Seit 30 Jahren kämpft Peta von Stuttgart aus dafür, dass Tieren die gleichen Rechte wie Menschen zugestanden werden. Um diesem Ziel näherzukommen, buhlt der Verein beharrlich um Aufmerksamkeit – und wird dabei von Prominenten unterstützt.
Als pünktlich um halb zwölf Bürgermeister Thomas Fuhrmann das Bierfass im Göckelesmaier-Zelt anzapft, stürmen Demonstrantinnen auf die Bühne. Sie halten Banner hoch: „Bier statt Tier“, „Fleisch ist Mord“, „Veganer Wasen jetzt“. Ordner eilen herbei, entreißen den Frauen ihre Schilder und drängen sie aus dem Zelt. Nach zwei Minuten ist der Tumult beendet. Die Besucher des Stuttgarter Frühlingsfests lassen sich ihre erste Maß schmecken und bestellen sich ein halbes Hähnchen dazu.
Vier Monate später, an einem brütend heißen Augustvormittag, sitzt Ayshea Kelly im Besprechungsraum von Peta in Stuttgart-Weilimdorf und sagt: „Die Aktion auf dem Wasen war bisher meine erfolgreichste. Bundesweite Verbreitung durch die Deutsche Presse Agentur, mehr als 200 Erwähnungen in den Medien, sogar die ‚Bild‘-Zeitung hat berichtet.“ Die Überschrift in dem Boulevard-Blatt lautete: „Wasen-Chef kloppt sich mit Peta-Aktivisten“.
Ayshea Kelly, 28, plant und leitet Demos der Tierrechtsorganisation in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Jährlich ist sie an etwa 70 Aktionen maßgeblich beteiligt. Bei der Adidas-Hauptversammlung steht sie mit einem Megafon in der Hand am Eingang der Fürther Stadthalle, um lautstark gegen Sportschuhe aus Känguruleder zu protestieren. In Wolfratshausen stellt sie sich mit einem Plakat „Tiere sind keine Ware“ vor einen Dehner, weil in dem Gartencenter nicht nur Grasnelken und Rasenmäher verkauft werden, sondern auch Meerschweinchen und Wellensittiche. In Innsbruck grillt sie in der Fußgängerzone eine Hundeattrappe, um darauf aufmerksam zu machen, dass die meisten Menschen ihre Haustiere liebevoll umsorgen, aber Schweine hemmungslos verspeisen. „Die Ungleichbehandlung verschiedener Arten ist eine Form von Diskriminierung wie Sexismus oder Rassismus“, sagt Ayshea Kelly.
Eine Doku öffnet ihr die Augen
Bis zu ihrem 25. Lebensjahr macht sie sich wenig Gedanken darüber, wie ein Schnitzel entsteht. Nach der Mittleren Reife in Geislingen lässt sich Ayshea Kelly am Amtsgericht zur Justizfachangestellten ausbilden. Nichts deutet darauf hin, dass sie von dieser geraden Berufslaufbahn abkommen könnte – bis sie vor dreieinhalb Jahren eher zufällig auf einen Link zu der Dokumentation Dominion stößt. Der in Australien produzierte Film beleuchtet in drastischen Bildern das System der industriellen Tierhaltung. „Dominion hat mir die Augen geöffnet“, sagt Ayshea Kelly. „Mir wurde sofort klar, dass ich mein Leben ändern muss.“
Seither ist Ayshea Kelly nicht nur eiserne Veganerin, sondern beharrliche Kämpferin für eine vegane Gesellschaft. Ihren Arm ziert ein Tattoo, auf dem, wie sie sagt, „die am häufigsten gequälten Tiere“ zu sehen sind: eine Kuh mit ihrem Kalb, ein Hühnerküken, ein Ferkel. Als Peta vor anderthalb Jahren eine Stelle für eine Aktionskoordinatorin ausschreibt, bewirbt sich Ayshea Kelly. Sie bekommt den Job, der ihr Traumjob ist: „Für mich gibt es keine sinnvollere Arbeit.“
Peta steht für „People for Ethical Treatment of Animals“, auf Deutsch: Menschen für ethischen Umgang mit Tieren. Die Organisation wurde 1980 von der Amerikanerin Ingrid Newkirk in ihrer Heimat Virginia gegründet. Newkirk fordert eine Welt ohne Jagen und Fischen, ohne Legebatterien und Versuchsmäuse, ohne Zoolöwen und Zirkuspferde, ohne Pelz, Leder und Wolle. Eine Welt, in der die Menschen kein Fleisch essen und auch auf Ei- und Milchprodukte verzichtet. In den USA bildet Peta die Opposition zu der mächtigen Koalition aus McDonald’s, Burger King und Kentucky Fried Chicken.
