Ein Bild, das im Gedächtnis bleibt. Foto: imago images/Levine-Roberts

Vor 20 Jahren hat al Kaida mit einer noch nie dagewesenen terroristische Attacke in New York und Washington die Welt in einen Schockzustand versetzt. In der Folge sind Kriege geführt und noch mehr Menschen getötet worden.

Stuttgart - Claus Kleber gehört zu den Ersten, die die Nachricht in die deutschen Wohnzimmer tragen. Am 11. September 2001 um 15 Uhr schaltet die „Tagesschau um drei“ zum damaligen Studioleiter der ARD in Washington. Noch ohne Bild, zugeschaltet lediglich per Telefon, erklärt der Mann, der heute seit 18 Jahren das „heute-journal“ moderiert, was die zu diesem Zeitpunkt noch spärliche Nachrichtenlage hergibt.

 

Was genau passiert sei? „Das wissen wir nicht“, sagt Kleber. „Die Meldungen aus New York sagen, dass mindestens ein, möglicherweise zwei kleinere Flugzeuge in diesen Turm hereingeflogen seien.“ Ob „Unglück oder Anschlag“ stehe noch nicht fest, lediglich, dass es sich um eine „Riesenkatastrophe“ handle, das ist zu diesem Zeitpunkt schon klar.

Spekulationen und Wirklichkeit

Wahrscheinlich gab es bis zum Auftreten des Coronavirus kein Ereignis, zu dem so viele Verschwörungsmythen kursieren wie zu den Anschlägen vom 11. September. Die einen behaupten, der israelische Geheimdienst Mossad stecke dahinter, andere sagen, der Immobilienmagnat Larry Silverstein habe sie initiiert, um mit der Versicherung Kasse zu machen. Trotz zahlreicher Bilder und Videos kursieren Geschichten darüber, dass es gar keine Flugzeuge gewesen seien, die da in die Türme gekracht seien, sondern ferngelenkte Flugkörper, andere vermuten eine kontrollierte Sprengung. Die wohl populärste Verschwörungstheorie besagt, dass die US-Regierung selbst hinter den Anschlägen steckt, um die Zustimmung zum Krieg gegen den Terror zu bekommen.

Nichts davon ist wahr. Insgesamt 19 Al-Kaida-Terroristen hatten in den USA nahezu zeitgleich vier Passagierflugzeuge entführt und steuerten diese auf verschiedene Ziele zu. Zwei in die Türme des World Trade Center, eines in das Pentagon in Washington. Die vierte Maschine stürzt auf ein Feld in der Nähe von Pittsburgh. Die Passagiere haben dort wahrscheinlich eine Attacke auf das Weiße Haus unterbunden.

Die schnelle Solidarität

Am 12. September 2001 verurteilt der UN-Sicherheitsrat mit der Resolution 1368 die Anschläge. Einstimmig gibt das Gremium den USA das Recht zur Selbstverteidigung. Erstmals seit ihrem Bestehen ruft die Nato den Bündnisfall aus. Einmütig wie selten sprechen die Staatenlenker von einer „Kriegserklärung an die zivilisierte Welt“. US-Präsident George W. Bush, Bundeskanzler Gerhard Schröder, Russlands Präsident Wladimir Putin, Jacques Chirac in Frankreich, Tony Blair in London. Wer für die Anschläge verantwortlich ist, steht zu diesem Zeitpunkt nicht fest. „Es verdichten sich die Anzeichen, die auf den saudischen Moslem-Extremisten Osama bin Laden hinweisen. Er hält sich in Afghanistan versteckt“, schreibt die Stuttgarter Zeitung in ihrer Ausgabe vom 13. September 2001. Aus diesem Verdacht wird schon bald Gewissheit.

Der deutsche Beitrag

Der 11. September 2001 ist ein Dienstag. Einen Tag danach erfährt die Welt, dass ein Teil der Attentäter an der Technischen Universität Hamburg-Harburg eingeschrieben war. Allen voran Mohammed Atta, der im Süden von Hamburg gelebt hatte, dort seine Diplomarbeit schrieb, sich mit Gleichgesinnten zur Islam-AG traf und die Anschläge vorbereitet hatte. Der Ägypter gilt als Anführer der Attentäter. Er steuert das erste Flugzeug in den Nordturm des World Trade Center. Von den acht Männern, die die Fahnder zur „Hamburger Terrorzelle“ zählen, sind am heutigen Tag noch fünf am Leben. Neben Atta sterben zwei weitere als Todespiloten. Zwei mutmaßliche Helfer der Terroristen stehen dann in Hamburg vor Gericht: Mounir al-Motassadeq wird nach einer jahrelangen Verhandlung zu 15 Jahren Haft verurteilt. Abdelghani Mzoudi hingegen wird 2004 freigesprochen. All das weiß Bundeskanzler Schröder natürlich noch nicht, als er, am 12. September kurz nach 9 Uhr früh, im Deutschen Bundestag erklärt, er habe dem amerikanischen Präsidenten „die uneingeschränkte Solidarität Deutschlands zugesichert“.

