Markant: Kuppel des Kunstgebäudes in Stuttgart. Foto: dpa

Wiederholt gab es Anläufe, das im Herzen des Kulturquartiers Stuttgart gelegene Kunstgebäude am Schlossplatz als themenübergreifendes Kulturform zu nutzen. Bis 2018 will das Land das Vorhaben realisieren.

Stuttgart - Kulturquartier?

Das 2005 eröffnete Kunstmuseum Stuttgart ist kaum 500 Meter Luftlinie von der Staatsgalerie Stuttgart entfernt. Weiter aber: Das Landesmuseum Württemberg im Alten Schloss, das Institut für Auslandsbeziehungen, die Bolzstraße als Stuttgarts zentrale Kinostraße – Bühne auch mehrerer Film-Festivals –, das Kunstgebäude mit dem Württembergischen Kunstverein Stuttgart: Alles ist nur wenige Gehminuten entfernt. Umgekehrt wird ein Geviert daraus, mit dem Kunstgebäude am Schlossplatz als geografischer und einzufordernder inhaltlicher Mitte – mit den Staatstheaterspielstätten und dem Stirling/Wilford-Ensemble (Staatsgalerie, Musikhochschule, Kammertheater, Haus der Geschichte) sowie Landesbibliothek und Wilhelmspalais (künftiges Stadtmuseum) als bescheiden auftretenden Kraftprotzen im unmittelbaren wie im weiteren Gegenüber.

Kulturquartier!

„Das Kulturquartier“, schrieb unsere ­Zeitung im Juli 2002, „ist Realität, es muss nicht neu erfunden werden. Und doch ist es nur ein Wort und muss belebt und gelebt werden.“ Und weiter: „Der hiermit vorgeschlagene Begriff Kulturquartier weicht keineswegs vor den Problemen entlang der Adenauerstraße aus. Im Gegenteil: Die ­inhaltliche ­Debatte um die Stadtraum­figuration der kulturellen Einrichtungen in Stuttgarts Zentrum geben der Auseinandersetzung um die Stadtautobahn zusätzliches Gewicht. Sie vermeidet aber eine ­Verkürzung auf eine lineare Gestalt, wie sie der Begriff ,Kulturmeile‘ vorgibt und wie sie mit dem Neubau der Städtischen Galerie“ – 2005 als Kunstmuseum Stuttgart eröffnet – „und dem Projekt Kunsthalle Stuttgart (im jetzigen Kunstgebäude) als Motor neuer Diskussionen im Spannungsfeld Kunst und Gesellschaft stadträumlich wie inhaltlich absurd erscheinen muss.“ Im Dezember 2002 kommentierte unsere Zeitung: „Wer das Vorgärtchen Kulturmeile pflegt, begrenzt die Stadt, lässt sie nicht atmen, lässt sie keine Fragen stellen. Eine Linie ist überschaubar, eine Linie, die ausgreift, die sich biegt, die ein Geviert umreißt, eine eigene Figuration entwickelt, wird unüberschaubar, begründet und behauptet damit das Unerwartete. Was aber anderes ist das spannungsvoll Urbane? Mutlos bleiben Stuttgarts Rollenspiele – von der ‚Stadt am Fluss‘ bis eben hin zum Kulturquartier – unbeantwortet. Kulturquartier ist ein Thema, das die Stadt in ihrer jetzigen Struktur in Frage stellt. Dazu gehörte aber auch, dass die Kultureinrichtungen diese Chance, ihre Chance, wahrnehmen, Möglichkeiten formulieren, ihre geografische Nähe als Kraftfeld spürbar, erlebbar zu machen.“

Fünf Jahre dauert es, bis die Diskussion über das Kulturquartier die Politik erreicht. 2007 sagt Stuttgarts damaliger Oberbürgermeister Wolfgang Schuster: „Es reicht nicht, in Baumreihen zu denken. Wir haben es hier mit einem Quartier zu tun, das von der Staatsgalerie bis zum Institut für Auslandsbeziehungen, vom Alten Schloss bis zum Kunstgebäude mit hochrangigen Kultureinrichtungen dicht besetzt ist.“ 2008 ist es Marion Ackermann, die als Direktorin des Kunstmuseums einen neuen Anlauf nimmt. „Ich bin eine Verfechterin des Begriffs Kulturquartier“, sagt sie, „und dieses Thema sollte grundlegend angegangen werden.“ Auch dieser Vorstoß verpufft, vier Monate später wird bekannt, dass Ackermann als Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen nach Düsseldorf wechselt.