Längst haben die Fast-Food-Konzerne sämtliche Grenzen überschritten – und auch ihr Gegenspieler Peta expandiert global. Die deutsche Dependance wird offiziell 1994 in den Räumen einer Hamburger PR-Agentur gegründet. Doch schon bald darauf koordinieren der Vorsitzende Harald Ullmann und seine Ehefrau Andrea Müller von ihrer Privatwohnung in Stuttgart aus die Vereinsarbeit.
In seiner Jugend isst Ullmann noch Leberkäsweckle
Acht Jahre lang, von 1986 bis 1994, hat Ullmann in der amerikanischen Peta-Zentrale gelernt, wie man öffentlichkeitswirksam protestiert. Wenn’s sein muss, schlüpft er höchstpersönlich in ein Spermakostüm, um auf Tierversuche in der Kondomindustrie hinzuweisen. „Mir wäre es lieber, ich könnte allein mit den Fakten überzeugen“, sagt er, „aber dann hört mir keiner zu.“
In seiner Jugend existiert das Wort „Veganer“ für ihn noch nicht. Als Trompeter im Musikverein Mössingen-Talheim trägt Harald Ullmann eine Hirschlederhose. Im Winter zieht er eine Pelzmütze auf. Und die warmen Leberkäsweckle vom Dorfmetzger sind seine Leibspeise.
Doch als der Lehrsamtstudent Ullmann – Fächer: Sport und Englisch – während eines Auslandssemesters an der West Virginia University radikale Tierschützer kennenlernt, sieht er seine Zukunft schlagartig nicht mehr als wurschtiger Studienrat an einem württembergischen Gymnasium. „Die Bilder von gequälten Kreaturen in den Ställen und Schlachthöfen haben mich aufgerüttelt“, erzählt er. „Seither ist es meine Berufung, über die Grausamkeiten der Fleisch-, Milch- und Pelzindustrie aufzuklären.“
Irritierende Schauspiele locken die Presse an
In Herbst 2005 zieht die deutsche Geschäftsstelle von Ullmanns Weilimdorfer Wohnzimmer ins Gerlinger Gewerbegebiet um. In dem tristen Flachdachgebäude ist genügend Platz, um all jene Utensilien zu lagern, die für die Protestaktionen benötigt werden. Zum Beispiel ein Bikini, der aus drei Wirsingblättern besteht. Nur mit dem kargen Grünzeug bedeckt stellen sich Peta-Aktivistinnen auf die Stuttgarter Königstraße, um darauf hinzuweisen, dass eine Kuh mehr Methan ausstößt als ein Kleinwagen und die Fleischindustrie somit neben den Tieren auch das Klima killt. Literweise Theaterblut wird verspritzt, wenn als Schweine verkleidete Aktivisten so tun, als würden sie eine Frau verspeisen. Solche irritierende Schauspiele sollen die Presse und das Fernsehen anlocken – was auch meistens klappt.
Für mediale Aufmerksamkeit sorgen zudem zahlreiche Prominente, die kostenlos für Peta werben, darunter Weltstars wie der Beatles-Frontmann Paul McCartney und schwäbische Sternle wie Thomas D von den Fantastischen Vier. Auf einem Plakat präsentiert sich der Stuttgarter Rapper splitternackt an der Seite eines Schweines und fordert: „Don’t eat my friends – Go veggie!“
Der ehemalige VfB-Profi Timo Hildebrand protestiert ähnlich grell, mit blutverschmierten Torwarthandschuhen, gegen Pelzmode. „Wenn man etwas erreichen will, sollte man sein Publikum auf einer emotionalen Ebene ansprechen – diese Fähigkeit zeichnet beispielsweise erfolgreiche Fußballtrainer aus“, sagt Hildebrand. „Auch Peta schafft es mit seinen kreativen Kampagnen, die Menschen zu berühren.“
Was wurde seit der Vereinsgründung vor 30 Jahren erreicht?
