Cornelia Bayer begleitet Familien in Leonberg seit 20 Jahren. Sie stand unter anderem einem Jungen elf Jahre bei – eine Zeit, die sein Leben und auch ihre Sicht prägte.
Ein Klischee der Schwere oder unendlicher Trauer, das oft mit einem Hospiz in Verbindung gebracht wird und vielleicht Barrieren schafft, das Haus zu betreten, ist beim Besuch in der Leonberger Seestraße 84 rasch vom Tisch. Beim Gespräch mit den Verantwortlichen des Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes wird viel und herzlich gelacht. Die Räume sind hell, bunt und mit Leben gefüllt. Hier ist Cornelia Bayer eine Ehrenamtliche der ersten Stunde.
Seit 20 Jahren begleiten sie und mittlerweile mehr als 30 Kolleginnen und Kollegen Familien in einer der schwersten Zeiten ihres Lebens. Wenn ein Kind oder Jugendlicher lebensverkürzend erkrankt ist. Oder wenn Kinder und Jugendliche um einen nahe stehenden Menschen trauern. Auf Wunsch werden nicht nur die erkrankten jungen Menschen individuell unterstützt, sondern auch Eltern, Geschwister oder weitere Angehörige. Cornelia Bayer, gelernte Krankenschwester, war von Berufs wegen immer wieder mit dem Tod konfrontiert. „Das Thema hat mich gefesselt, und ich hatte das Gefühl, es ist so wichtig zu wissen, wie man damit umgeht.“
Der ausschlaggebende Punkt, sich ehrenamtlich zu engagieren, war für sie vor vielen Jahren ein trauriges Ereignis an der Schule ihrer Tochter – als das Kind der Klassenlehrerin verstarb. „Wir mussten es damals den Kindern in der Klasse beibringen, und ich habe gemerkt, dass die Zweitklässler emotional sehr bewegt waren“, sagt die jetzt 62-Jährige.
Der Hospizdienst profitiert von seinem Netzwerk
Schon bei der Gründung des früheren Vereins Care for Kids, der sich um Kinder in Trauersituationen kümmerte, war Cornelia Bayer mit dabei. Die Wurzeln des Ambulanten Kinder- und Jugendhospizes, in das Care for Kids im Jahr 2008 überging, reichen bis 2005 zurück. Damals bekam der Ambulante Hospizdienst für Erwachsene die Anfrage einer Familie, ob es nicht möglich sei, ihre achtjährige Tochter zu begleiten. Das Mädchen litt unter einem aggressiven Hirntumor. „Damals gab es noch keine Module für einen ambulanten Hospizdienst für Kinder, daher machten wir es einfach und profitierten von unserer Netzwerkarbeit“, sagt Daniela John, die Leiterin des Ambulanten Hospizdienstes für Erwachsene, Kinder und Jugendliche in Leonberg.
Die offizielle Gründung des Kinder- und Jugendhospizdienstes in Leonberg erfolgte im Jahr 2006. Er nahm zunächst in Rutesheim mit Monika Friedrich als Koordinatorin seine Arbeit auf. „Was einst sehr hemdsärmelig und mit wenigen Ehrenamtlichen begann, ist heute eine professionelle Institution mit einem starken Netzwerk – sowohl lokal, regional als auch überregional“, sagt Daniela John.
Potenzielle ehrenamtliche Mitarbeitende – es gibt keine Altersgrenze, und die Tätigkeit ist auch an keinen Beruf gebunden – bekommen eine praxisnahe Schulung über hundert Stunden, verteilt auf ein halbes Jahr. „Wichtig ist, dass diese helfenden Menschen offen und mit sich selbst gut in Kontakt sind.“ Hinzu kommen Fortbildungen und Supervisionen – das ist eine professionelle Beratung zur Reflexion und Verbesserung des eigenen Handelns. „Für mich persönlich ist diese ehrenamtliche Arbeit auch eine große Bereicherung. Ich darf nicht nur helfen, sondern lerne auch viel über mich und über das Leben“, sagt Cornelia Bayer.
In ihrer ehrenamtlichen Zeit hat Bayer zehn Kinder und Jugendliche betreut. Einem Jungen stand sie insgesamt elf Jahre bei Bedarf zur Seite. Dessen Bruder war schwer erkrankt und starb nach langer Leidenszeit. Mittlerweile ist er mit 21 Jahren ein junger Mann, der nun sein Studium beginnt. „Ich schreibe ihm heute noch zu seinem Geburtstag und freue mich, dass er mit solch einer Krise ein schönes Leben haben kann. Anders, aber trotzdem gut“, sagt die 62-jährige Mutter von zwei erwachsenen Töchtern.
Während der Begleitung seien es manchmal die kleinen Dinge, die einem Kind helfen. Ein Gespräch, gemeinsam ein Buch lesen, basteln, Spaziergänge oder ein Besuch auf dem Spielplatz. Es ist eine kleine Auszeit von einem bedrückenden System.
Ehrenamtliche schenken Zeit, halten aus und sind da
2023 zog der Ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst von Rutesheim nach Leonberg in die Seestraße in das aufgestockte Gebäude des Hospizes Leonberg. Dort sind seither alle Dienste unter einem Dach vereint. Anfang 2025 übernahm Amelie Scheuerle die Funktion als neue Koordinatorin des Ambulanten Hospizdienstes für Kinder und Jugendliche und damit die Nachfolge von Monika Friedrich.
Um den wachsenden Aufgaben gerecht zu werden, wurde eine weitere Koordinatorenstelle geschaffen. Maren Heger verstärkt seit Anfang 2026 das Team. Die mehr als 30 Ehrenamtlichen schenken Zeit, hören zu, halten aus und sind da – im Alltag, in Zeiten größter Belastung, in der Trauer und über den Tod eines Kindes hinaus.
Ambulantes Kinder- und Jugendhospiz
Sunshine-Kids:
Ein Angebot für Kinder von fünf bis 13 Jahren mit einem lebensverkürzend erkrankten Familienmitglied oder für Kinder, die in Trauer sind.
Jugendtrauertreff: Dieser richtet sich an Jugendliche zwischen 13 und 21 Jahren, die um einen nahe stehenden Menschen trauern.
Spenden: Das Hospiz Leonberg ist auf Spenden angewiesen. Ein Spendenkonto ist bei der Kreissparkasse Böblingen eingerichtet. IBAN DE54 6035 0130 0008 6961 00. Stichwort „Spende Hospiz Leonberg e.V.“