Landtagspräsidentin Muhterem Aras erinnert auf einem Zeitungsjubiläum an die Bedeutung der freien Presse. Das kommt zur rechten Zeit, meint unser Redakteur Jan-Philipp Schlecht.
So alt eine Zeitung auch sein mag, der ihr innewohnende Gedanke ist aktueller denn je. Während unser Medienhaus den 200. Geburtstag der Kreiszeitung Böblinger Bote – dieses große, runde und seltene Jubiläum – im Rahmen einer angemessenen Feier würdigte, schlägt der freien Presse in anderen Teilen der Welt der Wind scharf ins Gesicht. In den Vereinigten Staaten zeigt ein irrlichternder Donald Trump klar autokratische Züge. Seine neueste Erfindung: ein öffentlicher Pranger für Journalisten. Wer nicht gefügig hofberichterstattet, muss mit Diffamierung aus dem Weißen Haus rechnen.
Es ist die nächste Eskalationsstufe im Kampf des US-Präsidenten gegen die liberalen Medien. Oder zumindest gegen die, die ihm kritisch und neutral gegenüberstehen und nicht nur brav seine oft krude und von unzähligen Lügen durchsetzte Weltsicht verbreiten. Schon zuvor schreckte er nicht davor zurück, auch große und traditionsreiche Medienhäuser mit irrwitzigen Klagen zu überziehen oder missliebige Journalisten öffentlich zu beleidigen. Ein weiterer Tiefpunkt seiner Präsidentschaft, der nichts Gutes für die kommenden Jahre verheißt.
Älteste Demokratie driftet in gruselige Richtung
Im Umgang mit der Presse, die eine kritische Distanz wahrt, nachhakt, lästig ist, den Finger in die Wunde legt, zeigt sich die wahre Größe der Politik. Kann sie berechtigte Kritik aushalten? Kann sie sie mit Gegenargumenten parieren? Kann sie ihre Entscheidungen erklären? Oder versucht sie, sich die unangenehmen Fragen lieber mit anderen Mitteln vom Hals zu halten? Wer diese Größe nicht hat, versucht es wahlweise mit Schmähung, Ausgrenzung, Einschüchterung oder eben juristischen Mitteln.
Dass die USA als älteste Demokratie der Welt in diese gruselige Richtung abdriften, es muss maximal alarmieren. So oft zeichnete Amerika Entwicklungen vor, die später auch in Europa ankamen – im Guten wie im Schlechten. Um diese weltpolitische Großwetterlage wissend, legte die baden-württembergische Landtagspräsidentin Muhterem Aras am Donnerstag beim 200-Jahr-Jubiläum der Kreiszeitung Böblinger Bote ausdrücklich den Finger in diese Wunde. Gut so.
Auch wenn man im Kreis Böblingen von amerikanischen Zuständen Gott sei dank weit weg ist. In kaum einem Landkreis Deutschlands herrscht so eine Vielfalt an lokalen und regionalen Medien. Vier Zeitungsredaktionen – Böblingen, Sindelfingen, Herrenberg und Leonberg – agieren frei und unabhängig. Die Öffentlich-Rechtlichen funken auch noch dazu, so entsteht täglich ein breites Angebot an fundierter Information. Wir Journalisten erhalten weitgehend ungehindert Zugang zu allen für die Öffentlichkeit wichtigen Belangen.
Soziale Medien als Katalysator der Meinungskultur
Doch im Umgang der Politik mit der freien Presse bestehen durchaus Unterschiede. Die sozialen Medien als Katalysator der Meinungskultur bieten eine verlockende Alternative zur Selbstinszenierung. Und manch ein Amts- oder Mandatsträger entwickelt ein ausgeprägtes Talent darin, sich mittels weichgezeichneter Fotos und geschmeidiger Botschaften ins perfekte Licht zu rücken. Warum sich mit kritischen Journalisten abgeben, wenn man ihnen bequem ausweichen kann? Eine Konjunktur der Eitelkeiten, die auch vor dem Kreis Böblingen nicht halt macht. Schade.
Wer andere kritisiert, muss auch selbst kritikfähig sein. Es bleibt eine Herausforderung für die Zeitungen, ihren Prinzipien im digitalen Zeitalter treu zu bleiben und neue Leser zu erreichen – auf einer wirtschaftlich stabilen Basis. Neue Themen und Formate sind gefragt sowie die Bereitschaft, Veränderung zu gestalten. Nur so kann es gelingen, möglichst viele mit journalistischen Inhalten zu erreichen: ob jung, ob alt, im Digitalen oder Gedruckten.