Beileibe nicht die einzigen Gesichter, auf die man 2020 achten muss: das Team des 50-Jahre-Jubiläums-Tatorts, der im Herbst laufen wird (v. li.: Udo Wachtveitl, Aylin Tezel, Miroslav Nemec, Anna Schudt, Rick Okon, Jörg Hartmann). “ Foto: WDR/X Filme Creative Pool/Frank Dicks

Mehr vom selben, das kann für die etablierten TV-Sender von ARD und ZDF bis RTL und Sat 1 im Jahr 2020 nicht mehr die Devise sein. Die großen Player setzen in Konkurrenz zu den Streamingdiensten auf Vertrautes wie auf Neues.

Stuttgart - Wer sich mal so richtig ärgern will, dem macht es das Fernsehen Tag um Tag leicht. Es hat grässlichen Müll im Angebot, bloßen Stumpfsinn ebenso wie bösartige Werteverzerrungsformate, und wer zur rechten Zeit die richtigen Sender einschaltet, der kann selbstzufrieden höhnen über all die begeisterten Kritiken und klugen Analysen, die das Medium außerdem begleiten.

Trotz Meckerei beliebt

Auch 2019 gab es das „Dschungelcamp“, das eigentlich „Holt mich hier aus – Ich bin ein Star“ heißt, die „Bachelorette“, den „Frauentausch“ und jede Menge sonstiger Scripted-Reality-Formate, in denen unter anderem Sozialschäden zur Begaffung freigegeben werden. Und es wird all diese blökende Hohlheit oder hämische Niedertracht auch 2020 wieder geben, das „Dschungelcamp“ etwa bereits ab 10. Januar bei RTL. Sogar das unangenehme Format „Big Brother“ kehrt im Frühjahr zurück – selbst wenn sich die Kandidaten beim Neustart nicht mehr im Container, sondern in einem richtigen Haus zur Schau stellen werden.

Aber natürlich ist es Quatsch, dieses vielfältige Medium, das sich in einem großen Prozess der Umwälzung befindet, nach seinen Tiefpunkten zu beurteilen – was auch viele von denen wissen, die es nach außen hin gerne tun, aber dennoch viel schauen. Meckern macht eben Spaß und wird dank der sozialen Netzwerke sowieso zur beliebtesten Meinungsäußerungsform. Das Fernsehen insgesamt ist nicht nur besser, sondern immer noch beliebter, als es sein Spiegelbild auf Twitter und Facebook nahelegt.

Programme für Filterblasen

Aber das Fernsehen von morgen wird nicht das Fernsehen von heute sein, auch wenn keiner ganz genau weiß, wo die Reise hingeht. Sicher ist aber: Halbwegs mehrheitsfähige Sendungen, das, was man gerne noch „Lagerfeuer“-Fernsehen nennt, wird es weniger und weniger geben. Der Markt spaltet sich zusehends auf, und das schöne Ergebnis, dass immer kleinere Zielgruppen maßgeschneiderte Angebote bekommen, hat die unschöne Seite, dass man außerhalb der eigenen kleinen Filterblase kaum noch jemanden findet, mit dem man über bestimmte Filme, Shows und Serien reden kann.

Genau darum ist die ARD so glücklich, ihre Gesprächsstoff bietende „Tatort“-Reihe zu haben, die 2019 wieder an Zuschauern zugelegt hat und 2020 ihr 50-jähriges Jubiläum feiert. Das wird im Herbst mit einer Doppelfolge begangen, in der die Kommissare aus München und Dortmund aufeinander treffen: Regie werden Dominik Graf und Pia Strietmann führen. Außerdem wird es im neuen Jahr Personalwechsel bei den Ermittlern in Bremen, Saarbrücken und Zürich geben.

Gottschalk wettet wieder

Krimis bilden auch sonst weiterhin das Rückgrat der Abendunterhaltung. Aber die öffentlich-rechtlichen Sender scheinen schneller und öfter Erfolge der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur aufzugreifen. Dörte Hansens „Altes Land“, Juli Zehs „Unterleuten“ und Peter Pranges „Unsere wunderbaren Jahre“ etwa werden 2020 auf den Bildschirm kommen. Was die Sender natürlich nicht hindert, ihr Glück mit allzu Vertrautem zu versuchen. Das ZDF wird noch mal eine „Wetten, dass . . .“ -Sendung mit Thomas Gottschalk bieten, und in der Ankündigung, das sei ein einmaliges Ereignis, versteckt sich die Hoffnung, die Quote könnte gut genug sein, um die Wettshow doch wieder auferstehen zu lassen.

Dabei weiß man auch auf dem Lerchenberg, dass man kantigere Köpfe für ein jüngeres Publikum braucht und dass man bei den einen am sichersten mit solchen Typen punktet, die andere die Wand hochtreiben. Folglich holen die Mainzer Jan Böhmermann vom Spartensender ZDF Neo ins Hauptprogramm. Wie die Redakteure und Hausjuristen mit dem gnadenlosen Provokateur umgehen werden – und wie er seine neue Rolle definiert – das gehört zu den spannenden Fragen des TV-Jahres.

Der Aufstieg der Streamingdienste

Man kann vielem erwartungsvoll entgegensehen: Wird „Louis van Beethoven“ mit Tobias Moretti mehr als puderiges Kunsthandwerk? Wird das Remake der tschechischen Kinderserie „Pan Tau“ im Ersten mit dem britischen Komiker Matt Edwards in der Hauptrolle so pfiffig und charmant wie das Original? Aber das sind nur Detailfragen. Im Großen und Ganzen geht es um anderes: Noch mehr Streamingdienste mit großen Konzernen im Rücken und gut gefüllten Kriegskassen werden starten, Netflix und Amazon Prime werden gegenhalten, und die privaten wie die öffentlich-rechtlichen Sender müssen Antworten auf diese Herausforderung finden. Ja, das ZDF etwa bietet schon Ende Januar die zweite Staffel der Serie „Bad Banks“, und die ARD wird zusammen mit dem Bezahlkonkurrenten Sky die dritte Staffel von „Babylon Berlin“ stemmen. Aber das wird noch nicht genügen, um serienaffines Publikum zu binden.

Wie überzeugt man in den USA vom Wachwechsel auf dem TV-Markt ist, zeigt am besten die Geschäftspolitik von Disney. Dieser Konzern macht noch immer Milliardenumsätze mit einem breiten Fernsehportfolio von Serien bis Sport. Aber er macht sich nun aggressiv selbst Konkurrenz mit dem Streamingdienst Disney+, hat, um dessen Stoffhunger zu befriedigen, unter anderem ein weiteres traditionsreiches Hollywoodstudio, Fox nämlich, dazugekauft, und will Netflix vom Platz des Branchenführers verdrängen. Am Streaming, sagt Disney-Chef Iger, obwohl sein Haus auch im Kinobereich dank „Star Wars“, dank des Marvel-Superheldenstalls und der Pixar-Trickfilme viel besser dasteht als alle anderen, hänge die Zukunft der Firma. Es wird ein sehr spannendes Fernsehjahr 2020.

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