Vor 25 Jahren, am 3. Oktober 1990, feierten Ost- und Westdeutsche die deutsche Wiedervereinigung. Foto: dpa

Deutschland feiert Silberhochzeit: Am 3. Oktober sind Ost und West seit einem Vierteljahrhundert vereint. Wie es bei längeren Ehen der Fall ist, haben sich die Partner einander langsam angeglichen. Ein Überblick.

1. Museumsreif

Rund 30 DDR-Museen gibt es in Deutschland. Eines davon ist in Pforzheim.

2. Zweiradland

Die meisten Radler in Deutschland schwingen sich in ihrer Freizeit für Ausflüge in den Sattel. Sowohl im Westen als auch im Osten. Allerdings fahren im Osten nur zwölf Prozent der Radfahrer mit dem Drahtesel auch zur Arbeit oder zur Ausbildungsstätte. Im Westen sind es doppelt so viele (24 Prozent).

3. Einheitskäse

Das Fest zum Tag der Deutschen Einheit tourt durchs Land – immer das Bundesland, das gerade den Bundesratsvorsitz innehat, darf auch für die Feier aufkommen. Ob die Hessen den Geschmack aller Deutschen treffen, wird sich zeigen: Der regelmäßig tagende Ossi-Stammtisch in Frankfurt hat sich mit den Apfelweinkneipen der Stadt bereits angefreundet – doch kann Handkäs mit Musik, das hessische Nationalgericht, wirklich zur innerdeutschen Völkerverständigung beitragen?

4. Wahlbeteiligung

Die Wahlbeteiligung geht seit der ersten gesamtdeutschen Wahl im gesamten Bundesgebiet zurück. 1990 gaben 77,8 Prozent ihre Stimme ab – 78,6 Prozent im Westen und 74,5 Prozent im Osten. Bei der letzten Bundestagswahl 2013 lag die Wahlbeteiligung nur noch bei 71,5 Prozent (West: 72,4 Prozent, Ost: 67,6 Prozent).

Laut Statistischem Bundesamt verteilen die Menschen im Osten und im Westen des Landes ihre Zweitstimmen auch unterschiedlich: Im Osten wählten 2013 deutlich mehr die Linke als im Westen (22,7 zu 5,6 Prozent). Schon 1990 hatte die Partei unter ihrem früheren Namen PDS im Osten klar besser abgeschnitten als im Westen (11,1 zu 0,3 Prozent).

5. Silberhochzeit

25 Jahre ist Deutschland nun vereint – die Bundesrepublik feiert Silberhochzeit. Ihre Bürger sind da nicht so bindungsfreudig. Das Familienmodell Ehe ist bundesweit auf dem Rückzug: 1990 wurden in Deutschland noch 516 388 Ehen geschlossen, 2014 waren es nur 385 952. Aber, liebe Bundesrepublik, auch auf 25 Jahren Zweisamkeit sollte man sich nicht ausruhen. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der Scheidungen nach einer Ehedauer von 26 und mehr Jahren von 14 300 (1993) auf 23 600 fast verdoppelt.

Von deutsch-deutschen Ehen bis zur Binnenwanderung

6. Herzensangelegenheiten

Ost-West-Paare sind eine Seltenheit, auch ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung. Nur rund vier Prozent der Ehen in Deutschland werden zwischen einem Mann aus dem Westen und einer Frau aus dem Osten geschlossen und umgekehrt. Rund 15 000 sind das in absoluten Zahlen. Wer jetzt meint, das hätte etwas mit Mauern in den Köpfen, äh Herzen zu tun, irrt. Ähnlich selten sind nämlich Ehen zwischen Nord- und Süddeutschen.

7. Kult

Der Trabi ist nicht totzukriegen, auch ein Vierteljahrhundert nach der Vereinigung. Zum 1. Januar 2015 waren 32 832 Fahrzeuge der Marke Trabant zugelassen, 521 oder 1,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Da neue Trabis bekanntlich nicht mehr gebaut werden, sind Sammler und Liebhaber wohl für den Anstieg verantwortlich. Bastler richten alte Trabis wieder her und verkaufen sie.

