Roland Emmerich jagte 1996 in „Independence Day“ das Weiße Haus in die Luft. Jetzt wünscht er sich mehr Mit- statt Gegeneinander - und einen Teil 3 mit Will Smith.
Als der Film „Independence Day“ im Juli 1996 in die Kinos kommt, setzt er neue Maßstäbe im Science-Fiction-Genre, verblüffte aber nicht nur mit spektakulären Bildern, sondern auch mit einer humanistischen Botschaft: Wenn wir es schaffen, trotz all unserer Differenzen auf das zu besinnen, was uns verbindet, können wir viel erreichen – und sogar eine übermächtige Alien-Invasion abwehren. Der Film macht den Hauptdarsteller Will Smith aber und den aus Sindelfingen stammenden Regisseur Roland Emmerich zu Stars des Blockbuster-Kinos. Das 30-Jahr-Jubiläum feiert Emmerich in Stuttgart – unter anderem mit einem Auftritt bei der Special-Effects-Messe FMX und einem Talk im Schauspielhaus. Wir haben ihn dazwischen getroffen, um auf „Independence Day“ zurück, aber auch vorauszuschauen und darüber zu sprechen, wie es ist, das Weiße Haus in die Luft zu jagen.
Herr Emmerich, Sie sind jetzt mehrere Tage in Stuttgart. Sie leben schon lange nicht mehr hier. Fühlt es sich trotzdem noch wie ein Nachhausekommen an?
Ja, total. Was schade ist: Mein Elternhaus gibt es nicht mehr. Damit sind so viele Erinnerungen verbunden. Aber es wurde verkauft und abgerissen.
Auch in „Independence Day“ spielt ein Gebäude, das zerstört wird, eine große Rolle: Sie haben sich 1996 getraut, das Weiße Haus spektakulär in die Luft zu jagen. Waren Sie seither eigentlich auch mal im Weißen Haus?
Klar, ich habe dort dem damaligen Präsidenten Bill Clinton „Independence Day“ gezeigt.
Und wie fand er den Film?
Er fand ihn super. Und Hillary Clinton hat mir gesagt, dass sie glaube, sie sollte einen Pilotenschein machen.
Wenn Donald Trump Sie jetzt ins Weiße Haus einladen würde – würden Sie die Einladung annehmen?
Are you kidding me? Auf keinen Fall!
Zurück zu der denkwürdigen Szene, in der Sie das Weiße Haus explodieren lassen. Hatten Sie jemals Angst, dass das vielleicht zu gewagt ist?
Nein. Ich war und bin sehr stolz darauf, dass wir etwas getan haben, das irgendwie tabu war. Das Weiße Haus ist zwar ein Symbol, aber trotzdem nur ein Objekt. Warum also nicht?
War das die wichtigste Szene des Films?
Ich glaube ja. Wenn das Weiße Haus in die Luft fliegt, ist das einfach ein unglaublich starkes Bild.
Eine andere Szene, die nicht ganz so spektakulär ist, bei der ich aber immer Gänsehaut bekomme, ist die Rede von Bill Pullman als Präsident Thomas J. Whitmore, mit der er die Menschheit auf den Kampf gegen die Aliens einschwört. Sie ist ähnlich packend wie die berühmte St.-Crispins-Tag-Rede aus Shakespeares „Heinrich V.“ Wie lange haben Sie an dem Monolog gefeilt?
Wir haben das ganze Drehbuch in nur drei Wochen geschrieben. Ich hatte vorher schon sehr viel darüber nachgedacht. Für mich war klar, dass wir genau das tun mussten. Ich erinnere mich gar nicht mehr, wie das alles zusammengekommen ist, weil wir so schnell geschrieben haben. Das war fast wie automatisches Schreiben.
Bill Pullman ist aber auch großartig in der Rolle des US-Präsidenten. Ein bisschen erinnert er mich in seiner Art an Barack Obama – obwohl der erst 2008 Präsident wurde.
Stimmt, er ist so ein Obama-Typ.
Ursprünglich war Kevin Spacey Ihr Kandidat für die Rolle des US-Präsidenten. War es damals eine große Enttäuschung, dass es nicht geklappt hat?
Nein, Kevin Spacey war damals noch kein so großer Star. Wir haben nur gesagt, dass er den Präsidenten spielen müsse, weil er viel älter aussah, als er tatsächlich war. Außerdem war er der Mitbewohner von Dean Devlin.
Glauben Sie, der Film wäre mit Kevin Spacey anders geworden?
