Die Asylbewerberunterkunft in Kirchheim Foto: Max Kovalenko

Die dramatische Geschichte hat vor eineinhalb Jahren für viel Aufsehen gesorgt. Bei bitterkalten Temperaturen ist ein junger Afghane tagelang in einem Lastwagen gesessen, um nach Deutsch- land zu kommen. Unsere Zeitung hat ihn wiedergefunden – im Rollstuhl.

Kirchheim/Teck - An den Februar 2012 denkt so mancher noch zurück. Eiskalt ist es da gewesen. Über Wochen sanken die Temperaturen auf zweistellige Minuswerte. Für viele nur eine interessante kleine Episode – für manche andere hat sich in dieser Zeit das Leben verändert. Vor allem für einen jungen Mann aus Afghanistan und alle, die damals mit ihm in Berührung gekommen sind.

Zurück in die Gegenwart. Es ist ein milder Augusttag in der Flüchtlingsunterkunft in Kirchheim/Teck. 280 Menschen aus aller Herren Länder leben hier, warten auf das Ende ihres Asylverfahrens. Kinder schaukeln oder spielen mit einem selbst gebauten Schläger Cricket in der Sonne. Der bitterkalte Februar 2012 scheint weit weg. Bis ein Rollstuhl um die Ecke biegt. Darin sitzt ein junger Mann mit dunklen Augen und pechschwarzem Haar. Amanullah. Der heute 23-Jährige hat im vergangenen Jahr mit einer der dramatischsten Fluchtgeschichten der vergangenen Zeit großes Aufsehen in der Region ausgelöst. Und für die Reise nach Deutschland einen hohen Preis bezahlt.

Beide Füße fehlen Amanullah. Sie sind ihm wegen schlimmer Erfrierungen, die ihn beinahe das Leben gekostet hätten, im Stuttgarter Katharinenhospital amputiert worden. In der Gemeinschaftsunterkunft bewegt er sich mühsam auf Krücken, außerhalb benutzt er den Rollstuhl. „Es geht mir besser“, sagt er trotzdem leise. Der junge Mann ist kein Freund großer Reden. Zuviel hat er bereits erlebt, das man schwer in Worte fassen kann.

Unbemerkt im Lkw nach Deutschland – bei eisiger Kälte

Die Odyssee beginnt Anfang 2011 in der Nähe von Kabul. In dem kleinen Dorf in der Provinz Lugar, in dem Amanullah mit seiner Mutter und den Geschwistern lebt, wächst der Einfluss der extremistischen Taliban. Dem Druck der selbst ernannten Gotteskrieger hält Amanullah schließlich nicht mehr Stand. Er beschließt zu fliehen – und lernt das kennen, was viele Flüchtlinge auf sich nehmen für ein neues Leben.

7000 Kilometer liegen vor Amanullah. Er schlägt sich in den Iran durch. Dort verdient er sich ein bisschen Geld, das er einem Lkw-Fahrer dafür gibt, dass der ihn in die Berge bringt. An die türkische Grenze. Zu Fuß geht es weiter bis nach Griechenland, mal allein, mal gemeinsam mit anderen Flüchtlingen. Um über die Grenzen zu kommen, kriechen sie nachts durchs Gebüsch. Über Mazedonien erreicht er schließlich Serbien.

Ein Jahr ist Amanullah schon unterwegs, als er dort einen Lastwagen findet, der angeblich nach Deutschland fahren soll. Unbemerkt vom Fahrer schleicht er sich in Kraljevo in den Laderaum, in dem sich Pressenteile stapeln. Der 32-Jährige Kraftfahrer schließt die Türen, der serbische Zoll verplombt die Ladung.

Nach fünf Tagen öffnen sich die Türen in Plochingen wieder. Weil es eisig kalt ist, fährt der Sattelschlepper zum Ausladen in die Halle der Firma, die auf die Teile wartet. Die Mitarbeiter trauen ihren Augen nicht. Da kauert ein zitternder junger Mann mit üppigem Bart und dünner Kleidung im Lkw. Er spricht kein Wort Englisch oder Deutsch. Gehen kann er nicht. Seine Füße sind erfroren. Rettungskräfte bringen ihn ins Esslinger Krankenhaus.

Dort kämpft Amanullah wochenlang gegen die nötige Amputation. Dass sein neues Leben unter solch dunklen Vorzeichen beginnen soll, kann er nicht einsehen. Doch die Ärzte haben keine Wahl. Und so bewegt sich der 23-Jährige jetzt auf Krücken und im Rollstuhl vorwärts. Fotos von sich will er keine machen lassen. Nicht aus Scham, sondern aus Furcht. Seine Familie hat ihm am Telefon die Amputation verboten. Sie weiß trotz regelmäßigen Kontakts bis heute nicht, dass er keine Füße mehr hat. Deshalb keine Bilder. Sie könnten ins Internet gelangen und von da womöglich bis nach Afghanistan. Die Welt ist klein geworden, wenn man sie nicht zu Fuß durchqueren muss.

Asylantrag ist positiv beschieden worden

Inzwischen hat Amanullah eine gewisse Zukunftssicherheit. Sein Asylantrag ist positiv beschieden worden. „Er hat seit Januar eine Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen“, sagt Rosemarie Peltier, die die Kirchheimer Flüchtlingsunterkunft leitet. Damit müsste der 23-Jährige eigentlich aus dem Barackendorf am Rande der Innenstadt ausziehen. Doch das ist gar nicht so einfach. Nach wie vor spricht er kaum Deutsch oder Englisch. Außerdem braucht er eine rollstuhlgerechte Wohnung, hat keine Arbeit. „Es ist sehr schwierig für mich, eine Unterkunft zu finden“, sagt er mithilfe eines Landsmannes, der übersetzt. Dazu kommen die Behandlungen. Die Kosten dafür trägt ebenso der Landkreis Esslingen wie für die Betreuung der Flüchtlinge im Kreis durch die Sozialarbeiter der Arbeiterwohlfahrt. „Die Wohnungssituation ist ein Riesenproblem für uns“, sagt Landkreissprecher Peter Keck. Speziell in einem solch besonderen Fall wie dem des jungen Afghanen.

Aber der Übergang der Flüchtlinge ins normale Leben verläuft generell oft holprig. Asylexperten sehen eine gewisse Lücke in der Betreuung, die zunehmend von Ehrenamtlichen gefüllt werden müsse. Doch auch die stoßen an Grenzen. Wenn es aus den Gemeinschaftsunterkünften hinaus geht ins echte Leben, beginnen die Schwierigkeiten für viele meist erst so richtig.

Amanullah weiß nicht genau, wie es für ihn weiter geht. Zumindest medizinisch gibt es einen Hoffnungsschimmer. Er warte auf orthopädische Schuhe, mit denen er womöglich wieder ohne Rollstuhl das Haus verlassen könnte, sagt er. Wieder auf eigenen Beinen stehen. Und damit vielleicht ein Stück weit seine dramatische Flucht vergessen und die eiskalten Tage im Februar 2012.

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