Der Wirt Jannis Tsiakmakis beweist, dass Wodka-Doppelherz jung hält. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Eine der letzten Bastionen der Hingabe zum alkoholischen Ausgehvergnügen ohne Chichi ist das Oblomow in Stuttgart-Mitte. Dort feiern die Wirte Jannis Tsiakmakis und Uwe Wagner am Samstag das 20-jährige Bestehen der Kneipe, in der die Oblomowerei Programm ist.

Stuttgart - Mit der Kneipe Oblomow verhält es sich wie mit den 80er Jahren. Wer sich an sie erinnert, hat sie nicht erlebt, heißt es. Die Kneipe Oblomow besucht man am besten an einem Sonntagmorgen zwischen 5 und 6 Uhr. Wenn all die anderen Anlaufstellen der Nacht schließen, stolpern die Streuner, die nicht nach Hause wollen, an der Torstraße über die Schwelle. Versammelt in einem hochprozentigen Raum-Zeit-Kontinuum, gefangen in einem Zwischenstadium zwischen Rausch und Kater, erlebt man im Oblomow zu früher – oder je nach Perspektive später – Stunde die tollsten Dinge, an die man sich am nächsten Tag nur leider nicht mehr erinnern kann.

Die Bewohner der Insel Oblomow zele­brieren in den Stunden zwischen Nacht und Tag das Nichtstun und gehen dabei so konsequent vor, wie der namensgebende tragische Held Ilja Iljitsch Oblomow aus dem 1859 erschienenen Roman von Iwan Gontscharow. Dessen Protagonist zeichnet sich durch grenzenlose Faulheit, Passivität und Apathie aus. Er lässt das Leben an sich vorbeiziehen, als gehöre er nicht dazu.

Das Stuttgarter Oblomow funktioniert wie die namensgebende Romanfigur als Solitär, als eine Kneipe, die zum Rest von Stuttgart nicht so recht dazugehören mag. Die Geschichte der Lokalität beginnt vor 20 Jahren, als Jannis Tsiakmakis und Uwe Wagner den Laden aus der Taufe heben – eine neue Kneipe, der man sich mit der richtigen Haltung nähern muss, einer Haltung, die sich um kurz vor 7 Uhr an einem Sonntagmorgen auch in Richtung Horizontale verändern kann.

Das Liegen war bei Ilja Iljitsch weder etwas Notwendiges wie bei einem Kranken oder bei jemand, der schlafen will, noch auch etwas Zufälliges wie bei jemand, der müde geworden ist, noch auch etwas Genussreiches wie bei einem Faulpelz; sondern es war dies sein normaler Zustand.

Mitte des Jahres 1996 eröffnen Wagner und Tsiakmakis ihr Oblomow. Am 17. September 2016 wird der 20. Geburtstag mit Live-Musik, DJs und mehr gefeiert. Eine Kneipe mit Tischkicker und ausgedehnten Öffnungszeiten kommt im Stuttgart der 90er Jahre einer Sensation gleich. Zuvor hat Wagner im Leonhardsviertel die Szenekneipe Weißer Rabe betrieben, an der Stelle, wo sich heute der vegane Imbiss Xond befindet. „Damals durfte ich keine Möbel vor die Türe stellen. Es hieß, ich würde sonst die Prostitution fördern“, erinnert sich Wagner an längst vergangene Zeiten. Einen Tag nachdem der Weiße Rabe seine Pforten schließt, starten Wagner und Tsiakmakis das Oblomow: „Ich las zu der Zeit Gontscharows Werk und fand, dass der Name des Helden ganz gut zu unserem Konzept passen würde“, erzählt Wagner. Das Konzept kommt an, zum Beispiel bei Lemmy Kilmister, dem Ende vergangenen Jahres gestorbenen Sänger von Motörhead, der nach Konzerten seiner Band in Stuttgart gern mal hier vorbeischaute.

Tote Hose im Stuttgart der 90er-Jahre

Aber auch viele junge Ensemblemitglieder des Stuttgarter Balletts schalten in der Oblomow-Welt ab. Sie alle eint die Suche nach einer unprätentiösen Kneipe, in der man einer Idee huldigt, die so herrlich wenig in unsere durchgetaktete Zeit der Selbstoptimierung passen will und vielleicht gerade deshalb so viele Menschen anspricht: Oblomowerei als Lebensideal.

„Was ist denn deiner Ansicht nach das Lebensideal? Nicht Oblomowerei?“, fragte er ohne Erregung, vielmehr schüchtern. „Erstreben nicht alle dasselbe, was ich mir in meinen Träumereien ausmale? Das Ziel all eures Hastens,eurer Leidenschaften, eurer Kriege, eures Handelns und eurer Politik, ist dieses Ziel etwa nicht die Erreichung der Ruhe? Strebt ihr nicht alle nach diesem Ideale des verlorenen Paradieses?“

Uwe Wagner blickt noch einmal zurück in die 90er Jahre: „Vor 20 Jahren war tote Hose in der Innenstadt. Außer uns gab es noch das Unbekannte Tier, die Radio-Bar und das Schlesinger, die haben ein halbes Jahr vor uns aufgemacht. Neun Monate nach uns kam dann das Dilayla.

Stuttgart ist damals ausgehpolitisches Notstandsgebiet, es gibt kaum Alternativen, Wagner und Tsiakmakis eröffnen einen zweiten Laden, das Le Fonque am Wilhelmsplatz, heute Heimat des Mono. Der Club wird schnell zur angesagten Adresse für Nächte mit besonderen DJs. Im Keller unter dem Wilhelmsplatz kann man ähnlich wie im Oblomow abtauchen in eine andere Welt mit anderen Menschen, die es zu beobachten lohnt.

