Angeblich hinkt die deutsche Forschung der weltweiten Konkurrenz schon lange hinterher. In Karlsruhe beweist eine Ausstellung zum Institut für Technologie (KIT) das Gegenteil.
Zahnräder, das weiß jedes Kind, sind rund. Aber muss das so sein? Was passiert, wenn mehrere ovale Zahnräder verschiedener Größen ineinander greifen? Man würde gern selbst Hand anlegen bei diesem altmodischen Studienobjekt, das fast 200 Jahre auf dem Buckel hat. Was passiert, wenn man an der Kurbel dreht? Diese Frage sollten sich einst Maschinenbau-Studenten stellen. Thema: ungleichförmige periodische Bewegungsübertragung.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, seien es Ingenieure oder Physiker, Chemiker oder Mediziner, sind Experten ihres Faches. Aber sie sind auch sprachlich ausgebufft. Wer würde sich schon schließlich so köstliche Formulierungen einfallen lassen wie „Rektifikationskolonne“, „Universalgeleucht“, „Nuklidkarte“ oder „Normstein“? Im ZKM in Karlsruhe kann man derzeit allerhand merkwürdige Objekte bestaunen. Eigentlich ist es ein Ausstellungshaus für Kunst und neue Medien, betreibt derzeit aber ein wenig Lokalpatriotismus mit einer besonderen Ausstellung: „200 Jahre – 100 Objekt. Teile des Ganzen“.
Das Karlsruher Klimaprojekt
Denn von 200 Jahren wurde in Karlsruhe die Polytechnische Schule gegründet. Damit ist das heutige Karlsruher Institut für Technologie (KIT) eine der ältesten Technischen Universitäten Deutschlands – und dabei durchaus erfolgreich. Die breite Öffentlichkeit bekommt in der Regel nicht mit, was man in den Laboren und den Rechenzentren so erforscht. Die Ergebnisse aber könnten für uns alle wichtig werden.
So läuft an dem Institut für Technologie derzeit ein grandioses Projekt, auf das die Bundesregierung große Hoffnungen setzt. Dabei wird das klimaschädliche Kohlendioxid aus der Luft genommen und unschädlich gemacht. Besser noch: durch ein chemisches Verfahren gewinnen die Wissenschaftler daraus wieder Kohlenstoff gewonnen, den die Industrie so dringend braucht. Ließe sich die Methode im großen Stil einsetzen, wäre das ein Durchbruch.
Am Periodensystem der Elemente kommt heute kein Schüler im Chemieunterricht vorbei. 1860 fand in Karlsruhe der erste internationale Chemikerkongress überhaupt statt. 127 Chemiker reisten an und versuchten sich in lebhaften Debatten auf einen gemeinsamen Atombegriff zu finden. So richtig einig wurden man sich nicht, sodass es noch ein paar Jahre dauerte, bis Lothar Meyer, Professor für Chemie, in einem Lehrbuch eine Tabelle der Elemente skizzierte – wie allerdings auch parallel der russische Chemiker Dmitrij Mendeleev.
Der Blick in die Geschichte des KIT zeigt, wie viele Pionierleistungen hier in der Geschichte wie auch der jüngeren Vergangenheit erbracht wurden. ARMAR-IIIb ist zum Beispiel in tüchtiger Kerl. Der Roboter aus der Karlsruher Versuchsküche kann ganz hervorragend die Spülmaschine einräumen oder Getränke aus dem Kühlschrank holen und servieren. Mit seinen 43 Gelenken und 50 Sensoren, seinen Kameras, Laser-Scannern und Rechnern setzte der 2006 vorgestellte Helfer international Maßstäbe für die Haushaltsrobotik. Und wäre er nicht so groß, würde man ihn allzu gern in der heimischen Küche zum Kartoffelschälen anstellen.
In öffentlichen Debatten wird gern der Eindruck erweckt, dass der Standort Deutschland das Rennen gegen die ausländische Konkurrenz längst verloren hat und technische Zukunftskonzepte immer nur im Ausland entwickelt werden. Fortschritt macht sich aber auch im Detail bemerkbar – zum Beispiel beim Umweltschutz. So wollte das KIT darauf reagieren, dass das Baugewerbe einen verheerenden ökologischen Fußabdruck hinterlässt. Die Antwort ist ein klimaschonender Zement, der bei der Herstellung ein Viertel der CO2-Emissionen einspart. Derzeit ist man dabei, den Zement zur Marktreife weiterzuentwickeln.
Beton klingt spröde, die kleine Ausstellung im ZKM ist aber nicht nur informativ und lehrreich, sondern durchaus kurzweilig. Denn neben Forschungsobjekten werden auch allerhand Gegenstände aus dem Hochschulalltag präsentiert – hier ein KIT-Rucksack, dort ein Sammelsurium der Gastgeschenke, die eine Hochschule im Lauf der Jahr erhält. Es ist auch eine altmodische „Umlauftasche“ aus Leder zu sehen, in der vertrauliche Dokumente weitergereicht wurden, sodass man das Schloss erst verriegeln musste, bevor die Mappe weiter ging. „Zurück an Prof. Schlotzer“ steht noch auf dem Schild. 40 Jahre, bis 1949, war das gute Stück in Gebrauch.
