Die Dauerausstellung in Málaga zeigt 120 Werke, die einen Überblick über fast alle Schaffensperioden und -formen Picassos bieten. Foto: dpa/Museo Picasso Málaga

Einst kehrte der Künstler seiner andalusischen Geburtsstadt den Rücken. Vor 20 Jahren hat sie ihm ein Museum gewidmet – seitdem geht es in Málaga aufwärts.

Maricarmen Ramírez erinnert sich: „Als sie die Fassade restaurierten, war die Straße so von Staub vernebelt, dass man nichts mehr sehen konnte. Dann kamen die Archäologen und haben im Hof phönizische Reste gefunden und allen Schutt vor meiner Tür abgeladen. Laster ohne Ende. Alles war fürchterlich. Aber mit der Zeit kam die Belohnung.“

 

In der Calle San Agustín Nummer 13, in der Altstadt von Málaga, nur ein paar Schritte von der Kathedrale entfernt, betreibt Maricarmen Ramírez das Restaurant Tormes. Ihr Vater hat es vor 60 Jahren eröffnet, es gab und gibt andalusische Küche, „das werden wir nicht ändern, natürlich nicht“. Ansonsten hat sich fast alles geändert. „Wir waren das einzige Geschäft in der Straße“, sagt Ramírez, die nahezu ihr ganzes, bisher 62-jähriges Leben hier verbracht hat. „Hier war niemand. Jetzt gibt es Souvenirläden, die Teestube, das Restaurant nebenan, dann die Taberna del Gallo und weiter oben noch eine Cafeteria, und noch eine Cafeteria.“ Sie schüttelt den Kopf, als könnte sie den Erfolg ihrer Straße nicht glauben.

„Die Stadt hat sich verändert“

Gegenüber vom Tormes, auf der anderen Straßenseite, liegt der Palacio de Buenavista, einer der wenigen Renaissance-Paläste der Stadt, der die Jahrhunderte überlebt hat. Dort zog vor 20 Jahren Málagas Picasso-Museum ein. Vorher wurde der Palast renoviert, um- und ausgebaut, was den Nachbarn jahrelang den Nerv raubte. Aber jetzt sind sie glücklich. Das Museum ist eine Perle. Málaga selbst ist eine Perle. Das hätte, sagen wir: vor 30 Jahren, niemand vorhergesagt. „Die Stadt hat sich verändert“, sagt Lourdes Navarro, die seit mehr als drei Jahrzehnten Führungen durch Málaga anbietet. „Zum Besseren.“

Picasso kennt jeder. „Er ist eine Popikone“, sagt José Lebrero, seit 14 Jahren künstlerischer Leiter des Picasso-Museums von Málaga. Ihn zu kennen heißt noch nicht, viel über Picasso zu wissen. Zum Beispiel: dass er in Málaga geboren wurde, am späten Abend des 25. Oktober 1881, in der Elternwohnung an der Plaza de la Merced am Rand der Altstadt, keine 300 Meter vom heutigen Picasso-Museum entfernt. Er war ein tot geborenes Kind, so geht die Legende, erst der Rauch der Zigarre seines Onkels habe den kleinen Pablo zum Leben erweckt. Der erwachsene Picasso rauchte Zigaretten bis an sein Lebensende, und das kam spät, mit 91 Jahren, im französischen Mougins nahe der Côte d’Azur. Er war ans Mittelmeer zurückgekehrt. Aber nicht nach Málaga. Das sah er zum letzten Mal während eines längeren Besuchs mit 19 Jahren.

Den Tod Francos im November 1975 erlebte der Maler nicht mehr

Dass Málaga heute mit Picasso werben kann und dass Picasso aus Málaga eine bessere Stadt gemacht hat, ist ein kleines Wunder. Eine „wirtschaftlich demoralisierte“ und „kulturell zurückgebliebene“ Stadt sei Málaga während Picassos Kinderjahren gewesen, schreibt Rafael Inglada, einer seiner Biografen. „Der Einfluss, den die europäische Kunst hätte ausüben können, kam in der Stadt nicht an.“ Als Pablo noch keine zehn Jahre alt war, beschloss Picassos Vater, José Ruiz, ein Zeichenlehrer, in den Norden Spaniens zu ziehen, ins galicische La Coruña, und vier Jahre später nach Barcelona. Nach einer kurzen Lehrzeit in Madrid, die der künstlerisch hochbegabte Pablo vor allem dazu nutzte, im Prado die Werke El Grecos, Velázquez’ und Goyas zu studieren und zu kopieren, ließ sich der Maler schließlich in Paris nieder. Seine Werke signierte er nun mit dem mütterlichen Nachnamen Picasso, den ein italienischer Urgroßvater Pablos aus Genua nach Málaga mitgebracht hatte.

