Lisa, Jahrgang 1989 ist in Bönnigheim, Landkreis Ludwigsburg, geboren. Sie will wissen: „Was fehlt den Menschen aus der Zeit, als es die DDR noch gab? Was hätten sie gerne wieder zurück?“ Foto: privat

Wer 1989 geboren ist, hat oft keine Ahnung von der Wende. Was wollt ihr wissen?, fragte unsere Autorin Siri Warrlich ihre Wessi-Freunde. Dann ist sie zu Verwandten nach Thüringen gefahren, die Antworten geben.

Kammerforst, Thüringen - Es ist Anfang Februar in Kammerforst, einem 800-Seelen-Dorf nahe Eisenach, als ich von einer mir unbekannten Tierart erfahre: der Nutria. „Ich hatte damals die Nutrias, da haste für ein Fell 70 Mark bekommen. Und wenn du im Jahr ein paar Hundert Stück abgegeben hast, das war viel Geld!“

Wir sitzen in Holgers Wohnzimmer und er erzählt mir von seinen Finanzen in der Zeit vor der Wende. Offiziell arbeitete Holger in einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. Nebenbei hielt er auf seinem Grundstück jede Menge Tiere. Die Nutria ist eine aus Südamerika stammende Biberratte, klärt Holger mich auf. Der Staat konnte die Felle, die er Holger abkaufte, auf Messen weiterverkaufen. So kam die DDR an Devisen. Die Nutria war jedoch nicht die einzige Tierart in Holgers Viehzucht. „Im letzten Jahr vor der Wende habe ich für 70 000 Mark – das war zu DDR-Zeiten viel, viel Geld – Eier, Enten, Gänse, Masthähnchen und Schweine abgegeben. Und alles steuerfrei. Das musst du dir mal überlegen.“ Holger lacht. „Das war der Kommunismus.“

Die Geschichte von Holger und Co. zum Hören: Hier geht’s zum Podcast „FAQ Mauerfall – Wessis fragen, Ossis antworten“

Die Verwandten über die Wende ausquetschen

Mir schwirrt der Kopf. Ich dachte immer, in der DDR hätten alle mehr oder weniger gleich viel gehabt. Dass das ein Prinzip dieses Staats war. „Aber dann hast du ja mehr verdient als die anderen?“, frage ich. „Das war doch egal“, sagt Holger – solange man seinen offiziellen Teil zum Kommunismus beigetragen habe.

Ich bin nach Kammerforst gekommen, um meine Verwandten über die Wende auszuquetschen. Meine Großmutter kam 1936 in diesem Dorf auf die Welt. Sie heiratete einen Konditor aus dem Nachbardorf Weberstedt. Mitte der 50er zog es die beiden ins Ruhrgebiet, der besseren Verdienstaussicht wegen. Der Bruder meiner Oma blieb in Kammerforst und bekam vier Kinder – die Cousins und Cousinen meines Vaters. Holger ist einer von ihnen.

Vorher nie getraut, zu fragen

Alle paar Jahre besucht der Wessi-Teil der Familie die Ostverwandtschaft. Meistens wandern die Jüngeren dann mit Holger durch den Wald und warten darauf, dass er endlich die Bierflaschen aus dem Rucksack packt, die man schon den ganzen Weg entlang klimpern hörte.

Nach der Wende gefragt habe ich meine Verwandten nie. Ich hatte Angst, dass sie mich für dumm, naiv, verwöhnt halten, wenn ich plötzlich Fragen zur DDR stelle. Ich schämte mich, dass solche Fragen mein Unwissen preisgeben könnten. Ich war ein halbes Jahr alt, als die Mauer fiel. Ich lese gern. Trotzdem habe ich kaum eine Vorstellung, wie Menschen aus der ehemaligen DDR das Leben in diesem Staat und die Wende erlebt haben. Viele meiner Freunde aus dem Stuttgarter Speckgürtel geht es ähnlich. Die meisten kennen Ostdeutschland nur aus den Nachrichten. Das wollte ich ändern. Ich habe meine Freunde gefragt, was sie zum Mauerfall schon immer mal wissen wollten. Mit ihren Fragen bin ich nach Kammerforst gefahren.

Lisa, Jahrgang 1989: „Was fehlt euch aus der DDR?“

Holger fehlt die Sorglosigkeit. Er züchtet längst keine Nutrias mehr. Nach der Wende hatte Holger zeitweise eine Kneipe, zeitweise auch eine Disko. Jetzt fährt er als selbstständiger Kaminbauer durch Deutschland und baut Feuerplätze in die Wohnzimmer seiner Kunden.

