Hinter dem Maschendrahtzaun: das kleine Amerika der Nellingen-Barracks (1992). Foto: Kraufmann

Wenn Amerika plötzlich nur drei Kilometer entfernt von der Innenstadt liegt. Wie die US-Barracks das kulturelle Leben der Region prägten – und dort versehentlich Deutschrap und Die Fantastischen Vier erfunden wurden.

Stuttgart - Man möchte kaum an Zufall glauben, dass Die Fantastischen Vier aus Stuttgart und Advanced Chemistry aus Heidelberg als die Erfinder der deutschsprachigen Rapmusik gehandelt werden. Sowohl Heidelberg als auch Stuttgart verfügten Ende der 80er Jahre über eine stark ausgeprägte US-Kultur, die durch die dort stationierten US-Soldaten auch über die Kasernen hinaus wirkte. Allein im Großraum Stuttgart und zwischen Heilbronn, Böblingen, Schwäbisch Gmünd und Göppingen waren in den 80er Jahren grob 45 000 Soldaten stationiert – plus deren Familien.

 

In Stuttgart trafen sich die G. I.s damals in Diskotheken wie dem Cinderella in der Tübinger Straße, dem Maddox an der Theodor-Heuss-Straße oder dem Galaxy am Bahnhof. Dort lief die heiße Musik – Disco, Funk und Soul, meist direkt aus den USA importiert. Und da war auch dieses ganz neue Ding zu hören: Rap, die Stimme der afroamerikanischen Ghettos in New York, mehr geredet als gesungen, aber mit wahnwitzigem Hüftschwung und eiswürfelcooler Attitüde versehen.

Vier Jungs, noch gar nicht fantastisch

Das sprach sich auch bis zu vier Jungs aus Stuttgart herum: Smudo, Thomas, Michi und Andy – die Fantastischen Vier, die damals noch überhaupt nicht so fantastisch oder gar eine richtige Band gewesen sind. Smudo, heute 51 Jahre alt, erzählt: „Außerhalb der Barracks gab es Diskotheken ohne Ende, wo sich die Kultur mischte. Dort wurde gerappt und gescratcht. Und wir hemdsärmeligen Schüler haben dort die ersten Raps gekickt unter dem Gegrinse der Anwesenden.“

Und das waren in der Mehrzahl schwarze G. I.s, etwas vertrauter mit den noch jungen Wurzeln des Rap, aber eben auch ein bisschen belustigt von diesen weißen Mittelstandskids, die ebenfalls lichterloh für Rapmusik brannten.

Neu war das deutsche Interesse an US-Kultur damals nicht – es begann bereits mit der Besatzung: Plötzlich stand im Vorgarten eine Hollywoodschaukel und da waren die großen Entertainer wie Harald Juhnke oder der Pianist und Bandleader Paul Kuhn in Berlin, die Frank Sinatra, Benny Goodman, den Big-Band-Swing und den mit den Fingern geschnippten Late-Night-Jazz eindeutschten. Peter Kraus und Ted Herold adaptierten später den Rock ’n’ Roll, wollten wie Elvis, Bill Haley und Chuck Berry sein. Und man hörte den frei empfangbaren Radiosender AFN, das American Forces Network, das die stationierten Soldaten mit Nachrichten, Infos und „ihrer Musik“ versorgte.

BMX, Skateboard und Rap

In den 80er Jahren kamen dann die BMX- und Skateboard-Kultur, Rollerskates und Breakdance. Was in den Straßen von New York oder Los Angeles brummte, fand seinen Weg rasend schnell ins kleine Amerika der Barracks und somit auch ins deutsche Bürgertum vor den Toren der Kasernen.

Gelegenheiten zum Austausch gab’s zuhauf. Die Volksfeste in den Kasernen zum Beispiel: Da kam der Mais vom gegrillten Kolben, nicht aus der Konservendose, statt Bockwurst oder Schnitzelbrötchen gab’s Hamburger und Hotdogs, die Coca-Cola kam aus irrwitzig großen Gefäßen und das Bier schmeckte tatsächlich fast wie Bier, wenn es sehr, sehr kalt kredenzt wurde.

Statt Humpta-Täterä-Musik wurde Country gespielt und bei den Boxautos dröhnte Rockmusik von ZZ Top oder Van Halen, noch bevor die mit „Jump“ einen Hit landeten. Die amerikanischen Gäste beim „deutsch-amerikanischen Freundschaftsfest“ trugen Turnschuhe von Nike, die US-Sportler normalerweise beim Basketball anhatten, und sie besaßen Tournee-T-Shirts von Bands, die hier nur selten auftraten.