Die folgende lebenslange Untreue gegen seine Geburtsstadt nimmt die Tormes-Wirtin Ramírez ihrem berühmten Landsmann nicht übel. „Paris, das war damals die Hauptstadt der Welt“, sagt sie. „Alle Genies waren dort, und er musste auch dort sein.“ Als später, nach dem Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939), der Diktator Francisco Franco die Macht in Spanien übernahm, wollte Picasso erst recht nicht in seine Heimat zurückkehren, selbst zu Besuch nicht. Dabei blieb es. Den Tod Francos im November 1975 erlebte der Maler nicht mehr.

Málaga machte sich schön für Picasso

Es waren schließlich seine Schwiegertochter Christine Ruiz-Picasso und deren Sohn Bernard, die Málaga in den 1990er Jahren wieder mit Picassos Werk zusammenbrachten. Sie versprachen, einen Teil ihrer ererbten Sammlungen dem neu zu schaffenden Museo Picasso Málaga zu überlassen. Der Umbau des Palacio Buenavista begann. Und der Umbau der Stadt.

Málaga machte sich schön für Picasso. Die andalusische Hafenstadt hatte sich gehenlassen, sie konnte nicht mit der Magie Sevillas, Córdobas oder Granadas mithalten, nicht mal mit Cádiz oder Jerez, also schien alles egal zu sein. Man verbaute die Stadt mit gesichtslosen Wohnblöcken, vor die Kathedrale setzte man ein 15-stöckiges Hotel, und die Gebäude der Altstadt ließ man zerbröckeln. Das war vor 30 Jahren. Die Wohnblöcke und das Hotel stehen noch, aber die Altstadtgassen sind saniert; wo man Schönheit früher nur ahnen konnte, sieht man sie heute. Jetzt kommen Touristen aus den umliegenden Feriensiedlungen an der Costa del Sol, andere machen einen Ausflug von Granada hierher, andere kommen mit Kreuzfahrtschiffen. Viele wollen Picasso sehen, alle die wiederauferstandene Altstadt und die arabische Alcazaba und vielleicht noch den Hafen mit Restaurants und Läden wie in Marbella oder Saint-Tropez. Tagsüber ist die Stadt voll mit touristischem Leben, abends etwas ruhiger.

2022 kamen 640 000 Besucher

Málaga erlebte seinen Picasso-Effekt so wie ein paar Jahre zuvor Bilbao seinen Guggenheim-Effekt: ein Museum als Leuchtturm, als Reklame für eine Stadt, die ihre Liebe zu sich selbst wiedergefunden hat. Dass Besucher kommen, ist den Einheimischen vor allem ein Kompliment, denn wer hätte gedacht, dass ihre Stadt eine besuchenswerte ist. Tourismus kann bekanntermaßen auch zur Last werden wie in Barcelona, aber so weit ist es in Málaga noch nicht. Was das Picasso-Museum angeht, macht sich deren künstlerischer Leiter José Lebrero allerdings schon Gedanken. Im vergangenen Jahr kamen 640 000 Besucher, doppelt so viele wie 2009, als Lebrero seinen Posten antrat. „Unser Ziel ist, dass Leute kommen“, sagt er. „Und sie kommen. Manchmal zu viele.“

Picasso für Einsteiger

Es gibt zwei andere, größere Picasso-Museen, in Paris und in Barcelona. Zum Reiz des Museums in Málaga gehört seine Überschaubarkeit: Die Dauerausstellung zeigt 120 Werke, die einen wunderbaren Überblick über fast alle Schaffensperioden und -formen Picassos bieten. Picasso für Einsteiger. Die meisten Besucher, sagt José Lebrero, sind keine Kenner: Sie haben von Picasso gehört und wollen ihn hier kennenlernen. Wer schon mehr von Picasso weiß, sieht Werke, die er nirgendwo sonst zu sehen bekommt, Werke, die Picasso für sich behielt, die nie auf den Markt kamen, vielleicht, weil sie für Picasso einen besonderen sentimentalen Wert hatten: weil er sich mit dem, was er behielt, sein eigenes künstlerisches Tagebuch zulegte. In dem dürfen nun alle blättern, die Touristen und die Menschen aus Málaga.

So wie Maricarmen Ramírez, die das Museum als eine der Ersten besuchen durfte – als kleine Entschädigung für jahrelangen Lärm und Schmutz. „Das Museum“, sagt sie, „ist ein Kunstwerk, eine Kostbarkeit.“ Eine Belohnung eben.