Der Göppinger Software-Riese Teamviewer ist im Dezember20 Jahre alt geworden. Sara-Julia Biebl aus Bad Überkingen hat die Anfänge miterlebt – und sie ist geblieben.
Sara-Julia Biebl ist nahezu eine Mitarbeiterin der ersten Stunde bei Teamviewer. Als sie anfing, arbeiteten gerade einmal zwölf Beschäftigte im Vertrieb, rund 50 waren es bei ihrem Start insgesamt. „Ich bin über eine Zeitungsannonce auf das Unternehmen aufmerksam geworden“, erinnert sich die 38-Jährige, die das Projektmanagement leitet. Gesucht wurde jemand mit Portugiesisch-Kenntnissen, ein perfekter Job für die Halbportugiesin, die zudem Spanisch, Englisch und ein bisschen Französisch spricht. „Die Zusage kam am nächsten Tag“, erzählt Biebl.
Das war vor knapp 16 Jahren, die Firma war zu diesem Zeitpunkt schon in die Kuhnbergstraße 16 nach Eschenbach gezogen. An ihrem ersten Arbeitstag habe die Teamviewer-App fürs Smartphone ihren Siegeszug angetreten, blickt Biebl zurück. Fortan beantwortete sie Mails in vielen Sprachen, die Bestellungen seien seinerzeit aber noch per Fax gekommen. „Anfangs gab es nur Anrufe mit Göppinger Nummern“, erinnert sie sich. Doch das änderte sich schnell: „Jeden Monat gab es Neueinstellungen im zweistelligen Bereich, das war ein extremes Wachstum und eine unglaubliche Dynamik“, erzählt die Bad Überkingerin. „Die Leute rissen uns die Fernzugriffssoftware aus der Hand“, die große Nachfrage bestimmte das Tempo des Wachstums. Es war eine Zeit, als der Begriff Start-up noch nicht geläufig war, doch genau diese Mentalität bestimmte den Aufstieg des Unternehmens, sagt Kai Werner, Leiter Personal und Recht bei Teamviewer.
Bei Teamviewer arbeiten Menschen aus 70 Ländern
Spät- und Nachtschichten waren damals an der Tagesordnung, um die Zeitverschiebung abzudecken und die Märkte in den USA oder Japan zu bedienen. Dependancen gab es damals weder in Amerika noch in Asien, die erste Niederlassung in Florida wurde erst 2011 gegründet, Adelaide in Australien ein Jahr später, Singapur und Japan folgten. „Es ist faszinierend, dass man von Göppingen aus so international agieren kann“, meint Werner. Die Internationalität, das Länder und Kulturen übergreifende Arbeiten, zeichne Teamviewer auch intern aus. „Hier arbeiten 70 Nationalitäten“, verdeutlicht Werner. „Wir sind wie eine internationale Familie.“ Darauf hätten sich auch die umliegenden Gastronomen eingestellt: „Es gibt jetzt überall eine englischsprachige Speisekarte.“
Diesen Erfolg hatte sich Thilo Rossmanith vermutlich nicht im Traum vorgestellt, als er die Firma Teamviewer 2005 in einem Keller in Uhingen gegründet hat. Zwar entwickelte er die Software nicht in einer Garage, aber mit den Tech-Gründern im Silicon Valley hatte der schwäbische Tüftler trotzdem einiges gemein. Der damals 35-Jährige war von seiner Idee überzeugt. „Wir wollen wachsen und werden das auch tun“, kündigte er 2009 selbstbewusst an. Da war er mit seiner kleinen Firma gerade von Uhingen in das Gewerbegebiet Göppingen-Voralb gezogen. Dort beschäftigte er zunächst 25 Mitarbeiter, die sich in den Pausen mit einem Tischkicker die Zeit vertrieben.
Göppingen ist der Stammsitz von Teamviewer
Die selbst entwickelte Software erwies sich als Bestseller. Nur wenige Jahre später hatte sich die Belegschaft verdreifacht. Heute ist Teamviewer ein weltweit führender Anbieter von digitalen Arbeitsplatz-Lösungen und beschäftigt am Stammsitz in Göppingen 570 Mitarbeitende. An allen deutschen Standorten zusammen sind es insgesamt rund 1000 Mitarbeitende.
Sara-Julia Biebl, die als Projektmanagerin beispielsweise Integrationsprozesse von Zukäufen vorantreibt oder sich um neue Entwicklungsstandorte kümmert, hat diese Entwicklungen miterlebt. Und nie den Drang verspürt, etwas Anderes zu machen: „Ich komme aus Bad Überkingen und habe mit der ganzen Welt zu tun. Das ist das, was Teamviewer ausmacht“, sagt sie. „Mein Job ist sehr spannend, ich habe mit vielen Abteilungen zu tun und kann mich stetig weiterentwickeln“, fügt sie hinzu. Sie schätze den „extrem offenen und respektvollen Umgang“ in der Belegschaft, das „Geben und Nehmen“ und trotz hoher Schlagzahl die notwendige Flexibilität, die sie als Mutter eines sechsjährigen Sohnes brauche. Ist denn die schwäbische Provinz kein Hemmschuh, um neue Mitarbeiter zu finden? Der Personalchef schüttelt den Kopf: „Die Kollegen aus anderen Ländern fühlen sich hier wohl.“ Manche pendeln dauerhaft von München oder Frankfurt hierher, andere lassen sich in Göppingen nieder. Der Börsengang vor sechs Jahren habe nach viel Hemdsärmeligkeit etwas mehr Struktur ins Unternehmen gebracht, erklärt Kai Werner, doch die Mentalität habe darunter nicht gelitten.
Corona hat dem Konzern aus Göppingen Schub gegeben
Die Corona-Pandemie hat dem Geschäft der Göppinger einen enormen Schub verliehen, der Börsengang hat den Umbau auf das Großkunden-Geschäft forciert, blickt Kai Werner zurück. „Die Kundengespräche sind komplexer geworden“, verdeutlicht er. Die Fernzugriffssoftware sei immer noch das Kernprodukt und für Privatkunden kostenlos. Doch zähle das Unternehmen jährlich 645 000 zahlende Kunden. Die Zukunft sei klar: Die IT-Prozesse werden sich mehr auf automatisierte und auf Künstliche Intelligenz gestützte Endgeräte ausrichten, meint der Personalchef – mit dem Anspruch, für Datenautonomie und Sicherheit zu sorgen.
Sara-Julia Biebl wird diese Entwicklung weiter begleiten. Mit langjährigen Kollegen an ihrer Seite, die die Brücke von der alten zur neuen Zeit schlagen. Und schönen Erinnerungen: „Anfangs gab es bei jedem Meilenstein, also als 100 oder 200 Millionen Menschen Teamviewer auf dem Rechner hatten, eine Sachertorte von der Konditorei Berner.“