Ja, wahrscheinlich schon. Eine andere Besetzung macht viel mit einem Film. Aus heutiger Sicht können wir aber vermutlich froh sein, dass es nicht dazu gekommen ist, weil Kevin Spacey dem Film letztlich geschadet hätte.
„Independence Day“ hat eine wunderbare Botschaft: Wenn ganz unterschiedliche Menschen ihre Differenzen überwinden und gemeinsam gegen eine Bedrohung kämpfen, ist alles möglich. Heute scheinen wir davon weiter entfernt denn je.
Don’t get me started. Wenn man sieht, wie gespalten Amerika ist, könnte man weinen.
Gerade mit Blick aufs Weiße Haus habe ich manchmal den Verdacht, dass die größte Bedrohung für die Menschheit nicht irgendwelche Aliens sind, sondern die Menschen selbst.
Ja, aber wahrscheinlich war das schon immer so. Der Dreißigjährige Krieg zum Beispiel war ein Glaubenskrieg, in dem sich Katholiken und Protestanten bis aufs Blut bekämpft haben. Unterschiedliche Vorstellungen von Religion reichen schon aus, damit wir einander zerfleischen.
Das heißt, wir können uns auch ganz ohne Aliens selbst vernichten.
Ja. Tatsächlich täte es uns vielleicht sogar gut, wenn uns wirklich mal Außerirdische angreifen würden, damit wir endlich gezwungen wären, uns zu verbünden.
2016 kam „Independence Day: Wiederkehr“ in die Kinos. Bill Pullman und Jeff Goldblum waren bei der Fortsetzung wieder dabei – nicht aber Will Smith.
Ich verstehe bis heute nicht, warum das nicht geklappt hat. Wir hatten ein wunderbares Skript. Aber es war einfach nichts zu machen.
Waren Sie damals sauer?
Oh ja! Ich war schockiert: Fuck, das war unsere wichtigste Figur im Film.
Und Will Smith wäre wahrscheinlich auch nicht zum Superstar geworden, wenn er nicht in „Independence Day“ mitgespielt hätte.
Ja, genau!
Sie arbeiten gerade an einem Drehbuch für einen dritten Teil von „Independence Day“. Und darin gäbe es wieder eine Rolle für Will Smith – obwohl seine Figur im zweiten Teil für tot erklärt wurde.
Ja, ich habe ihn wieder ins Drehbuch geschrieben. Ich habe einen Dreh gefunden, wie das funktionieren könnte.
Vor dreißig Jahren haben Sie mit „Independence Day“ auch das Rennen gegen Tim Burton gewonnen, der zeitgleich an der Science-Fiction-Komödie „Mars Attacks!“ arbeitete.
Ja. Um ihm zuvorzukommen, haben wir das Drehbuch so extrem schnell geschrieben. Nachdem Fox die Rechte gekauft hatte, haben wir direkt am nächsten Montag angefangen zu arbeiten – und erst aufgehört, als der Film rechtzeitig zum amerikanischen Unabhängigkeitstag fertig war. Wir haben uns keine Pause gegönnt.
Tim Burton dürfte sich geärgert haben, dass Sie ihn überholt haben.
Die waren natürlich nicht besonders begeistert. Larry Franco, einer der Produzenten von „Mars Attacks!“, der später auch bei Filmen von mir mitgearbeitet hat, hat mir erzählt, dass Tim Burton völlig schockiert gewesen sei, als er beim Super Bowl unseren „Independence Day“-Teaser gesehen hat.
Den kurzen Clip, der damit endet, dass das Weiße Haus in die Luft gejagt wird.
Ja, genau. Diese Szene war die allererste, die wir gedreht haben. Weil wir wollten, dass sie rechtzeitig zum Super Bowl fertig ist.
Gibt es irgendetwas, das Sie heute anders machen würden, wenn Sie auf „Independence Day“ zurückblicken?
Darüber mache ich mir keine Gedanken. Wenn ein Film fertig ist, ist er fertig. Man muss lernen loszulassen. Aber ich glaube, der Film ist eigentlich ziemlich gut geworden.
Roland Emmerich
Der Filmproduzent und Regisseur Roland Emmerich wird am 10. November 1955 in Stuttgart geboren und wächst in Maichingen auf. Sein Abschlussfilm an der Münchner Filmhochschule war „Das Arche Prinzip“ (1984). „Universal Soldier“ (1992) war sein Hollywooddebüt. Es folgten Blockbuster wie „Stargate“ (1994), „Independence Day“ (1996), „Godzilla“ (1998), „The Day After Tomorrow“ (2004) oder „White House Down“ (2013). Emmerich wohnt in Los Angeles, London und Berlin.