Akkordarbeit: Mit beiden Händen trennen Mitarbeiterinnen Groß- von Standardbriefen. Foto: Gottfried Stoppel

Liebesbrief, Ansichtskarte, Mahnung: Alles, was im mittleren Neckarraum verschickt oder empfangen wird, durchläuft das Briefzentrum. Unser Video und unsere Fotoreportage zeigen den Weg der Briefe.

Waiblingen - Tausende Schreibmaschinen. Nur so lässt sich das Geräusch beschreiben, das dem Besucher des Briefzentrums Waiblingen entgegenschlägt. Maschinen rattern, piepen und klappern. Millionenfach wandern Briefe in gelben Kästen aus den ankommenden Lastwagen, über Förderbänder durch Sortier- und Frankiermaschinen. Liebesbriefe, Mahnungen, Urlaubskarten, Drohschreiben oder Arztrechnungen – was auch immer im Gebiet mit Postleitzahlen, die mit 70 oder 71 beginnen, abgeschickt oder empfangen wird, wandert durch das Waiblinger Zentrum. Bis zu viereinhalb Millionen Briefe am Tag schaffen Mensch und – vor allem – Maschine.

In 20 Jahren 17 Milliarden Briefe bearbeitet

Vor 20 Jahren, Ende Mai 1997, hat die Post ihre Briefsortierfabrik eingeweiht. Seitdem sind 17 Milliarden Briefe durch das Zentrum gegangen. Würde man die Sendungen aufeinander stapeln, ergäbe sich laut der Post ein Stapel, der 112 000 Mal höher wäre als der Stuttgarter Fernsehturm.

Der Start des riesigen Betriebs lief damals jedoch etwas holperig an: Immer wieder hatte die Post mit technischen oder menschlichen Pannen zu kämpfen – damals verspäteten sich die Lieferungen von Tageszeitungen zuhauf, was Proteste verschiedener Zeitungsverlage nach sich zog. Dennoch: Schon damals war das Briefzentrum ein Symbol für den technischen Fortschritt. Der angestrebte Anteil für maschinell bearbeitete Sendungen lag bei 85 Prozent; von 100 Briefen, die das Zentrum durchliefen, kamen im Schnitt gut 94 am nächsten Tag beim Empfänger an.

Allzu viel geändert hat sich bei der Laufzeit bis heute nicht. Mehr sei kaum drin, meint der Post-Pressesprecher Hugo Gimber: „Da muss nur ein Auto mit zwei Tonnen Post im Stau in den Graben rutschen – hundert Prozent wird man kaum erreichen.“ Was die Quote der maschinell bearbeiteten Sendungen angeht, ist der vor 20 Jahren erträumte Anteil heute schon Schnee von gestern. „Heute sind wir bei mindestens 95 Prozent, bei maschinellen Schreiben kann man von 100 Prozent ausgehen“, sagt Hugo Gimber.

All die High-Tech-Unterstützung hat ihren Preis. Arbeiteten vor 20 Jahren noch rund 800 Menschen direkt in der Briefsortierung, sind es heute nur noch 550. „Wir haben aber niemanden entlassen, sondern die natürliche Fluktuation genutzt“, betont Gimber.

Das Briefzentrum hat eine Fläche von vier Fußballfeldern – da hilft nur ein Roller

Eines der Hilfsmittel aus dem analogen Zeitalter haben sich die Postler bis heute bewahrt: Immer wieder fahren Mitarbeiter auf Tretrollern durch die Halle. Kein Wunder, denn die ist riesig: Fast 61 000 Quadratmeter – „das ist etwa so groß wie vier Fußballfelder“, erklärt Hugo Gimber.Er selbst ist schon seit 1995 in der Pressestelle der Post dabei – und hat die Einweihung des Zentrums damals vor 20 Jahren auch schon begleitet.

In einem stillen Raum, abseits des Maschinenlärms, sitzen zwei Damen. Vor sich einen Bildschirm und eine Tastatur. Im Akkord bekommen sie Bilder von Briefen angezeigt, deren Beschriftung die Maschinen nicht lesen konnten. Wie Roboter tippen die Frauen Postleitzahlen ein. Die Aufgabe erfordert höchste Konzentration. „Eine halbe Stunde dürfen wir das machen, dann müssen wir andere Aufgaben erledigen“, erzählt eine von ihnen. Bei mancher Sauklaue muss eben selbst der High-Tech-Computer passen.

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