Ein Loch im Eisernen Vorhang: Der kleine Grenzübergang bei Fertörákos wurde während des Paneuro­päischen Picknicks geöffnet. Das hatte sich unter Hunderten DDR-Bürgern herumgesprochen, die an der ungarisch-österreichischen Grenze nach Fluchtmöglichkeiten suchten. Ein Menschenstrom bewegte sich daher am 19. August 1989 auf das Holztor zu – und brach mit voller Wucht durch. Nur der Besonnenheit der Grenzer ist es zu verdanken, dass es kein Blutbad gab Foto: dpa

Hunderte DDR-Bürger durchbrachen vor 25 Jahren an der österreichisch-ungarischen Grenze einen kleinen Übergang. Die Massenflucht beim Paneuropäischen Picknick am 19. August 1989 setzte eine Kettenreaktion in Gang, an deren Ende es die DDR nicht mehr gab. Mit dabei: die Ostberliner Familie Rocke.

Fertörákos - In Berlin über die Spree fliehen? An der innerdeutschen Grenze rübermachen? Nein, das kam für Familie Rocke nie infrage. „Wir hätten doch nicht das Leben unserer beiden Kinder gefährdet“, sagt Jochen­ Rocke (61). Doch im Sommer 1989, dem Wendejahr, kursierten immer mehr Gerüchte­: Von Ungarn, dem in der DDR beliebten Urlaubsland, könne man nach Österreich, sprich: in die Freiheit gelangen. Ganz einfach. Ohne große Gefahr. Da war für den damaligen Bauleiter und seine Frau Barbara (60) klar: „Wir beantragen ein Urlaubs­visum für Ungarn – und hauen ab!“

Dass dieser heiße Sommer vor 25 Jahren nicht nur ihr Schicksal beeinflussen, sondern auch das Ende der DDR, ja des gesamten Ostblocks einläuten würde, konnten die Rockes nicht ahnen. Zwar bröckelte das System. In der Sowjetunion predigte Staats-chef Michail Gorbatschow den Umbau. In vielen der sozialistischen Satelliten­­staaten­ taten sich ebenfalls Risse auf. Und Ungarn machte sich zum Motor­ der Öffnung. Am 27. Juni hatte Außenminister Gyula Horn mit seinem österreichischen­ Amtskollegen Alois Mock an der ungarisch-österreichischen Grenze bei Sopron medienwirksam ein Stück Stacheldraht zerschnitten. Was Zehntausende DDR-Bürger lockte, die nach weiteren Löchern­ im Eisernen Vorhang suchten.

„Wir sind die Sache­ dennoch völlig naiv angegangen“, sagt Rocke. Ihre Habseligkeiten verschenkten die Ostberliner – „an Freunde, denen wir vertrauten“. Dann hieß es „einmal Ungarn – und nie mehr zurück“, so Barbara Rocke.

Mit den damals 13 und 15 Jahre alten­ Kinder ging es am 12. August im Skoda an den Plattensee. Auf dem Papier zumindest. Tatsächlich machten die Rockes bei Sopron Station, in der Nähe des Neusiedler Sees. Im Gepäck­: Unmut über den DDR-Sozialismus, unklare Vorstellungen vom Leben im Westen sowie ein Kompass, ein Fernglas und ein Bolzenschneider, zum Zerschneiden des Stacheldrahts. Vom Zeltplatz, wo sie mit Hunderten anderer Republikmüder campierten, machten sie sich eines Nachts auf: „Leider war Vollmond, da hätten uns die Grenzer schnell entdeckt.“ Abbruch der Aktion­.

Zweiter Versuch einige Nächte später. Noch erfolgloser: „Wir wurden geschnappt und dachten: Jetzt ist alles vorbei“, erzählt Barbara Rocke. Zu ihrer Verblüffung wurden sie nicht an die Stasi übergeben. „Die ungarischen Grenzer waren stattdessen locker, bewirteten uns mit Tee und belegten Broten, nahmen ein Protokoll auf – und ließen uns laufen“, sagt Jochen Rocke und wirkt dabei noch heute ein wenig ungläubig. „Sie gaben uns den Rat: ‚Versucht’s lieber in der Botschaft in Budapest.‘‘‘ Doch dieser Weg war verbaut, der am Wegesrand abgestellte Skoda längst ausgeschlachtet, wie viele zurückgelassene DDR-Wagen.

Also wieder in den Wald. Es war die Nacht auf den 19. August, der zum historischen Datum werden sollte. Für die Rockes aber hieß es stundenlang ausharren. Voller Angst. Dann weiter, orientierungslos. Plötzlich ein Wachturm: „Die Grenzer haben uns bestimmt gesehen, aber weggeschaut“, ist sich Barbara Rocke sicher. Schließlich ein heller Grenzstein. Oder was war das? Es war der Burgenländer Martin Kanitsch, der rief: „Alles in Ordnung, ihr seid in Österreich.“ Die Rockes­ waren gerettet, in Freiheit – und schwer überrascht. „Jahrzehntelang hatte man uns eingebläut, der Westen sei von einer kalten Ellbogengesellschaft geprägt, und nun stießen wir auf fast unglaubliche Hilfsbereitschaft“, sagt Jochen Rocke.

