Skurril, schrill, musikalisch – das ist Stuttgarts schwuler Chor Rosa Note. Wir begleiteten die homosexuellen Sänger mit der Kamera bei den Proben zum neuen Bühnenprogramm „Kistenflimmern“.

Stuttgart - Nein, die Stücke dieses Chors sind alles andere als verstaubter Kirchengesang oder steifer Gospel. Wenn Stuttgarts schwuler Chor Rosa Note probt, dann mit einer großen Portion Selbstironie. Die 25 Sänger kuscheln bei der Choreografie zum ungedichteten Dirty-Dancing-Klassiker „Time of my life“, auch die Federboa darf nicht fehlen. Was als Wohnzimmergesang began, ist heute fester Bestandteil der Chorszene: Der schwule Chor Rosa Note feiert sein 25-jähriges Jubiläum. Zu diesem Anlass proben sie ein neues Programm namens „Kistenflimmern“ ein.

Mit Karohemd, gestreiften Hosenträgern, Bart und runder Brille sticht Harry Betz aus der Menge der 25 Chorsänger heraus. Seit 2012 ist er ein stolzer Stuttgarter, der 52-Jährige wohnt im Asemwald, „den Ort liebe ich total.“ Jeden Donnerstag fährt er auf seinem Motorrad in die Stuttgarter Innenstadt, zu den Proben der Rosa Note in der Weissenburg. Hier, im schwul-lesbischen Zentrum im Heusteigviertel, musizieren die rund 25 Sänger, begleitet am Klavier oder mit der Gitarre.

Musik, gepaart mit einem Treffpunkt für schwule Stuttgarter

Beim Christopher Street Day traf Harry Betz auf „ein lustiges Völkchen schwuler Sänger“, wie er es beschreibt. Für ihn war klar: Wenn er sich als Schwuler in Stuttgart engagieren möchte, dann als Sänger bei Rosa Note. Seither singt er mit Begeisterung. Die Musik gepaart mit einem Treffpunkt für schwule Stuttgarter ist eine Kombination, die der Hobbysänger bis heute am Chor Rosa Note schätzt.

Zu seinem 25-jährigen Jubiläum entwickelte der Chor ein neues Bühnenprogramm: „In Kistenflimmern entführen wir den Zuschauer in die Film- und Fernsehwelt“, sagt Chorleiter Amadeus Hoffmann. Die Themen des Programms sind breit: Zu Liebesfantasien mit dem Tagesschausprecher Jens Riewa und Zweisamkeit beim abendlichen Fernsehen erklingen selbstgedichtete Texte zu bekannten Melodien, zum Beispiel aus Dirty Dancing und der Rocky Horror Picture Show.

„Wir musizieren nicht nur, wir führen Chorkabarett auf“, erklärt der Chorleiter. Daher lässt der Chor klischeehafte Verhaltensweisen Homosexueller wie abgeknickte Handgelenke oder der Singsang beim Sprechen mit einer Portion Selbstironie in die Choreografien und die Schauspielszenen einfließen. Rosa Note umfasst mehr als nur Musik. Der Chor tritt offen als schwuler Chor auf. „Wie schon beim diesjährigen Christopher Street Day ist unser Motto, als Homosexuelle in Stuttgart sichtbar zu sein“, erklärt Sänger Harry Betz. Die Musiker möchten Vorurteile ansprechen, aber auf eine lustige Weise. So singen sie zum Beispiel: „Es wird diskriminiert auf Basis des Geschlechts. Es wird diskutiert, doch hinterher hat man auch kein klares Bild.“

Die Bewegung schwappte vor 30 Jahren aus den USA über

Die Kombination aus Gemeinschaft, politischer Forderung und Musik hat ihre Ursprünge in den USA. In den Siebzigern begannen die ersten schwul-lesbischen Chöre ihre Proben. Vor rund 30 Jahren schwappte diese Bewegung auf Europa über, Stuttgarts Chor Rosa Note gründete sich im Jahr 1991. Früher boten die Chöre ihren homosexuellen Mitgliedern einen sicheren Ort zum Kennenlernen, zum Austausch untereinander, frei von Vorurteilen und Ressentiments. Ein Werbeflyer der Rosa Note von 1992 titelt: „Wir singen Punk auf Pink, Rock in Rosa, Tango für Tunten“. Mit der zunehmenden gesellschaftlichen Akzeptanz der Homosexualität änderte sich auch der Zweck der Chöre. „Wir sind in den vergangenen 25 Jahren professioneller geworden“, sagt der Chorleiter Amadeus Hoffmann. Die Musik sei in den Vordergrund gerückt. Der Asemwaldler Betz fasst zusammen: „Letzen Endes sind wir einfach Hobbymusiker mit einem besonderen Hang zur Inszenierung“.

Wer den rosafarbenen Touch der Stuttgarter Chorszene erleben möchte, hat dazu am Sonntag, 16. Oktober um 17 Uhr die Möglichkeit. Im Stuttgarter Theaterhaus führt Rosa Note das neue Programm „Kistenflimmern“ auf. Infos und Tickets gibt es über www.rosanote.de oder direkt über das Theaterhaus. Die Aufführung am Samstag, 15. Oktober um 19 Uhr ist bereits ausverkauft.