8. Bundesliga

Der Ost-Fußball blutet aus, hieß es kurz nach der Wende. Und heißt es heute noch. Die Bundesliga ist längst eine reine westdeutsche Meisterschaft. Die beiden Gründungsmitglieder der ersten gesamtdeutschen Bundesliga 1991/92, Hansa Rostock und Dynamo Dresden, spielen heute in der dritten Liga und befinden sich dort in bester (Ost-)Gesellschaft: Gleich acht der 18 Drittligisten entstammen der ehemaligen „Zone“. In der zweiten Liga findet sich neben RB Leipzig mit Union Berlin nur ein einziger echter Ost-Club. Die sechs Vereine, die sich vor 25 Jahren für den zweigleisigen Unterbau qualifizierten – RW Erfurt, Hallescher FC, Chemnitzer FC, Carl-Zeiss Jena, VfB Leipzig und Stahl Brandenburg – kicken heute dritte Liga abwärts.

9. Blühende Studenten-Landschaft

Während der Arbeitsmarkt seit der Wende Ostdeutsche scharenweise gen Westen ziehen ließ, wählen viele Abiturienten aus den alten Bundesländern die entgegengesetzte Richtung. Ihre Zahl an den Ost-Hochschulen hat sich allein in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht: von knapp 38 500 im Wintersemester 2004/05 auf gut 134 600 zehn Jahre später. Der Anteil der Studenten mit „Migrationshintergrund West“ kletterte damit von 14 auf 44 Prozent. Neben den Studienbedingungen mit guter Betreuungsrelation gelten niedrigere Lebenshaltungskosten als Pluspunkt für ein Studium im Osten.

10. Binnenwanderung

Die neuen Länder haben nach der Vereinigung mehr als zwei Millionen ihrer einst 14,5 Millionen Einwohner verloren. Vor allem junge Menschen haben den Weg in den Westen gesucht. Doch der Osten wird wieder attraktiv, nicht nur für Studenten, auch für ältere Jahrgänge: So verbuchten die ostdeutschen Flächenländer 2013 bei den 50- bis unter 65-Jährigen und bei den Senioren ab 65 Jahren gegenüber den alten Bundesländern leichte Wanderungsgewinne.

Von Mauerresten bis zum Politikeraustausch

11. Mauerreste

Viele bedeutende Gebäude schmücken sich mit einem Stück aus der Berliner Mauer. Beispielsweise die Vereinten Nationen in New York und das Britische Museum in London. Aber auch Otto Normalbürger kann sich ein Stück Geschichte in den Garten stellen. Für läppische 500 Euro gibt es die Mauersegmente bei Elmar Prost im brandenburgischen Teltow zu kaufen.

12. Wendehit

Der Song „Wind of Change“ von der Band Scorpions ist die erfolgreichste Single deutscher Produktion überhaupt. Zwischen 14 und 15 Millionen Exemplare sollen weltweit verkauft worden sein.

13. Generation 25

Nach einer Umfrage des Forsa-Instituts von 2014 im Auftrag ostdeutscher Hochschulen empfindet unter den 16- bis 29-Jährigen mehr als die Hälfte größere Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschen als zwischen West- und Ostdeutschen – nur knapp ein Drittel sagt das Gegenteil.

14. Bewusstsein

Mehr als 18 Millionen Deutsche sind dem Statistischen Bundesamt zufolge nach der Vereinigung geboren. Sie haben nie das Leben im geteilten Land erfahren. Soziologen sehen aber noch nicht die Nach-Wende-Generation, sondern erst die folgende als gänzlich unbelastet vom Ost-West-Denken.

15. Austausch

Johanna Wanka war die erste ostdeutsche Ministerin, die in einem westdeutschen Parlament, im Landtag von Niedersachsen, Platz genommen hat.

Von Reisegewohnheiten bis zur Arbeitslosigkeit

16. Reisen

Die Macht des Gewohnten ist 25 Jahre nach der Wiedervereinigung auch beim Urlaub groß. Nach Stippvisiten im Ausland ist bei den innerdeutschen Reisezielen der Ostdeutschen längst wieder die Ostseeküste samt Inseln am beliebtesten. Bei den Westdeutschen zieht Bayern am meisten, wie Daten des Statistischen Bundesamts belegen.

17. Mode

Auch heute noch hören Ostdeutsche im Westen manchmal noch den Satz: „Du siehst aber gar nicht so aus.“ Er entfährt manch Westdeutschem, wenn er erfährt, dass sein Gegenüber in der DDR gelebt hat. Und auch Ostdeutsche glauben mitunter, einen Wessi sofort am Äußeren zu erkennen. „Das ist Quatsch, modisch ist die Einheit längst vollzogen“, sagt der Hauptgeschäftsführer im Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks, Jörg Müller. Und zwar von Kopf bis Fuß. Nach Ansicht von Modeexperten verläuft die Stil-Trennlinie längst nicht mehr zwischen Ost und West, sondern nach Einkommen oder Stadt- und Landregionen.

