Im DDR-Museum gibt es unter anderem eine Sammlung von Zellen-Türen aus Stasi-Gefängnissen. Foto: Stefan Jehle

Ein Pforzheimer Museum gibt Einblicke in das DDR-Alltagsleben. Schulklassen werden in die Zeit von Trabbis, Stasi und der Berliner-Mauer entführt.

Pforzheim - Stoisch steht der NVA-Wachsoldat vor der Gebäudeflucht an der Hagenschießstraße, am südlichen Stadtrand von Pforzheim. Ihn kann scheinbar nichts aus der Ruhe bringen – aber die Skulptur ist ja auch aus Bronzeguss. Das fast zwei Meter breite Mauerstück neben der mannshohen Figur, das einst Ost- und Westberlin voneinander trennte, ist derzeit verhüllt: wegen zunehmender Verwitterung.

 

Auch fast alle Gebäude der einstigen Kaserne am Pforzheimer Buckenberg, unweit des Tier- und Wildparks und der Hochschule Pforzheim, sind abgerissen. 1996 war die militärische Nutzung durch ein französisches Husaren-Regiment beendet. Seit 1998 ist das Haus mit der Nummer Neun, der ehemalige Kindergarten der Franzosen, nun die Heimstätte für „ein Stück DDR-Geschichte“. Auf 460 Quadratmeter gibt es hier, wenige Meter oberhalb des Stadtzentrums, Einblicke in das DDR-Alltagsleben. Informationen zum „Arbeiter- und Bauernstaat“, zur Jugendkultur und Mangelwirtschaft.

Warum Pforzheim?

Warum gerade in Pforzheim? Das ist wohl eher einem Zufall geschuldet. Klaus Knabe, ein ehemaliger Radio- und Fernmeldemechaniker, war 1961, einen Monat vor dem Mauerbau, nach West-Berlin geflüchtet. Für den gebürtigen Dresdner, der sich 1957 noch für vier Jahre freiwillig zur Nationalen Volksarmee verpflichtet hatte, wurde Pforzheim bald zur neuen Heimat. Nach der Wende hatte er alles zur DDR-Geschichte gesammelt, was über Nacht wertlos geworden war. Der Start des Museums begann auf zunächst 100 Quadratmetern – über 6000 Objekte zählt der Fundus heute, von denen allerdings ein Großteil im zugehörigen Depot lagert. Nach Knabes Tod 2012 ging das offiziell „DDR-Museum“ genannte Haus an eine Stiftung.

Als eine, wie sie es selbst beschreibt „angelernte DDR-Vermittlerin“, habe sie das Thema rund um 40 Jahre SED-Staat „regelrecht angefasst“, sagt Birgit Kipfer. Die Sprecherin des Stiftungsrats, geboren einst im Harz und aufgewachsen in Bremen, saß mehr als 20 Jahre für die SPD im Landtag. Sie widmet sich heute der Erinnerungsarbeit, ist Landessprecherin des Vereins „Gegen das Vergessen“, der mit engem Bezug zur Thematik NS- und SED-Diktatur agiert.

Angelernte DDR-Vermittlerin

Die Ausstellung an der Hagenschießstraße wurde nach Gründung und Arbeitsbeginn der Stiftung – für die auch Joachim Gauck, der einstige Bundespräsident geworben hatte, und zu deren Gründungsakt Berlins ehemaliger Bürgermeister Eberhard Diepgen, nach Pforzheim kam – bald kräftig geliftet. In den Jahren 2013 und 2014 wurde ein stärker politischer Anspruch für das Haus formuliert. Mit dem neuen Konzept sollten auch regionale Bezüge gestärkt werden. „Aktuell haben wir in der Ausstellung vielleicht 400 bis 500 Objekte“, sagt Birgit Kipfer, die das Haus mit Volker Römer managt. Er ist auf lokaler Ebene örtlicher Sprecher des Vereins „Gegen das Vergessen“.

Zur Eröffnung der neuen Dauerausstellung 2015 kam auch Roland Jahn, der seit 2011 als der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen-Behörde in Berlin fungiert. Die Ausstellung wurde im Obergeschoss erweitert, im Keller wurden Gefängniszellen nachgebaut und ein sogenanntes „Vernehmungszimmer“ mit originalem Mobiliar eingerichtet. Museums-Gründer Knabe hatte zudem Zellen-Türen aus Stasi-Gefängnissen gesammelt, die dort zugänglich sind. Pro Jahr kämen, laut Kipfer, 50 bis 60 Schulklassen in das Haus am südlichen Stadtrand von Pforzheim. Im September 2009 war bereits die 500. Schulklasse im DDR-Museum begrüßt worden. Inzwischen sind es weit mehr als 700. „Wir wollen kein Heimatmuseum sein, sondern ein Museum, das zeigt, wie das Leben in einer Diktatur ist“, sagt Kipfer. Die Exponate reichen von den reichlich skurrilen „Geruchsproben“, die gleich am Eingang ausgestellt sind – und mit denen speziell ausgebildete Spürhunde Oppositionelle ausfindig machen sollten; über die SED-Ordenszeichen und das einstige Sandmännchen des DDR-Fernsehens, bis hin zur Selbstschussanlagen. Natürlich darf die Motorhaube eines Trabbi nicht fehlen – das Mauerstück am Haus stammt vom Potsdamer Platz.

Alte Zellen-Türen für Schulklassen

Während der Museumsgründer Klaus Knabe mit vielen Details zur DDR-Historie aufwartete, die Aushänge dabei teils unübersichtlich wirkten und Besucher überforderten, ist das Ziel der 2015 neu eröffneten Ausstellung ein anderes. „Jeder soll die Exponate auch ohne eine Führung verstehen können“, sagt Kipfer. Der politische Anspruch sei, „über Freiheit und Demokratie, über Rechtsstaatlichkeit zu reden“. Das ist gelungen: Tausende Objekte waren bei der Revision ins Depot verbannt worden. Jetzt wird mit kurzen Textbeiträgen, Hörproben und vertiefenden Darstellungen via Tablets gearbeitet.

Das Haus, das sich auch „Lernort für Demokratie“ nennt, versteht sich als ein Ort für „die Erziehung zum demokratischen Bewusstsein“. Die Ausstellung im Erd- und Obergeschoss gliedert sich in acht Räume und reicht von der Gründung des Staates über die Jugend in der DDR bis hin zum vereinten Deutschland. Thematisiert werden auch Fluchtgeschichten von heutigen Pforzheimern.

„Die Leute wissen immer weniger über die DDR“

Die Sprecherin des Stiftungsvorstands erkennt dabei eine „steigende Bedeutung“ für das Thema. Immer weniger Menschen im Südwesten „würden noch etwas von der DDR wissen“, sagt Birgit Kipfer. Das gelte auch, und besonders, 30 Jahre nach der Vereinigungvon Ost- und Westdeutschland. So sagt es die einstige Leonberger SPD-Politikerin, die am 9. November 1989 spätabends von einer Kreisvorstandssitzung nach Hause kam und vom Fall der Mauer selbst erst am nächsten Morgen erfuhr.

Sonderöffnung

Das „DDR-Museum“ ist immer sonntags von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Zugang für Gruppen bis 15 Personen gibt es nach Voranmeldung. Am Tag der Deutschen Einheit, 3. Oktober, ist das Museum zusätzlich von 13 bis 16 Uhr geöffnet. Rund 20 Personen des Vereins „Gegen das Vergessen“ engagieren sich ehrenamtlich als Aufsichts- und Führungspersonal beim Sonntagsdienst. Der Eintritt in das Museum ist frei. Spenden sind willkommen.