser ist die Klage überliefert, dass viele Beamten in „feuchte, erst halb ausgebaute Häuser“ ziehen mussten. Nicht unbedingt geholfen hat, dass der Herzog, obwohl schon einmal verheiratet, auch mit seiner Mätresse Wilhelmine von Grävenitz eine Ehe einging – ein Skandal.

Entscheidend dafür, dass aus Ludwigsburg dann doch noch eine bis heute florierende Stadt wurde, war demnach weniger die Residenz. „Entscheidend war, dass hier 1736 die Talkaserne gegründet wurde“, berichtet Karzel. „Das war der Grundstein dafür, dass Ludwigsburg auf eigenen Füßen stehen konnte.“ Immer mehr Soldaten kamen in die Garnisonsstadt, und mit ihnen begann der Handel zu blühen, die Einwohnerzahl stieg. Das tut sie heute wieder, und zwar ziemlich schnell, weshalb Ludwigsburg wohl bald über die 100 000-Einwohner-Marke springen wird. Eberhard Ludwig, den Herzog, der Ludwigsburg so liebte, würde es vermutlich freuen.

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