Die Krise im Jahr 2009
Der Nationalsozialismus hat auch an der Karlsruher Universität Spuren hinterlassen. Eine immerhin nicht: Der Architekturprofessor Hermann Alker wurde mit dem Bau einer Thingstätte beauftragt. Er sollte ein Areal im ganz großen Stil planen mit Hochschulstadion, Aufmarschplatz und Volksfestplatz. In dem Amphitheater wollte man 10 000 Personen Platz bieten. Die Nazis träumten von Großveranstaltungen und „Massenchören“ aus der „festlichen Menge“ heraus. Gebaut wurde die Thingstätte letztlich doch nicht, weil es an Unterstützung fehlte.
Später gab es auch in Karlsruhe Studentenunruhen, die größere Krise hatte die Universität aber 2009, als sie mit dem Forschungszentrum Karlsruhe zusammengeschlossen wurde zum neuen KIT. Während Politik und Wissenschaft das Bündnis feierten, stellten Studierende auf dem Karlsruher Campus Kreuze auf, die an die „† 01.10.2009“ verstorbene Uni erinnern sollten. Aber auch am Forschungszentrum war manchem bang, dass man vom neuen Partner Hochschule erdrückt werden könnte.
Letztlich lag es auch am Protest der Studierenden, dass Karlsruhe 2003 von einem Wirtschaftsmagazin zur „Internet-Hauptstadt“ gekürt wurde. Denn 1970 besetzten sie das Universitätsrechenzentrum und demonstrierten auf der Straße gegen die „vorsintflutlichen Maschinen“, mit denen sie rechnen müssten. Ihre Forderung nach mehr Kapazitäten und Rechenzeit war ganz im Sinne der Lehrkörper. Und tatsächlich erhielt die Uni schon bald einen UNIVAC-1108-Rechner zum stolzen Preis von 21 Millionen D-Mark.
So viele regionale Interessen bei Forschung eine Rolle spielen, letztlich zeigen viele Beispiele in der Ausstellung, dass der Fortschritt heute eher auf internationaler Ebene stattfindet. Immerhin – die erste E-Mail, die in Deutschland am 3. August 1984 ankam, trudelte in Karlsruhe ein. Eine Wissenschaftlerin aus Boston schickte darin einen freundlichen Willkommensgruß an den Karlsruher Professor Werner Zorn und seinen Mitarbeiter Michael Rotert, denn mit dieser ersten E-Mail wurde man Teil des CSNET, einem Vorläufer des heutigen Internets. Damit war Deutschland das zweite Land außerhalb der USA, das mit dem Netz verbunden wurde.
Letztlich ist es den Pionieren und dem Know-how an der Informatik-Rechner-Abteilung in Karlsruhe zu verdanken, dass sich in der Stadt viele Internetfirmen und Netzdienste ansiedelten. Auch der erste deutsche Internetprovider ging aus einem Forschungsprojekt an der Universität hervorging. Inzwischen ist Karlsruhe auch eine der wichtigsten Adressen in Europa, wenn es um Supercomputing geht. HoreKa, der aktuelle Supercomputer des KIT bringt es auf 17 Billiarden Rechenoperationen pro Sekunde.
Der Fortschritt hat auch Schattenseiten. Dass man die Geister, die man ruft, mitunter nicht loswird, lässt die Ausstellung en passant ahnen. Etwa beim Strahlenschutz-Rechenschieber aus dem Jahr 1958, einem altmodisch wirkenden Lineal, das doch lebenswichtig sein kann. Denn mit diesem schlichten Hilfsmittel konnte man die Dosis einer Substanz zu Abstand und Zeit in Relation setzen und die jeweilige Strahlendosis ermitteln.
Die Kehrseite des Fortschritts
Damit es erst gar nicht mehr zu solchen Katastrophen kommt, versucht man heute am KIT die Konsequenzen der Innovationen schon im Vorfeld abzuschätzen. Das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse, das am KIT angesiedelt ist, hat sich auf die Kehrseite des Fortschritts spezialisiert und versucht dabei, möglichst viele Perspektiven mit einzubeziehen – ob es um Energie geht, Klimawandel oder digitale Transformation. Auch hier bleibt Forschung nicht hinter verschlossenen Türen. Seit vielen Jahren beraten die Karlsruher den Bundestag in Fragen des wissenschaftlich-technischen Wandels. Und nicht selten fließen ihre Analysen direkt in politische Entscheidungen ein.
Die Ausstellung „200 Jahre KIT | 100 Objekte. Teile des Ganzen“ ist bis zum 19. Oktober im ZKM Karlsruhe zu sehen. Die Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag von 10 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Sämtliche Objekte unter www.100objekte.kit.edu