„Es vergeht doch kaum ein Tag, wo du abends nicht mit gewissen Problemen und Sorgen ins Bett gehst. Da ist dieses, da ist jenes, da musst du dich drum kümmern. Machst du das nicht, liegt es dir am anderen Tag auf den Füßen. Das sind so Sachen, die haben wir zu DDR-Zeiten überhaupt nicht gekannt. Die Probleme haben sie dir alle abgenommen. Damals haste sozusagen gar keine Sorgen gehabt.“

Holgers Bruder Matthias ist Musiker. Er hat seinen Beruf nach der Wende behalten. Geändert hat sich dennoch einiges. Wir sitzen lange bei Kaffee und Kuchen in seinem Wohnzimmer und sprechen. Irgendwann sagt Matthias, dass junge Musiker, die er heute unterrichtet, ehrgeiziger sind als er es damals. Ich werde stutzig. „Aber um eure Aufträge musstet ihr euch doch schon kümmern, oder?“ – „Nee. Da gab es eine Konzert- und Gastspieldirektion in jedem Bezirk. Und die haben dafür gesorgt, wie jeder Großbetrieb auch, dass die Leute ihre Arbeit hatten. Du hast dir gesagt: Och, nächsten Monat könnte ich noch zwei, drei Geschäfte gebrauchen, und dann haben die sich gekümmert. Da wurde auch nicht gefeilscht, das Geld war ja da.“

Laura, Jahrgang 1986: „Hattet ihr Angst in der Zeit nach dem Mauerfall?“

Nein, sagen alle Verwandten, mit denen ich gesprochen habe. In dem Moment, als die Mauer gefallen ist, habe erst einmal niemand an Negatives gedacht. Stattdessen: große Freude, überstürzte Fahrten über die Grenze, ferngesteuerte Autos für die Kinder beim ersten Einkauf im Westen. „Angst hat keiner gehabt. Du hast ja nicht gewusst, mit was du zu rechnen hast, wenn die Mauer weg ist. Irgendwelche negativen Erfahrungen hatten wir ja nicht. Du hast nicht damit gerechnet, dass es dir nach der Mauer schlechter gehen wird“, sagt Holger.

Die Unsicherheit kam für viele offenbar erst später. Doch sie hielt lange an. Christiane, die Frau von Matthias, war neun Jahre alt, als die Mauer fiel. Nachwirkungen spürte sie aber noch mit 18, als sie entscheiden musste, wie es nach der Schule weitergeht. „Da war zwar schon ein paar Jahre die Wende, aber keiner kannte sich aus. Das gab’s ja früher nicht: Wenn man nicht in der Partei war, hatte man auch keine Chance auf ein Abitur.“ Christiane erinnert sich, dass ihr Lehrer immer gesagt hat: Abitur mache man, um zu studieren. „Aber das war nicht unseren Köpfen.“

Thomas, Jahrgang 1988: „Was ist besser geworden seit der Wende?“

Das muss die einfachste Frage sein, hatte ich vor meinem Besuch gedacht. Die Antwort liegt doch auf der Hand: Freiheit! Das Ende der Diktatur! Demokratie!

„Die Tatsache, dass man jetzt, wenn man irgendein Lebensmittel braucht oder auch irgendwas beim Bauen, alles sofort kaufen kann“, antwortet Heike, Jahrgang 1957, die Schwester von Holger und Matthias.

„Die Straßen sind heute nicht mehr zu vergleichen mit früher. Wo wir gewohnt haben, etwas außerhalb vom Dorf, gab es nur Feldwege“, sagt Christiane. Viele würden sagen: Sie können reisen. Machen auch viele. Ist aber nicht so mein Fall“, sagt Holger.

Die Antworten meiner Verwandten haben mich überrascht. Fast ausschließlich sprachen sie von Verbesserungen im Alltag. Um „Demokratie! Freiheit! Ende der Diktatur!“ ging es selten. Da ist mir klar geworden, was für ein verrücktes DDR-Bild ich mit mir herumschleppe. Das liegt sicher auch daran, dass ich in der schwäbischen Provinz zur Schule gegangen bin. Für die DDR, so erinnere ich mich zumindest, blieben im Geschichtsunterricht nur ein paar Doppelstunden. In meinem Kopf gibt es eine Gleichung, die lautet: DDR = Diktatur.

