Lucy Locher zeichnet seit Kindertagen und versucht nun, als Illustratorin Fuß zu fassen. Foto: Gottfried Stoppel

Lucy Locher aus Fellbach will sich einen Traum erfüllen – und wagt nun erste Schritte als freie Illustratorin. Auf der 3. Stuttgarter Buchmesse kann man ihr über die Schulter schauen.

In Lucy Lochers Skizzenbüchern zu blättern, ist wie eine Reise in eine andere, fantastische Welt. Auf jeder Seite wartet eine Überraschung. Ein riesiger Regenwurm, der mit großen Augen in die Welt schaut. Ein Totenkopf. Eine pralle, knallrote Paprika. Ein vorwitziges Mädchen mit keck abstehenden Zöpfen. Das Kerngehäuse eines Apfels. Buntes Gekritzel. Die Kralle eines Raubvogels in Nahansicht. Eine Blumenwiese. Porträts eines Schimpansen. Ein seltsames Wesen mit Kürbiskopf. Ein Mann mit roter Schnupfennase.

 

Wie lernt man, so ausdrucksstark und gut zu zeichnen? Indem man als Kind damit anfängt und nicht mehr aufhört, sondern immer weiter übt, sagt Lucy Locher: „Nur so wird man besser. Wenn man nicht regelmäßig zeichnet, rostet man ein, das ist wie bei einem Sportler.“ Die 32-Jährige aus Fellbach (Rems-Murr-Kreis) spricht aus Erfahrung. Denn nach der Geburt ihres zweiten Sohns hatte sie kaum noch Zeit für die Praxis. Die Einstiegsphase direkt nach der Kinderpause war entsprechend frustrierend: „Es war schwer, wieder ins Zeichnen zu kommen. Man muss Leichtigkeit finden und darf nicht zu verkrampft sein.“

Ein Poesiealbum mit rotem Einband dokumentiert die ersten Schritte nach der langen Pause. Es ist ein Sammelsurium aus Abgezeichnetem und selbst Erdachtem, Gegenständlichem und Abstraktem. „Da habe ich viel gekritzelt und mit Farben gespielt, um mich frei zu machen. Es muss nicht alles schön aussehen. Aus dem Zufall entsteht vieles, aus dem sich etwas machen lässt.“ Oft seien genau das die kleinen Perlen, sagt Lucy Locher. Ihr Ziel ist es, ihre große Leidenschaft zum Beruf zu machen: Der Traum der staatlich geprüften Diplom-Grafikerin ist eine Laufbahn als freie Illustratorin.

Schlangestehen und Absagen gehören dazu

Ein Blick in eines der Skizzenbücher von Lucy Locher. Foto: Gottfried Stoppel

Dass das kein einfacher Weg ist, ist Lucy Locher klar. Sie tauscht sich regelmäßig mit anderen Mitgliedern der ziemlich diversen Illustratoren-Community aus, die sie als sehr kollegial und hilfsbereit schildert. „Die konstruktive Kritik hat mir geholfen, meine Arbeit professioneller zu sehen und weiterzukommen.“ Im vergangenen Herbst war sie zum ersten Mal mit Arbeitsproben auf der Frankfurter Buchmesse unterwegs und hat ihr Portfolio am Stand verschiedener Verlage vorgestellt.

Ein wichtiger Schritt, der Geduld und Mut erfordert. Denn Schlangestehen und Absagen gehören zum Geschäft. Zum Glück aber auch Lektoren, die sich etwas Zeit nehmen, die Zeichnungen anschauen und eine Rückmeldung geben. Einigen Verlagen darf Lucy Locher nun Arbeitsproben schicken. Sie sollen ihre Charaktere in verschiedenen Posen und Stimmungen zeigen – schließlich erlebt der jeweilige Protagonist so einiges, und das muss sich in den Zeichnungen widerspiegeln. Passt auch der Stil zum geplanten Buchprojekt, hat Lucy Locher Chancen, zum Zug zu kommen. Ihre Zielgruppe sind Verlage, die Bücher und Medien für Kinder im Grundschulalter herausgeben.

Großer Ansturm auf 3. Stuttgarter Buchmesse

„Ich stehe noch ganz am Anfang“, sagt die zweifache Mama, die oft abends zeichnet. Meist skizziert sie mit Bleistift und arbeitet mit hochwertigen Buntstiften, Aquarellfarben, Tusche oder einer Art Wachsmalstift nach. Auch das Zeichnen am Tablet ist sie mittlerweile gewohnt: „Da ist die Herausforderung, die Magie des Analogen zu übertragen.“ Trotz Digitalisierung sind solche Bilder immer noch von Menschenhand gemalt. „Das ist ein Prozess, bei dem sich etwas entwickelt“, macht Lucy Locher den Unterschied zu Bildern deutlich, die eine Künstliche Intelligenz (KI) generiert hat. „Generative KI und der Verstoß gegen Urheber- und Nutzungsrechte sind ein großes Thema bei uns in der Community“, sagt die 32-Jährige, die sich mittlerweile zwei Mal überlegt, ob sie eine ihrer Zeichnungen auf Kanälen wie Instagram veröffentlicht.

Auf ihr Handwerk macht Lucy Locher demnächst mit weiteren Kolleginnen bei der in Fellbach ausgerichteten 3. Stuttgarter Buchmesse aufmerksam: Sie haben sich einen der heiß begehrten Messe-Tische gesichert, die schon im Juni 2025 vergeben waren. Termin der Veranstaltung ist Samstag, 28. Februar, von 10 bis 18 Uhr in der Schwabenlandhalle in Fellbach. Am Messestand stellen die acht Illustratorinnen sich und ihren Beruf vor, geben selbst gestaltete Postkarten aus und zeichnen vor Ort Lesezeichen – Illustratorinnen zum Anfassen. Und dann mal sehen, was passiert. Lucy Lochers Traumprojekt ist, ein Kinderbuch mit Fabelwesen zu illustrieren. „Da kann man der Fantasie schön freien Lauf lassen.“