Er blickte sie tatsächlich sozusagen nicht mit den Augen, sondern mit seinen Gedanken, mit seinem ganzen Willen an, wie ein Magnetiseur; aber er tat es unwillkürlich und hatte nicht die Kraft, es zu unterlassen.

Wagner und Tsiakmakis kennen sich vom Wirtschaftsgymnasium. Heute sind die beiden 51 und 52 Jahre alt. Seit ihrem Schulabschluss haben sie die Stuttgarter Ausgehlandschaft mitgeprägt. Vor allem Wagner ist dabei nicht nur Entrepreneur, sondern auch eine Art Geheimagent der Nacht: Über seine Beteiligungen an diversen Clubs und Bars spricht er nicht so gerne, aufs Foto will er schon gar nicht. Für ihn scheint die Wendung „im Hintergrund bleiben“ erfunden worden sein.

Für die Gründung des Mata Hari am Hans-im-Glück-Brunnen, des Kap Tormentoso an der Hirschstraße, der inzwischen verblichenen Clubs Super Popular Sanchez beim Planetarium und des Wurst und Fleisch am Rotebühlplatz war Wagner mitverantwortlich. Der neueste Laden, den er mitverantwortet, ist das Flora und Fauna im Unteren Schlossgarten. Auch in dem demnächst umgestalteten Mos Eisley am Rotebühlplatz wird er mitmischen. Wagner mit seiner Geschäftstüchtigkeit ist geradezu der Gegenentwurf zum Oblomow.

Was sollte er jetzt tun? Vorwärts gehen oder stehen bleiben? Diese Oblomowsche Frage war für ihn tiefsinniger als die Hamletsche. Vorwärts gehen, das bedeutete, auf einmal den bequemen Schlafrock nicht nur von den Schultern, sondern auch von der Seele, vom Verstande abwerfen; wie den Staub und die Spinnweben von den Wänden.

Mit Wodka-Doppelherz auf Skiern bis in den Morgen

Die Absackerkneipe Oblomow trotzt jedem Wandel. Sind es die Leckereien in kurzen Schnapsgläsern wie Wodka-Doppelherz, die den Laden 20 Jahre lang jung gehalten haben? „Nein, wir sind und waren aber immer für solche Absurditäten aufgeschlossen. Das Übelste war Baileys-Apfelkorn“, erinnert sich Wagner. „Da kam noch ein Schuss Johannisbeersaft obendrauf und dann sah das Ganze geronnen aus – wir nannten es Gehirn.“ Tsiakmakis versucht zu erklären: „Das Oblomow ist so erfolgreich, weil wir niemanden ausschließen.“ Ins Oblomow kommt man auch auf Langlaufskiern rein. Das haben zwei Gäste mal gebracht, als ein halber Meter Neuschnee gefallen war. „Ich dachte, ich bin in Finnland“, sagt Wagner.

Heute stehen Wagner und Tsiakmakis nicht mehr so häufig selbst hinter der Bar wie früher. Das Nachtleben ganz missen möchten sie aber nicht. „Wenn ich die vergangenen 20 Jahre im Büro gesessen wäre, würde ich heute älter aussehen“, sagt Wagner, der bei all seinen Projekten eine fast schon Oblomow’sche Ruhe ausstrahlt.

„Gleich morgen!“ rief Oblomow erschrocken. „Was diese Menschen für Eile haben, als ob jemand mit der Hetzpeitsche hinter ihnen her wäre! Wir wollen es uns überlegen und miteinander besprechen, und dann, wenn Gott will!“

Das Lokal Oblomow wurde schon einige Male saniert, renoviert und oder umgebaut. Von der Decke des Oblomow hing bereits so ziemlich alles herunter, was man irgendwie dort befestigen kann – vom Flokati über ein deckenfüllendes Plastikbecher-Mobile bis zu weltraumhaften Halbkugel-Formationen. Eine der größten Veränderungen mache sich in der Karte bemerkbar: „Absturz ist unser Schwerpunkt, dass wir aber ab 15 Uhr geöffnet haben und warmes Essen anbieten, wissen nicht so viele Leute“, sagt Tsiakmakis.

Und wie haben sich die Gäste seit 1996 verändert? „Das ganze Ausgehverhalten hat sich geändert“, sagt Wagner und erzählt wieder von den 90er Jahren. „Damals hatten Unternehmen in Stuttgart große Pro­bleme, Mitarbeiter zu finden, weil man den Leuten das Nachtleben hier nicht zumuten wollte.“ Heute aber, vor allem seitdem die Theodor-Heuss-Straße zur Ausgehmeile der Leute aus dem Umland wurde, drängen alle nach Stuttgart rein.

Ob auf Skiern oder zu Fuß: In das Oblomow pilgern die meisten Gäste ab 3 oder 4 Uhr morgens. Am Wochenende kann man bis 8, unter der Woche bis 5 Uhr sitzen. Oder liegen. Oder einen dieser gewissen Zwischenzustände auskosten. Entscheidend dabei ist das Tempo, die richtige Bewegung. Auch hier liefert die Romanfigur die perfekte Handlungsanweisung für geschmeidige Oblomowerei.

Seine Bewegungen wurden, selbst wenn er erregt war, durch eine gewisse Weichheit und durch eine einer eigenartigen Anmut nicht entbehrende Lässigkeit gemäßigt.

Oblomow, Torstraße 20, S-Mitte, Party ab 20 Uhr.

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