Den beschwerlichen Weg durch den Wald hätten sich die vier allerdings sparen können. Denn nur wenige Stunden später kam es zur Massenflucht. Am hellen Tag. Beim Paneuropäischen Picknick, einem Friedensfest am winzigen, seit 40 Jahren geschlossenen und nur mit einem Holztor gesicherten Grenzübergang zwischen den Dörfern Fertörákos und St. Margarethen. Ganz in der Nähe, wo die Rockes in der Nacht über die Grenze gegangen waren. „Das ist eben die Ironie des Schicksals“, sagt Jochen Rocke­ und lacht.

In der Aufbruchstimmung hatten das oppositionelle­ ungarische Demokratische Forum und die Paneuropa-Union unter der Präsidentschaft des Kaisersohns Otto von Habsburg an dem strahlenden Sommersonntag zum Picknick geladen. Bei Lagerfeuer, gemeinsamem Speckbraten und symbolischer Grenzöffnung sollten die geladenen Gäste erfahren, wie es sich ohne Eisernen Vorhang anfühlen würde.

„Maximal 100 Personen hätte ich zwischen 15 und 18 Uhr passieren lassen dürfen, Österreicher und Ungarn, keine anderen Staatsbürger“, erzählt Johann Göltl (72), der als Grenz-Chefinspektor auf österreichischer Seite Dienst tat. Doch Hunderte von DDR-Bürgern hatten von der Veranstaltung Wind bekommen. Sie sammelten sich in den umliegenden Wäldern und stürmten plötzlich los. Machtvoll, „in drei großen Wellen“, seien sie gekommen, sagt Árpád Bella (68), Oberstleutnant in Rente und damals auf ungarischer Seite für die Grenzsicherung verantwortlich. Junge Menschen, viele Familien mit Kindern auf dem Arm seien auf ihn zugerannt. Alle mit nur einem Ziel: rüber, schnell rüber! „Nach 40 Minuten kam Verstärkung im Lkw. Wir konnten niemanden mehr passieren lassen“, so Bella. Und doch: Mehr als 650 Menschen gelang die Flucht. Es war die größte Fluchtbewegung von Ostdeutschen seit dem Bau der Berliner Mauer – und sie löste eine Kettenreaktion aus. Am 11. September 1989 öffnete die ungarische Regierung alle Grenzen und ermöglichte so die Ausreise für alle festsitzenden Fluchtwilligen.

Bella hätte die Menschenmenge in Fertörákos eigentlich aufhalten müssen. Stattdessen reagierte er besonnen – und ließ die Waffe stecken. „Ich wollte kein Massenmörder werden“, sagt er. Eine Entscheidung für die Menschlichkeit – aber auch gefährlich: „Ich hätte dafür fünf Jahre ins Gefängnis kommen können.“

Bella und Göltl, längst befreundet und für ihren Mut unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt, können sich nicht vorstellen, dass „die Verantwortlichen, die Mächtigen, von den Plänen, hier durchzubrechen, nichts wussten“. Vermutlich seien alle Geheimdienste Europas zugegen gewesen. Das Picknick sei „als Testballon gedacht gewesen“. Wie würden die anderen Ostblockstaaten reagieren? „Es hätte wie 1956 laufen können, als die Russen bei uns einmarschierten und den Volksaufstand blutig beendeten“, sagt Bella. Damals war das Burgenland schon mal Schauplatz einer Massenflucht, Zehntausende Ungarn flohen über die Brücke von Andau nach Österreich. Die Hilfsbereitschaft war groß. Auch dieses Mal war klar: Man muss helfen.

Menschen wie der Grenzstein-Mann Martin Kanitsch aus dem nahen Mörbisch nahmen Dutzende Flüchtlinge auf. Die Rockes­ sind ihm noch heute dankbar: „Martin ist leider vor einigen Jahren gestorben. Mit seiner Familie sind wir aber weiter befreundet.“ Demnächst wollen sie wieder zu Besuch an den Neusiedler See fahren, vielleicht auch mal bei der Weinlese helfen. Besuch­ aus dem Burgenland hatten sie auch schon: „In Berlin. Wir leben Luftlinie zehn Kilometer von unserer alten Wohnung entfernt.“ Über Sopron, Mörbisch, Wien, Gießen und Schöppingen seien sie am Ausgangspunkt Berlin gelandet – „wenige Wochen­ später fiel die Mauer.“ Das Ende der DDR war besiegelt.

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