Kunstgebäude?

Das Kunstgebäude am Schlossplatz bildet in geografischer Gelenkfunktion das Herz des Kulturquartiers. Werden Vierecksaal und Glastrakt durch den Württembergischen Kunstverein Stuttgart als Bühne internationaler Gegenwartskunst genutzt, dienen der zentrale Kuppelsaal (als Plenarsaal) und die umliegenden Räume (für Büronutzungen und Dienstleistungen) als Ausweichquartier für den Stuttgarter Landtag. 2016 wollen die Parlamentarier wieder das dann sanierte Landtagsgebäude beziehen. Eine Chance, dem Kunstgebäude neues Gewicht zu geben? Wiederholt gab es diese Möglichkeit, zuletzt 2005. „Immer dann“, schrieb unsere Zeitung seinerzeit, „entfaltete der Motor Kunstverein/Kunstgebäude ­besondere Kraft, wenn er projektbezogen gezielt Allianzen einging, immer wieder etwa mit der Akademie Schloss Solitude und der Stadtbibliothek. Und welche Leichtigkeit solche Handlungsfreiheit mit sich bringt, konnten in den vergangenen ‚Theater der Welt‘ -Wochen die Besucher der ­Hafenbar spüren. Offene Türen sucht die Stadt, offene Türen bot der Kunstverein – und markierte so den Anfang eines Weges, an dessen Ende nach dem Modell des Pariser Gegenwartskunstforums Palais de Tokyo eine bis in die späten Abendstunden geöffnete Ausstellungs-, Diskussions- und Filmkunstbühne stehen könnte.“

Kunstgebäude!

Im Juli 2014 skizzierte Jürgen Walter (Grüne), Staatssekretär im baden-württembergischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, unserer Zeitung seine Hoffnungen für das Kunstgebäude nach 2016. „Ich denke an diesem exponierten Ort an eine multifunktionale Nutzung“, sagte Walter, „in der wichtige Kunst- und Kultureinrichtungen netzwerkartig eingebunden sind.“ Und weiter: „Das Kunstgebäude besitzt durch seine exponierte Lage am zentralsten Ort in Stuttgart das momentan ungenutzte Potenzial, ein Haus für spartenübergreifende Gegenwartskunst von bildender Kunst über Tanz, Theater und Film bis hin zur Literatur. zu werden.“

Und nun? Laufen offenbar konkrete Gespräche mit der Kunstakademie Stuttgart, der Akademie Schloss Solitude, dem Institut für Auslandsbeziehungen, dem Schauspiel Stuttgart und dem Württembergischen Kunstverein Stuttgart. Das Ziel: ein multifunktionales Kulturforum. Im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst zeigt man sich zurückhaltend. „Wir sind an dem Thema weiter dran“, bestätigt ein Sprecher. Offenbar ist die Sorge groß, die Pläne könnten scheitern. Als Liegenschaft des Landes ist das Kunstgebäude auch ein Fall für das von Nils Schmid (SPD) geführte Finanz- und Wirtschaftsministerium. Der gilt zwar als kulturnah, zugleich aber als Gegner neuer fester Ausgaben. Auf jährlich bis zu zwei Millionen Euro hatte unsere Zeitung bereits 2005 die möglichen Kosten eines solchen Kulturforums beziffert. Kunststaatssekretär Walter wird starke Mitstreiter brauchen, wenn sein Ideal Realität werden soll.

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