Staatsanwalt, Rechtsanwältin und Beschuldigte sind für die Unterbringung. Foto: dpa

Ein Gutachter attestiert einem gewalttätigen 29-Jährigen vor Gericht, unzurechnungsfähig zu sein. Seine Taten hat der Beschuldigte unter Drogen und während einer schizophrenen Phase begangen.

Freudental - Das letzte Wort des Beschuldigten fiel etwas länger aus als sonst vor Gericht üblich. In dem Verfahren vor dem Heilbronner Landgericht ging es am Donnerstag um die zwangsweise Unterbringung des 29-Jäh­rigen in einem psychiatrischen Krankenhaus. Aufmerksam hatte der Mann den Plädoyers des Vertreters der Staatsanwaltschaft und dem seiner Rechtsanwältin zugehört. Von einer Gefahr für die Allgemeinheit hatte der Staatsanwalt darin gesprochen. In seltener Einmütigkeit hatten sich beide Parteien für einen Verbleib in der Psychiatrie ausgesprochen.

Dem schloss sich der Beschuldigte an. „Ich würde mir selbst gar nicht zutrauen, ein normales Leben zu führen, wenn ich jetzt raus kommen würde“, sagte der Mann erstaunlich offen. Die Unterbringung sei auf jeden Fall das Beste für ihn. „Aber ich will natürlich auch nicht ewig drinbleiben.“

Der Beschuldigte ist geständig

In seinem Gutachten hatte auch der forensische Psychiater der Großen Strafkammer geraten, den Mann weiter in der Psychiatrie festzuhalten. „Eine Aussetzung kommt nicht in Betracht“, sagte er. Die Behandlung mit Medikamenten sei noch nicht abgeschlossen. An das Leben in Freiheit müsse der Mann erst wieder Schritt für Schritt herangeführt werden.

In den drei vorausgegangenen Verhandlungstagen hatte der Beschuldigte nichts von dem in Abrede gestellt, was ihm die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift vorwirft. Die Liste ist lang und reicht von gefährlicher Körperverletzung über Bedrohung, Beamtenbeleidigung bis zum Widerstand gegen Vollzugsbeamte. Die Taten erstreckten sich über den Zeitraum eines halben Jahres. Begangen wurden sie in einem Zustand hochgradiger Aggression. Immer stand der Beschuldigte dabei unter Alkohol- oder Drogeneinfluss. Auch litt er, das bestätigte der psychiatrische Gutachter, während der Taten unter einer sozioaffektiven Störung, schwankte also zwischen schizophrenen Schüben und eher manisch-depressiven Phasen. Zurechnungsfähig sei er auf jeden Fall nicht gewesen.

Angst, andere können die Gedanken lesen

Der Beschuldigte selbst hatte der Großen Strafkammer davon berichtet, wie er in dieser Zeit glaubte, andere Menschen könnten seine Gedanken lesen, oder wie er Angst hatte, in die Hölle zu kommen. Immer wieder plagten ihn Selbstmordgedanken, ein andermal tanzte er mehrere Kilometer über die Feldwege rund um Löchgau.

Das nun vor Gericht verhandelte Geschehen begann damit, dass der heute 29-Jäh­rige an seinem Geburtstag im Juni 2014 mit einer Waschbetonplatte das Badezimmerfenster der Wohnung seiner Mutter einwarf. Sie hatte im zuvor gesagt, sie wolle Abstand von ihm. Beim Eintreffen der Polizei ließ er sich widerstandslos festnehmen. Eine Beamtin erinnerte sich an seine Worte: „Das Leben hat keinen Sinn mehr.“ Es folgten gleichwohl weitere Taten. Aus Frust, dass seine Freudentaler Nachbarin die Beziehung mit ihm nicht weiterführen wollte, zerkratzte er ihr Auto. Mit einem Kantholz schlug er auf eine Polizistin ein, die mit Kollegen seine Wohnung betreten wollte, die die Feuerwehr aufgebrochen hatte. Weil die Frau einen Helm trug, kam sie nahezu unverletzt davon.

29-Jähriger entschuldigt bei jedem seiner Opfer

„Ich habe mein Leben nicht mehr unter Kontrolle gehabt“, sagte der Beschuldigte in seinem Schlusswort. Dass er sich bei jedem seiner Opfer entschuldigt habe und dass die ihm zum Teil alles Gute gewünscht hätten, hob seine Anwältin in ihrem Plädoyer hervor. Die vom Gutachter mit der medizinischen Behandlung empfohlenen Suchttherapie sah sie als „gute Voraussetzung dafür, wieder Fuß zu fassen“. Das Gericht verkündet sein Urteil am Freitag.

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