Konzern eröffnet in Sindelfingen Software Hub, wo 1100 Experten für IT, Erprobung und Produktionsprozesse erstmals unter einem Dach zusammenarbeiten.
Aus der Vogelperspektive erinnert die neue Fabrik am Sindelfinger Standort an vier Module einer Batterie aus dem E-Auto. Dazwischen sind begehbare Innenhöfe untergebracht. Auf acht Stockwerken arbeiten im Electric Software Hub 1100 Mitarbeiter aus 19 Abteilungen nach einem neuen Ansatz unter einem Dach zusammen: Nur ein paar Meter voneinander entfernt sind Büros, Labore und Werkstätten untergebracht. Jeder Mitarbeiter kann seinen Arbeitsplatz frei wählen. Sie sind angeordnet in sieben Zonen, von laut nach leise, unterscheiden sich nur noch durch die Lautstärke, nicht mehr durch die Tätigkeit. Bei schönem Wetter kann man auch draußen den Laptop aufklappen. Am Bau selber fallen die großen Glasflächen auf, der Sichtbeton sowie die loftartige Innenarchitektur mit offenliegenden Lüftungsanlagen und Elektroleitungen.
Neuartiges Konzept
Das Konzept gibt es so noch in keiner Autofabrik: Da programmieren Software-Ingenieure auf der sechsten Etage. Sie „coden“ – sprich erarbeiten – das neue Mercedes-Betriebssystem MB.0S. Zwei Etagen tiefer werden die ersten Konzepte getestet – zunächst am Computer. Auf dem Bildschirm ist etwa zu sehen, wie ein Testauto mit der Fähigkeit zum teilautonomen Fahren auf der A 81 unterwegs ist. Plötzlich betritt ein Fußgänger die Fahrbahn, das System fordert den Fahrer auf, die Kontrolle zu übernehmen. Dann kommt das Fahrzeug sicher zum Stehen. In den Ebenen darunter wird die neue Software in die Hardware integriert: erst in Prototypen, später in Testfahrzeuge. Am Ende des Prozesses steht die Steuerung der Produktion. Von der neuen Fabrik aus, die eine Fläche von 70 000 Quadratmetern und in die der Konzern 200 Millionen Euro investiert hat, ist die Produktion in allen Werken weltweit steuerbar.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: AMG auf neuem Kurs
Markus Schäfer, Vorstand für Entwicklung, sagt bei der Eröffnung: „Hier werden zentrale Aspekte der Zukunft von Mercedes Realität.“ Mit Digitalisierung, Elektrifizierung und autonomem Fahren werden Autos zu den komplexesten Produkten überhaupt. „Hard- und Software müssen perfekt zusammenspielen. Das gewährleisten wir im Electric Software Hub. Er ist unsere Software-Integrationsfabrik.“ Schäfer setzt darauf, dass durch den neuen Ansatz bei Forschung, Erprobung und Produktionssteuerung die Entwicklungszeiten für Zukunftstechnologien verkürzt werden. Mercedes befinde sich in einer besonderen Phase der Transformation. Von 2022 bis 2026 werde der Konzern 60 Milliarden Euro in die Entwicklung von Zukunftstechnologien investieren. Das sei mehr, als das Unternehmen jemals in seiner Geschichte für Innovation ausgegeben habe.
Bonus lockt Fachleute
Weltweit sind an verschiedenen Standorten rund 10 000 Software-Ingenieure und -Entwickler für den Konzern tätig. In der neuen Fabrik wurden 1000 neue Stellen geschaffen. An anderen Standorten werden zusätzlich 3000 Software-Entwickler angeheuert. Wie für viele andere Unternehmen auch besteht eine Herausforderung für Mercedes darin, genügend hochqualifizierte IT-Fachleute zu finden. Sabine Kohleisen, Personal-Vorstand, ist zuversichtlich: „Wir haben im Juli begonnen, Personal zu suchen, und bereits 75 Prozent der offenen Stellen besetzt. Ich rechne damit, dass wir spätestens im September alle Kräfte an Bord haben.“ Ein hoher Bonus soll Fachkräfte anlocken – zusätzlich zur attraktiven Grundvergütung.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Lümali will keine Fremdvergaben mehr
Ergun Lümali, Betriebsratschef im Sindelfinger Werk, sagt, dass die Arbeitnehmervertretung dafür gekämpft habe, die Software-Fabrik nach Sindelfingen zu holen: „Die Investitionen sind nicht nur für die Zukunftsfähigkeit von Sindelfingen von enormer Bedeutung, sondern auch ein klares Bekenntnis zum Standort Deutschland.“
Zur Eröffnung ist Thomas Strobl (CDU) gekommen. Der Vize-Regierungschef erinnert daran, dass die Gründungsväter des Konzerns, die vor 130 Jahren das Automobil erfunden haben, das Motto „Das Beste oder gar nichts“ verfolgt haben. Er gehe davon aus, dass Mercedes mit dem Hub einen Schritt „der disruptiven Innovation“ mache. Dabei sei die Elektrifizierung des Antriebsstranges nicht die größte Herausforderung. „Wenn Autos demnächst selbst fahren, bedeutet dies eine große gesellschaftliche Transformation.“ In Sindelfingen, wo die S-Klasse gefertigt wird, werde seit Jahrzehnten das beste Auto der Welt gebaut. „Der Konzern legt mit dem Hub in Sindelfingen die Grundlagen dafür, dass hier auch das beste selbst fahrende Auto der Welt gebaut wird“, ist sich Strobl sicher.