Vor 20 Jahren: Drinnen wird die Inbetriebnahme der Anlage gefeiert, draußen demonstrieren die Gegner. Foto:  

Wie zur Eröffnung im Mai 1999: Der Landrat feiert, und die Bürgerinitiative kritisiert das Müllheizkraftwerk. Als „eine technische und interkommunale Erfolgsgeschichte“ lobt Roland Bernhard die Anlage, die Gegner finden sie „alles andere als ökologisch“.

Böblingen - Zum 20. Geburtstag gab es einen Festakt: Im Mai 1999 ist das Restmüllheizkraftwerk Böblingen eröffnet worden. Als „eine technische und interkommunale Erfolgsgeschichte“ lobte Roland Bernhard bei der Feier das Projekt. Die Anlage stehe für kostengünstige Müllentsorgung, langfristige Entsorgungssicherheit und umweltfreundliche Energienutzung, erklärte der Landrat in seiner Ansprache. Die Bürgerinitiative „Das bessere Müllkonzept“ reagierte prompt und bezeichnete die Müllverbrennung nach wie vor als „alles andere als ökologisch“.

Die größte Demonstration der Böblinger Geschichte

Dass es viel Protest gegen den Bau der Anlage im Böblinger Wald gegeben hat, verschwieg Roland Bernhard nicht. „Vier Jahre wurde heftig diskutiert“, erinnerte er an die Zeit. Der Widerstand habe 1992 in der größten Demonstration der Böblinger Geschichte mit rund 30 000 Teilnehmern gegipfelt. Dennoch seien Stadt und Landkreis bei allen inhaltlichen Differenzen immer im Gespräch geblieben. In diesen langwierigen Diskussionen sei auch die Verbrennungskapazität auf 140 000 Tonnen im Jahr zusammengeschmolzen worden. Im Juli 1995 fasste der Kreistag den Beschluss zum Bau der Anlage auf der ehemaligen Panzerfahrschulstrecke. Müll aus Stuttgart sowie den Kreisen Böblingen, Calw, Freudenstadt und seit neuestem Rottweil werden dort verbrannt.

Roland Bernhard lobte seine Vorgänger Rainer Heeb und Bernhard Maier sowie den früheren Geschäftsführer Wolf Eisenmann, weil sie sich „weder bei der Standortfrage noch bei der späteren Fernwärmeauskopplung beirren“ ließen. Für ihn ist das Restmüllheizkraftwerk „eine sinnvolle und ökologisch wertvolle Stütze der Energieversorgung im Ballungsraum“ – auch weil die Immissionsgrenzwerte um das Zehnfache unterschritten würden. Über die Müllverbrennung würden rund 35 000 Personen mit Fernwärme versorgt und 23 000 Haushalte mit Strom. Vor zehn Jahren wurde auf dem Gelände noch ein Biomasseheizkraftwerk in Betrieb genommen, das Holz von den Häckselplätzen des Kreises verwertet. Die Speicherung bisher nicht genutzter Energie stehe nun auf der Agenda des Zweckverbands für die Anlage, und es werde über den Bau einer Klärschlammverbrennungsanlage nachgedacht, kündigte der Landrat an.

Thermische Verwertung ist reine Energieverschwendung

Andreas Ruoff hält die im Müllofen erzeugte Fernwärme dagegen gar nicht für ökologisch, weil „durch eine Verbrennung des Mülls die zur Herstellung der verbrannten Reststoffe aufgewendete Primärenergie vernichtet“ werde. Diese thermische Verwertung bezeichnet der Vorsitzende der Bürgerinitiative als Downcycling. Darüber hinaus beansprucht er für seine Mitstreiter das Lob dafür, dass durch ihre Aktivitäten die Verbrennungskapazitäten um die Hälfte reduziert worden seien. Außerdem erinnert er zur Feier des Jubiläums an die Bestechungsaffäre im Jahr 2004: Damals hatte sich der Geschäftsführer des Müllofens von zwei Firmen für erteilte Bauaufträge illegale „Provisionen“ bezahlen lasen.

Andreas Ruoff sieht nach wie vor viel Grund für Kritik. Zum Beispiel daran, dass die Zusage des damaligen Landrats, in der Anlage werde nur Müll aus Böblingen verbrannt, schnell einkassiert wurde. „Bedauerlicherweise wurde auch das extrem wichtige Thema Müllvermeidung nach Inbetriebnahme des Verbrennungsmeilers immer mehr in den Hintergrund gedrängt“, findet er. Die vergangenen 20 Jahre seien ungenutzt vertan worden. Seiner Ansicht nach ignoriere der Kreis den Vermeidungsgedanke – obwohl der Landrat Roland Bernhard die Müllvermeidung als Zukunftsthema bezeichnet habe.

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