Der Kampf gegen den Terror

Der Kampf gegen den Terror wird dann zur zentralen Aufgabe der amerikanischen Außenpolitik. Die erste militärische Maßnahme war die Operation „Enduring Freedom“. Nato-Truppen marschieren am 7. Oktober 2001 in Afghanistan ein, um Osama bin Laden zu fassen und die Taliban-Herrschaft zu beenden, da die Taliban der Al-Kaida Unterschlupf gewährten. Fast zehn Jahre später, am 2. Mai 2011, erschießt ein Sonderkommando der US Navy Seals den meistgesuchten Terroristen der Welt in seinem Versteck im pakistanischen Abbottabad. Knapp zwei Jahre nach Beginn des Afghanistan-Einsatzes marschieren US-Streitkräfte und deren Verbündete im März 2003 ohne UN-Mandat in den Irak ein. Deutschland beteiligt sich an diesem Einsatz nicht. Allerdings ist der Bundesnachrichtendienst mit an die USA geleiteten Fehlinformationen mit dafür verantwortlich, dass Saddam Hussein unterstellt wird, an biologischen und chemischen Waffen zu arbeiten. Das erweist sich als falsch. Ob der Einmarsch mit dem Krieg gegen den Terror gerechtfertigt werden kann, wird bis heute hitzig diskutiert.

Der Terror bleibt

Der islamistische Terror kann auch durch die zwischenzeitlichen militärischen Erfolge der USA in Afghanistan nicht gestoppt werden. Viele Anschläge fordern zahlreiche Tote – in Afrika, in Afghanistan, im Irak und auch in Europa. Ob in Madrid, wo bei Bombenangriffen auf Personenzüge mehr als 190 Menschen sterben (2004) oder in London, wo ein Jahr später mehr als 50 Menschen bei Selbstmordanschlägen auf die U-Bahn ums Leben kommen. Das Massaker in der Pariser Konzerthalle Bataclan im Jahr 2015, Selbstmordanschläge in Brüssel und Nizza (2016) oder der Angriff auf den Weihnachtsmarkt in Berlin (2016) werden Sympathisanten des so genannten Islamischen Staates (IS) zugeschrieben.

Ganz dunkle Momente

Der Krieg gegen den Terror ist ein hehres Ziel, die Mittel, die dabei eingesetzt werden, sind nicht makellos. Fünf mutmaßliche Hintermänner der Anschläge werden schon 2002 und 2003 in Pakistan gefasst. Khalid Scheich Mohammed, Walid bin Attash, Ramzi bin al-Shibh, Ammar al-Baluchi und Mustafa al-Hawsawi befinden sich seit 2006 im US-Lager Guantanamo auf Kuba – und warten dort bis heute auf einen Prozess. Zuvor sind sie vom US-Geheimdienst CIA verhört und, das ist inzwischen bekannt, auch gefoltert worden. Unter anderem mit Waterboarding, dem scheinbaren Ertränken eines Gefangenen.

Grundlegend rechtliche Fragen behindern das Verfahren ebenso wie der Streit darüber, wo es verhandelt werden soll. Beständige Richterwechsel und politische Ränkeschmiede kommen noch hinzu. Als es dann im Januar 2021 endlich losgehen soll, kommt Corona. Auch zum 20. Jahrestag der Anschläge wird das Urteil gegen die noch lebenden, mutmaßlichen Drahtzieher nicht gesprochen sein.

Die Welt dreht sich

Der 11. September 2001 rückt den arabischen Raum und die dort herrschenden Konflikte mit einem Schlag in das Zentrum der Weltpolitik. Zuvor lag der Fokus auf der zerfallenden Großmacht Sowjetunion und deren Nachfolgestaaten. Jetzt, 20 Jahre nach den Terroranschlägen, ist die Welt multipolar. Während die westliche Welt gebannt auf den arabischen Raum geblickt hat, sind China und Russland zu großen Akteuren neben den USA aufgestiegen. Der arabische Raum hat in dieser Zeit den Arabischen Frühling gesehen und ist wieder im Spätherbst gelandet. Ansätze einer Demokratisierung hatten überwiegend keinen Bestand, so wie der Krieg der USA in Afghanistan rückblickend wenig Erfolg hatte. Wie 2001 sind dort die Taliban wieder an der Macht.