200 Jahre Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg Das Wohl der Ärmsten im Blick

Von Christine Keck 

Vor 200 Jahren hat Königin Katharina von Württemberg das Wohlfahrtswerk gegründet: eine Erfolgsgeschichte. Der Altenhilfeträger mit 1400 Mitarbeitern ist einer der größten in Baden-Württemberg.

Stuttgart - Einer der großen Altenhilfeträger im Land, das Wohlfahrtswerk für Baden Württemberg, darf seinen 200 Geburtstag feiern. Es war Königin Katharina von Württemberg höchstpersönlich, die im Januar des Jahres 1817 den Vorsitz der „Zentralleitung des Wohltätigkeitsvereins“ übernahm. Ihr großes Anliegen war es, in Zeiten der Hungersnot und einer Wirtschaftskrise die Armenhilfe unter einer Leitung zu bündeln. Durch ihre Initiative wurde eine Sozialpolitik angestoßen, die für viele segensreich war.

Ein goldgerahmtes Gemälde der zu­packenden Monarchin und Zarentochter hängt im Hauptsitz des Wohlfahrtswerks im Stuttgarter Westen. „Sie hat das Spendenwesen in Württemberg professionalisiert und das bürgerliche Engagement angekurbelt“, sagt Ingrid Hastedt, die Vorstandsvorsitzende des Wohlfahrtswerks, und erinnert an die Strukturen, die die Enkelin von Katharina der Großen in Württemberg aufgebaut hat. Oberamtsleute und Bürgermeister wurden verpflichtet, vor Ort eigene Vereine zu gründen. Mit der Unterstützung amtlicher Stellen und Kirchen entstand ein breites Netzwerk, um die Hungernden mit Nahrungsmitteln und Kleidern zu versorgen. Die Kinder aus den zehn ärmsten Orten kamen auf Kosten der Zentralleitung in sogenannten Rettungshäusern unter, und vor allem der Kampf gegen die todbringenden Seuchen und Epidemien wurde vorangetrieben.

Die Geschichte des Wohlfahrtswerks ist eine des steten Wachstums und der Erfolge. 1972 wurde das Stiftungsmodell eingeführt, eine Rechtsform, die die Unabhängigkeit von öffentlichen Rahmenbedingungen sichern soll. Die Landeseinrichtung wurde folglich privatisiert. Wenige Jahre später begannen die ersten 15 jungen Frauen und Männer ihr Freiwilliges Soziales Jahr in den Altenpflegeeinrichtungen des Wohlfahrtswerks. Gemäß dem Stiftungsauftrag, Innovationen zu fördern, wurden immer wieder Pionierprojekte angestoßen – trotz aller bürokratischen Hürden. Neuland war die Tagespflege für Ältere, die 1981 im Ludwigstift etabliert wird. Beispielhaft und deutschlandweit herausragend war auch die Eröffnung eines ganzen Appartementblocks im Stuttgarter Westen mit Angeboten für Betreutes Wohnen.

Insgesamt 1110 Senioren versorgt das Wohlfahrtswerk in ihren eigenen vier Wänden

Die Hilfe zur Selbsthilfe hatte der Gründerin des Wohlfahrtswerks immer am Herzen gelegen. „Ein Motto, wie es aktueller kaum sein könnte“, sagt Ingrid Hastedt und beschreibt, wie die ambulanten Dienste in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter ausgebaut wurden. „Solange wie möglich sollen die älteren Menschen zuhause wohnen bleiben.“ Insgesamt 1110 Senioren versorgt das Wohlfahrtswerk in ihren eigenen vier Wänden. So maßgeschneidert wie möglich soll die Unterstützung erfolgen.

Das fängt beim mobilen Mahlzeitendienst an und hört bei der häuslichen Pflege noch lange nicht auf. Begeistert ist Ingrid Hastedt von dem Projekt „Wir schenken Zeit“, bei dem Alltagsbegleiterinnen stundenweise gebucht werden können – wenn es sein muss, auch rund um die Uhr. „Die polnische Haushaltshilfe gibt es nicht in Teilzeit“, sagt Hastedt über dieses Angebot des Wohlfahrtswerks. Sie sieht das Projekt als eines, das eine Versorgungslücke schließt. Da könne etwa die demente Seniorin passgenau in den Arbeitszeiten der sie pflegenden Tochter betreut werden.

Über das ganze Land sind die Einrichtungen des Wohlfahrtswerks verteilt. Es gibt Alten- und Pflegeheime, ein Generationenhaus, ambulante Wohngemeinschaften und betreute Seniorenwohnungen. An 19 Standorten arbeiten inzwischen 1400 Beschäftigte, auch mehrere Tochtergesellschaften wie die Silberburg Hausdienste oder ein eigenes Bau- und Immobilienmanagement wurden gegründet.

„Wir sind so breit aufgestellt wie nur wenige Träger der Altenhilfe“, betont die Vorstandsvorsitzende. Stolz ist sie auf den umfassenden Bereich der Fort- und Weiterbildungen, der rege nachgefragt werde. Aus einem Modellprojekt, das die Robert-Bosch-Stiftung finanzierte, entwickelte sich ein neuer Beruf: Hauptschulabsolventen wurden Servicehelfer im Sozial- und Gesundheitswesen. Die 2013 gegründete Altenpflegeschule bilde hauptsächlich für den eigenen Personalbedarf aus, sagt Hastedt. „Nach wie vor sind Pflegekräfte knapp, wir sind immer im Wettbewerb um gute Mitarbeiter.“ Hastedt sieht bei den Sozialberufen vor allem ein gesellschaftliches Akzeptanzproblem. „Die Wertigkeit der Arbeit wird einfach nicht genügend geschätzt“, bemängelt sie, „ein Altenpfleger müsste eigentlich so viel verdienen wie ein Daimler-Mitarbeiter.“

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