Und weil die Gleichung stimmen muss, darf man nach dem Istgleich-Zeichen nichts hinzufügen. Dass es Alltag in der DDR gab, dass der auch schön sein konnte, zum Beispiel. Ich war ehrlich gesagt nie auf die Idee gekommen, dass die Menschen in diesem Staat nicht jeden einzelnen Tag ihres Lebens über die Systemfrage nachdachten – sondern womöglich darüber, warum der linke Backenzahn wehtut und was man Tante Erna zum Geburtstag schenken könnte. Vor lauter „Diktatur“ hatte ich nie an das Leben und die Menschen dahinter gedacht.

Ich: „Spielt es noch eine Rolle, ob man in Ost oder West geboren wird?“

„Auf jeden Fall spielt es eine Rolle“, sagt Steffi. Diese letzte Frage habe ich nicht meinen Verwandten in Thüringen gestellt, sondern einer alten Freundin. Eine der wenigen aus Ostdeutschland, die ich habe. Steffi ist 1988 in Ostberlin geboren und dort aufgewachsen.

An ihre Kindergartenzeit erinnert Steffi sich gut. „Es war immer klar: Die Leute in dieser Kindergartengruppe sollten zusammenhalten ihr ganzes Leben lang. Ich habe mich im Nachhinein oft gefragt, ob das ein Relikt aus der Vorwendezeit war, das die Kindergärtnerin uns mitgeben wollte“, sagt Steffi.

Auf die anderen aufpassen, zusammenhalten – klar, haben meine Eltern mir auch beigebracht. Lernt doch jedes Kindergartenkind, denke ich. Aber Steffi spricht von mehr: Sich selbst zurückstellen hinter die Gruppe, und das sogar zu genießen, das wurde ihr beigebracht. Sich selbst ja nicht zu wichtig zu nehmen.

Steffis Leben wäre ohne westdeutsche Freunde anders verlaufen

Steffi sagt, ohne den Einfluss von westdeutschen Freunden, die sie als Jugendliche kennengelernt hat, wäre ihr Leben völlig anders verlaufen. Sie hat den Traum geschmiedet, Kuratorin zu werden und dafür Kunstgeschichte zu studieren – im Ausland. Das alles hätte es ohne westdeutsche Freunde nicht gegeben, sagte Steffi. „Ich wäre zum Beispiel nie auf den Gedanken gekommen, mich bei einem Begabtenförderungswerk zu bewerben. Ich hätte wahrscheinlich die Existenz solcher Institutionen mein ganzes Studium lang ignoriert oder jedenfalls nicht als wesentlich für mich wahrgenommen.“ Ich? Begabt? Auf die Idee, sich selbst so einzustufen, muss man erst mal kommen“, sagt Steffi.

Ich bin anders erzogen worden. Meine Mutter hat mir vorgelebt: Du sollst nach den Sternen greifen. Du brauchst ganz große Träume. Und du kannst sie erreichen. Aber ohne etwas Ellenbogen hier und da wird es eben nicht gehen. Du musst dich durchsetzen und für deine Interessen kämpfen.

Unterschiede zwischen Ost und West

Ich wäre nie auf die Idee gekommen, das als etwas typisch Westdeutsches zu sehen. Auch bei der Art, wie jemand auftritt, wie viel Raum jemand in einer Gruppe einnimmt, sieht Steffi tendenziell Unterschiede zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen – auch bei Menschen, die nach dem Mauerfall geboren sind.

Auf einmal fühle ich mich wie ein vorlauter Trampel. Ich merke, dass ich in Steffis Wahrnehmung nun einmal etwas bin, das ich vorher nie als Kategorie für mich selbst in Betracht gezogen hätte: ein Wessi. Der Mauerfall mag jetzt schon 30 Jahre her sein. Aber es gibt trotzdem noch so viel zu besprechen.

Übrigens: wer nicht weiß, wie Nutrias aussehen, kann mal nach Thüringen fahren. „Die siehst du heute bei uns an jedem Staudamm“, sagt Holger. „Nach der Wende waren die Felle nichts mehr wert. Da haben alle die Gehege aufgemacht und sie laufen lassen.“

Mehr Geschichten im Podcast „FAQ Mauerfall“

Ausführlichere Antworten auf die Fragen der Wessis geben Holger, Christiane, Heike und Co. in dem Podcast „FAQ Mauerfall – Wessis fragen, Ossis antworten“. Der Podcast ist auf Spotify, Apple Podcasts und Soundcloud zu finden – oder im Netz unter www.faqmauerfall.com

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