In Baden-Württemberg hat Peta derzeit 5300 Fördermitglieder. 15,7 Millionen Euro an Spenden und Erbschaften landeten im vergangenen Jahr auf dem Konto des als gemeinnützig anerkannten Vereins, der 2014 seinen Sitz von Gerlingen nach Weilimdorf in ein gläsernes Bürogebäude verlegt hat.
Was wurde seit der Vereinsgründung vor 30 Jahren erreicht? Die Zahl der bei Tierversuchen gestorbenen Lebewesen hat sich in Deutschland halbiert. Kükenschreddern in Legehennenzucht wurde verboten. Niemand traut sich mehr in einem Nerzmantel auf die Straße, selbst in Stuttgarts Edelkaufhaus Breuninger hängt kein Echtpelz mehr an den Kleiderstangen. Und laut einer Forsa-Umfrage ernähren sich neun Prozent der Bevölkerung vegetarisch und drei Prozent vegan.
Aus der Sicht von Peta bedeutet das freilich: Eine große Mehrheit der Deutschen glaubt noch immer, dass der Mensch mit Tieren umgehen darf, wie es ihm in den Kram passt: Katzen werden gestreichelt, Ratten vergiftet, Pferde geritten, Kühe gemolken, Schweine geschlachtet, Fische geangelt. Gegen diesen sogenannten Speziesismus kämpft Peta unvermindert an.
Die zahlreichen Gegner der Organisation werfen ihr eine illegitime Gleichstellung von Mensch und Tier vor. „Ich fordere kein Wahlrecht für Hunde, Katzen oder Schweine“, hält Ullmann seinen Kritikern entgegen. „Aber wenn es um die Fähigkeit geht, Freude, Angst und Schmerz zu empfinden, sind Tiere und Menschen gleich, weil beide den Schmerz gleich empfinden.“
Der Frauenanteil von Peta Deutschland liegt bei 73 Prozent
Um für sein Anliegen zu werben, scheut sich Ullmann nicht davor, Tabus zu brechen. Vor 20 Jahren stellte Peta ein Bild von Juden im KZ neben ein Bild von Mastputen in der Massentierhaltung und schrieb dazu: „Der Holocaust auf Ihrem Teller.“ Der Vergleich sorgte nicht nur beim Zentralrat der Juden für Entsetzen, sondern auch bei den Kommentatoren von „Frankfurter Allgemeine“ bis „Bild“. Derweil brachte Peta über seine Website eine rekordverdächtige Zahl an veganen Starterkits an den Mann und die Frau. Die skandalträchtige Kampagne hatte mehr Interesse an fleischloser Ernährung erzeugt als Rinderwahn und Schweinepest.
Heute jedoch, wo das Internet permanent mit provokanten Parolen geflutet wird, geht die Formel „Jede PR ist gute PR“ nicht mehr auf. Deshalb versucht Peta mittlerweile vor allem, ein möglichst breites Publikum von den positiven Auswirkungen einer veganen Lebensweise zu überzeugen. Allein 20 der 140 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen – der Frauenanteil von Peta Deutschland liegt bei 73 Prozent – füllen die Accounts auf Facebook (579 000 Follower), Instagram (278 000), Twitter/X (395 000) und Tiktok (61 000). Sie verbreiten Botschaften wie „Challenge für heute: Trinke deinen Kaffee doch heute mal mit pflanzlicher Milch anstatt mit Kuhmilch“ oder „Habt ihr gewusst, dass tierische Produkte wie Fleisch in der Erzeugung wesentlich mehr Wasser als pflanzliche Lebensmittel wie Soja verbrauchen?“
Umrahmt werden diese lockeren Lektionen mit Reels von den neuesten Peta-Aktionen. Häufig spielt Ayshea Kelly in diesen Kurzvideos eine tragende Rolle. Das Reel vom Stuttgarter Frühlingsfest zeigt, wie ihr von einem Mann in Trachtenjacke das „Bier statt Tier“-Plakat aus den Händen gerissen wird. Es ist zu hören, wie sie von den Zeltbesuchern ausgebuht wird, ehe sie Ordnern unsanft nach draußen befördern. Bei Instagram erntet Peta für die Wasen-Aktion 4943 Likes und 478 Kommentare. Ayshea Kelly hat einen guten Job gemacht.