18. Konsum

Ost- und Westdeutsche geben ihr Geld auf ziemlich ähnliche Weise aus. Den größten Posten bildet sowohl in Ost- wie in Westdeutschland mit etwa 35 Prozent der Bereich Wohnen und Energie. Es folgen mit je etwa 15 Prozent die Ausgabenblöcke Nahrungsmittel/Getränke und Mobilität. Ein paar Unterschiede gibt es aber: So essen Ostdeutsche viel weniger Fisch als Westdeutsche, dafür umso mehr Lebensmittel aus Konserven.

19. Sprache

Die Einheit des Wortschatzes ist weitgehend vollzogen, wie Linguistikprofessor Peter Schlobinski, Vorsitzender der Gesellschaft für Deutsche Sprache, sagt. Für die Gruppe der unter 60-Jährigen sei dieser Prozess abgeschlossen. Bürokratische ostdeutsche Wortungetüme wie die Jahresendflügelfigur für den Weihnachtsengel dienen heute allenfalls noch für satirische Rückblenden auf die untergegangene DDR. Einige wenige Begriffe aus der Alltagssprache der Ostdeutschen sind mittlerweile gesamtdeutsches Sprachgut. In der Einraumwohnung wohnt man nun auch in Köln, und der Broiler brutzelt mittlerweile auch an Imbissständen von Hähnchenbrätern in Hannover vor sich hin.

20. Arbeitslosigkeit

Die Zahl der Menschen ohne feste Arbeit stieg im Osten sprunghaft an, von 10 Prozent 1991 bis auf mehr als 20 Prozent im Jahr 2005. Dann gelang dank einer robusten Konjunktur der Umschwung. Die Arbeitslosenquoten sanken Jahr für Jahr – auf jetzt neun Prozent. Gestützt wurde diese Entwicklung vom Bevölkerungsrückgang. Gleichwohl: Mit knapp sechs Prozent Arbeitslosigkeit steht der Westen noch immer deutlich besser da.

Vom Einkommen bis zur Gesundheit in Ost und West

21. Einkommen

Der Osten hat kräftig aufgeholt. Lag das verfügbare Einkommen je Einwohner in den fünf neuen Ländern 1991 nur bei 58 Prozent des gesamtdeutschen Niveaus, sind es jetzt 86 Prozent. Dank eines niedrigeren Preisniveaus ist der Abstand bei der Kaufkraft sogar noch etwas geringer.

22. Glauben

Der Sozialismus in der DDR ließ keinen Raum für Religion. Auch heute bekennen sich nur wenige Ostdeutsche zu einem Glauben. Mehr als drei Viertel der Bevölkerung in Ostdeutschland gehört keiner Religionsgemeinschaft an, ist also weder katholisch noch evangelisch, jüdisch oder muslimisch. Aber auch der Westen fällt langsam vom Glauben ab: 2014 sind 217 716 Menschen allein aus der Katholischen Kirche ausgetreten.

23. Aufatmen

Die Chemieindustrie, auf die die DDR-Führung lange setzte, hat viele Regionen – Beispiel Bitterfeld – nachhaltig geschädigt. Die Umwelt hat mächtig gelitten. Laut der GfK-Studie „So geht Einheit“ sind immer mehr Menschen im Osten mit den Umweltbedingungen in ihrer Heimat zufrieden.

24. Wohnen

Die häufigste Form des Immobilienbesitzes ist das Einfamilienhaus – auch im Osten. Die Zahl der Single-Haushalte hat in den vergangenen 25 Jahren in ganz Deutschland stark zugenommen. In Ostdeutschland soll das laut GfK-Studie an dem dort herrschenden Männerüberschuss liegen und daran, dass die Menschen im Osten ihr Elternhaus früher verlassen.

25. Gesundheit

55 Prozent der Ostdeutschen und 52 Prozent der Westdeutschen sind übergewichtig. Die Lebenserwartung für Männer liegt im Osten bei 77 Jahren – ein Jahr niedriger als im Westen. 26 Prozent der Ost- und 24 Prozent der Westdeutschen rauchen.

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