Sie sollen ein Sprachrohr der Jugend sein und Anliegen ihrer Altersgenossen zur Sprache bringen. Der Jugendgemeinderat Esslingen spricht seit 25 Jahren Klartext. Die Vorsitzende Helin Cengiz und Philip König als Mann fast der ersten Stunde berichten.
Der Satz klingt merkwürdig aus dem Mund einer 21-Jährigen: „Ich gehe in Rente“, sagt Helin Cengiz. Fünf Jahre war sie Mitglied im Esslinger Jugendgemeinderat, der 1997, vor 25 Jahren, zum ersten Mal gewählt wurde. 2019 wurde die junge Frau zur Vorsitzenden bestellt. Von den vielen Stunden im Einsatz für ihr Ehrenamt, sagt sie, bereue sie keine Sekunde. Nun hat sie die Altersgrenze erreicht und darf nicht wieder kandidieren. Dem Ruhestand als Jungpolitikerin sieht sie kritisch entgegen. Das Engagement, das Netzwerken, das Politisieren, die Sitzungen, der Kontakt zu den anderen Mitgliedern und das Einbringen von Jugendthemen werden ihr fehlen. Sie würde sich gerne weiter engagieren. Sie weiß nur noch nicht wie und wo.
Doch zunächst heißt es „volle Kanne Jugendgemeinderat“. Das Gremium wurde an „ihrer Schule“, dem Theodor-Heuss-Gymnasium, vorgestellt, erzählt Helin Cengiz, und eine ihrer Freundinnen wollte kandidieren. Da machte sie auch mit und wurde gewählt. Zeitweise sei es auch wegen Corona ein steiniger Weg gewesen, doch die Stadtverwaltung Esslingen habe ihr und ihren Kollegen nie Steine in den Weg gelegt. Sozialbürgermeister Yalcin Bayraktar lade einmal im Quartal zum Gespräch, bei allen städtischen Mitarbeitenden sei sie auf offene Ohren gestoßen, der Umgang sei immer freundlich und höflich gewesen. Der Paragraf 41a, der 2015 der baden-württembergischen Gemeindeordnung hinzugefügt wurde, habe dem Jugendgemeinderat noch mehr Gewicht gegeben, freut sich die junge Frau, die im letzten Jahr ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau steht. Dem Nachwuchsgremium wurde damit gesetzlich ein Rede-, Anhörungs- und Antragsrecht im Gemeinderat und seinen Ausschüssen zugebilligt. Aktuell stellt der Esslinger Jugendgemeinderat ein beratendes Mitglied im Ausschuss für Bildung, Erziehung und Betreuung sowie im Kulturausschuss.
Von Jugendlichen, mit Jugendlichen, für Jugendliche – ist das Credo des Gremiums. An die Wünsche ihrer Altersgenossen kommen Helin Cengiz und ihre Kollegen über die neuen sozialen Medien, Touren durch die Schulen, Unterrichtsbesuche oder Mund-zu-Mund-Propaganda heran: „Irgendjemand kennt immer jemand, der etwas möchte.“ Filialen bestimmter Markengeschäfte oder ein Fastfood-Ableger in Esslingen sind oft geäußerte Wünsche. Doch hier muss der Jugendgemeinderat gleich auf die Bremse treten: „Dafür sind wir nicht zuständig.“ Andere Anliegen etwa nach freiem WLAN im Stadtgebiet hat der Jugendgemeinderat aufgegriffen. Der Wunsch nach einem Bus hinauf in den Egert im Stadtteil Zell, in dem viele Familien mit Jugendlichen wohnen, wurde vom Gemeinderat zunächst abgelehnt. Doch in einem weiteren Anlauf mit weiteren Argumenten hat es geklappt.
Kommunalpolitik verursacht auch bei ihm Gänsehaut. Schon immer. Sogar in einem Alter, in dem sich der Adrenalinstoß bei politischen Themen oft in Grenzen hält. Philip König war 17 Jahre alt, als er für einen Sitz im zweiten Esslinger Jugendgemeinderat kandidierte. Nun ist er 40 Jahre alt, Unternehmensberater und er sagt: „Die Jahre im Gremium über zwei Wahlperioden von 1999 bis 2003 waren für mich der Einstieg in eine ehrenamtliche politische Tätigkeit etwa als Kirchengemeinderat in Esslingen.“
Die Zeit damals habe ihm ein gutes „Gefühl der eigenen Wichtigkeit“ gegeben, und er habe gelernt, dass nicht alles widerstandslos hingenommen werden muss: „Es ist gut, sich zu wehren.“ Die Stadtverwaltung habe ihm und seinen Ratskollegen eine Teilnahme am politischen Diskurs niemals verwehrt. Hilfreich bei der Kommunikation mit den Stadtoberen sei die Existenz eines festen, kompetenten Ansprechpartners gewesen. Schon während seiner Zeit im Jugendgemeinderat habe diesen Part Oliver Appelt übernommen, über den er ebenso wie Helin Cengiz nur lobende Worte verliert.
Politisch mitzumischen, hat Philip König Spaß gemacht. Oberthema sei stets gewesen, „wie man die Stadt jugendfreundlicher machen kann“. Die Anbindung von Esslingen an öffentliche Verkehrsmittel war zu seiner Zeit nicht optimal – nach 22 Uhr sei es schwierig gewesen, nach Hause zu kommen. Darum hat der zweite Esslinger Jugendgemeinderat ein Projekt gepusht, das das Vorgängergremium angestoßen hatte. Ein Nachttaxi brachte als Kooperationsprojekt der Stadt mit Taxiunternehmen nachtaktive Jugendliche noch bis weit nach Mitternacht zu günstigen Tarifen nach Hause: „Wir haben das Angebot bekannt gemacht.“ Der Ausbau des Skaterparks unter der Adenauerbrücke oder die Schaffung einer Jugendherberge seien ebenfalls Anliegen gewesen. Zu Philip Königs Zeiten gab es den von Helin Cengiz zitierten Artikel 41a noch nicht. Doch davon ließ sich das Gremium nicht ausbremsen: „Wir sind über die Fraktionen gegangen.“
Der Jugendgemeinderat Esslingen
Die Räte
Gremien gibt es laut Dachverband der Jugendgemeinderäte Baden-Württemberg auch in Leinfelden-Echterdingen, Nürtingen und Filderstadt.
Gremium
Die Mandatsperiode des Esslinger Jugendgemeinderats läuft nach Angaben von Oliver Appelt von der Stadtverwaltung im Normalfall zwei Jahre. Das aktuelle Gremium war drei Jahre im Amt, da die Wahlen coronabedingt um ein Jahr verschoben wurden.
Mitglieder
Wahlberechtigt und wählbar sind alle Esslinger Jugendlichen, die am letzten Wahltag schon 14 Jahre und am letzten Wahltag noch nicht 20 Jahre alt sind. Im anstehenden Wahlgang sind das alle Jugendlichen, die zwischen dem 27. Oktober 2002 und dem 26. Oktober 2008 geboren wurden. Die Nationalität spielt keine Rolle. Die Jugendlichen müssen aber seit mindestens drei Monaten mit Hauptwohnsitz in Esslingen gemeldet sein.
Wahlen
Die nächsten Jugendgemeinderatswahlen finden in Esslingen von Montag, 24., bis Mittwoch, 26. Oktober, an allen weiterführenden Esslinger Schulen und am Mittwoch, 26. Oktober, von 16 bis 20 Uhr im Trausaal im Erdgeschoss des Neuen Rathauses statt. Die letzten Wahlen zu dem Gremium wurden 2019 abgehalten.
Mehr unter https://jugendgemeinderat.de/