„Und die Autos, die dort rumfuhren“, erinnert sich Smudo von den Fanta Vier. „Ich habe einen Cousin aus den USA, der in Pirmasens in den Barracks war. Tür auf, auf einmal warst du mitten in Amerika.“

Shopping, sprichwörtlich

Noch besser: All die amerikanischen Waren, die überdimensionierten Schokoriegel und Cornflakes-Packungen, die überzuckerten Erfrischungsgetränke, Levi’s-Jeans, Schallplatten, Magazine – das gab’s in den Kasernen zu kaufen, in den PX-Stores.

Einen Haken nur hatte die Sache: Die Waren werden auch heute noch steuerfrei nach Deutschland eingeführt und dürfen deshalb nur von Angehörigen des US-Militärs gekauft werden. Flugs rückten Amerikaner und Deutsche ein Stück näher zusammen: Wer jemanden kannte, der dort zum Einkauf berechtigt war, ließ „shoppen“, besuchte Freunde in den Kasernen oder fand andere Wege. So florierte ein schwungvoller Austausch von Kalorien, Kultur und zollfreier US-Ware.

Ein Miteinander, in dem mitunter selbst die aktuelle Politik in den Hintergrund trat, ja fast egal war. „Ich weiß: 1989, Mauerfall, Wiedervereinigung – aber ich wollte einfach in die Barracks, Dr. Pepper und Platten kaufen – das war die große weite Welt“, erzählt Michi Beck (51) von den Fantastischen Vier. „Von dort kam schließlich Rap her, die Beastie Boys und Budweiser Bier – dieses Look and Feel war komplett amerikanisch und das hatten wir nur durch die Barracks. Deswegen wollten wir da immer hin. Wir waren komplett an diesem kleinen Amerika orientiert.“

Das Gegenteil von Provinz

Während Stuttgart im deutschen Verständnis als popmusikalische Provinz verlacht wurde, hatten Die Fantastischen Vier in Wahrheit einen erheblichen Standortvorteil, von dem andere in Deutschland nur träumen konnten: optimalen Zugriff auf frische Musik, die noch junge und hier weitgehend unberührte (Hip-Hop-)Kultur und deren Möglichkeiten.

Lesen Sie hier das Interview: Die Fantastischen Vier – Wo sie wurden, wer sie sind.

Auch außerhalb der Kasernen florierte der Markt für US-Musik, in Esslingen beispielsweise im Plattenladen Casablanca, spezialisiert auf lässige Maxi-Singles aus den USA. „Die Import-Plattenläden gab’s auch hauptsächlich wegen der G. I.s.“, sagt Michi Beck. „Deshalb war Stuttgart, was Black Music, Soul, Funk und Hip-Hop angeht, früher weiter vorne als andere Städte. Das war auch kein Untergrund, sondern kulturelle Gegenwart.

Manchmal befremdlich für US-Bürger

US-Bürger mutete dieser Enthusiasmus mitunter seltsam an. Charles C. Urban kam 1972 nach Deutschland. „Wie der Besuch auf einem fremden Planeten war das“, erzählt Urban, der vor 30 Jahren das NEAT in Stuttgart gründete – das New English American Theatre. Ob Ladenöffnungszeiten, Mode, Esskultur, Architektur oder synchronisierte Hollywood-Klassiker – er habe gerade den Kontrast zur amerikanischen Wirklichkeit der Nixon-Ära und des Vietnamkriegs sehr genossen. „Es war wie in einer Zeitkapsel“, sagt Urban.

„Dann kamen die ersten McDonald’s- Restaurants und zu meiner Überraschung war die Begeisterung darüber groß.“ Doch der sogenannte Kulturimperialismus der USA sei für Urban nicht ausschlaggebend gewesen, „eher die Bereitwilligkeit der einheimischen Bevölkerung, jedem noch so debilen Trend hinterherzuhecheln und ihn zu übernehmen.“

Keine Second-Hand-Kultur

Und vielleicht ist es das, was die Fanta Vier so besonders macht: Sie brachten eine Form der Adaption auf den Weg, die weit über das Nachturnen vorgelebter US-Kultur hinausgeht und in etwas Eigenes mündete, das heute das Popgeschäft in Deutschland dominiert. Deutschrap. Ihre Autobiografie, 1999 erschienen, heißt „Die letzte Besatzermusik“.