Die Netflix-Serie „Unbreakable Kimmy Schmidt unterhält die Fans mit schrägem Humor. Foto: Netflix/Eric Liebowitz

In 20 Jahren hat Netflix die TV-Branche umgekrempelt. Nun bläst der Streaming-Dienst zum Angriff auf Hollywood.

Stuttgart - Google verwaltet das Wissen der Welt. Der Logistikdienstleister Uber ist dabei, die Personenbeförderung rund um den Globus zu revolutionieren. Die Mission von Netflix ist ähnlich einschneidend. Das im kalifornischen 30 000-Seelen-Nest Los Gatos ansässige Medienunternehmen ist angetreten, das Ende des klassischen Fernsehens einzuleiten und das der Traumfabrik Hollywood gleich mit dazu. 98,75 Millionen Nutzer zählt Netflix weltweit. Bis 2020 soll jeder dritte Deutsche Abonnent des Streamingdienstes sein.

„Streaming“, das bedeutet, dass Spielfilme, Serien und Dokumentationen nicht mehr zu festen Sendezeiten ausgestrahlt werden. Der Zuschauer schaut sie sich an, wenn er Zeit und Lust dazu hat, gerne auch mal eine ganze Serienstaffel auf einen Rutsch. Für rund zehn Euro monatlich ist man dabei, wenn Kevin Spacey als Politfiesling Francis Underwood in „House Of Cards“ Washington aufmischt oder in „Orange Is The New Black“ der Alltag in einem US-Frauenknast aufs Korn genommen wird. Vor allem mit seinen Serien ist es dem vor 20 Jahren gegründeten einstigen DVD-Versand gelungen, ein globaler Konzern zu werden, der pro Quartal mehr als zweieinhalb Milliarden Dollar einspielt.

Einen immer größeren Anteil seines Programms produziert Netflix selbst. Rund sechs Milliarden Euro wurden allein im vergangenen Jahr für die „Netflix Originals“ ausgegeben. Hinzu kommen zugekaufte Inhalte aus fremder Produktion. Um sinnentleerte TV-Shows macht das Unternehmen dagegen ebenso konsequent einen Bogen, wie es sich aus dem Milliardenpoker um Sportrechte heraushält.

Netflix weiß, was Zuschauer wünschen

Nirgendwo sonst weiß man so genau, was die Zuschauer wünschen. Das Programm hängt laut Programmchef Ted Sarandos zu 70 Prozent von den erhobenen Kundendaten ab. Das Fernsehverhalten wird genauestens analysiert, die Zusammenstellung von Programmvorschlägen anhand der bisher geschauten Sendungen erstellt.

Laut dem Film- und Medienexperten Christopher Büchele liegt darin eines der Hauptprobleme für den Nutzer: „Es wird ihm irrsinnig schwergemacht, Neues zu entdecken, weil ihm nur das gezeigt wird, was er ohnehin kennt.“ Und weil immer mehr andere Anbieter nachziehen, beispielsweise Amazon mit seinem ­„Prime Video“, wird das Angebot immer größer und unüberschaubarer.

Auch deshalb treffen sich jedes Jahr Experten, Wissenschaftler und Fans zum „Seriencamp“ in München, um sich über Neuheiten und die Entwicklung der Branche auszutauschen. Büchele, der die Mischung aus Branchentreffen und Festival mitveranstaltet, sieht durchaus Chancen, die Dominanz von Netflix zu brechen. „Amazon zum Beispiel macht bei seiner Programmgestaltung derzeit wenig falsch. Auch Sky hat die Zeichen des Serienzeitalters offenbar erkannt und mit ‚Sky Ticket‘ ein Modell mit hochwertigen und exklusiven Inhalten gestartet, das wie die Angebote der Konkurrenz monatsweise abonniert werden kann und jederzeit kündbar ist.“

Auch wenn es schwer ist, mit den internationalen Eigenproduktionen von Netflix mitzuhalten, bietet das neue Qualitätsfernsehen auch deutschen Serienmachern eine Chance, mit ihren Stoffen ein breites Publikum zu erreichen. So brachte man beim Bayerischen Rundfunk den Mut auf, mit „Hindafing“ eine Kreuzung aus dem Drogenthriller „Breaking Bad“ und Helmut Dietls „Kir Royal“ zu produzieren, laut Büchele „eine der besten deutschsprachigen Serien der letzten Zeit“.

Auch ZDF Neo punktet mit ausgefallenen Eigenproduktionen wie „Tempel“ und stellt sie in seiner Mediathek fürs „Binge-Watching“, was übersetzt etwa „exzessives Schauen“ bedeutet, bereit. „Wir stehen in direktem Wettbewerb mit Sendern wie ZDF, RTL und Pro Sieben“, sagt Netflix-Gründer Reed Hastings. Doch längst schielt Netflix auf das obere Ende der Verwertungskette: Hollywood. Über Anleihen soll dafür jetzt eine Milliarde Euro eingesammelt werden. Die Vision: Von Netflix produzierte Kinofilme werden nicht mehr nur in den Filmtheatern, sondern gleichzeitig auch auf den Smartphones, Tablets und Smart-TVs der Abonnenten zu sehen sein. Die Verwertungskette, wie man sie bisher kannte, wäre damit mausetot.

Neue Chancen für Serienmacher

Doch mit seinen hochfliegenden Plänen läuft Netflix Gefahr, genau das zu verlieren, was den Erfolg erst begründete: den Mut, sich ohne Rücksicht auf Einschaltquoten auch an außergewöhnliche Stoffe zu wagen. So wurde „Sense 8“, das neueste Werk der Macher der „Matrix“-Trilogie, bereits nach der zweiten Staffel gestoppt. Wie die von Kritikern hochgelobte Geschichte zu Ende geht, werden die Fans wohl nie erfahren.


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