William Kvist (re., gegen Nürnbergs Hiroshi Kiyotake) Foto: dapd

Das 2:0 in Nürnberg ist noch lange nicht die Wende – vielmehr belegt auch der erste Saisonsieg den Mangel an Führungsspielern.

Nürnberg - Nach dem Katastrophenspiel gegen Hoffenheim war das Maß voll. Kapitän Serdar Tasci bat zur internen Mannschaftssitzung – ohne Trainer Bruno Labbadia und seinen Stab. Die Profis sprachen untereinander einige unangenehme Wahrheiten an, gelobten Besserung und beschlossen, vor dem Anpfiff in Nürnberg zur Beschwörung der Entschlossenheit und zur Demonstration der Geschlossenheit einen Kreis zu bilden. „Wir haben die Karten auf den Tisch gelegt und gesagt, dass es so nicht weitergehen kann“, sagte Martin Harnik. Das Ergebnis konnte sich auf den ersten Blick sehen lassen. 2:0 gewonnen, den ersten Saisonsieg eingefahren – endlich! „Jeder hat wieder für den anderen gekämpft, wir haben kaum etwas zugelassen“, sagte der österreichische Nationalspieler.

Führung nach 24 Sekunden

Alles gut also? Wer diesen Schluss aus dem verbesserten, aber noch lange nicht überzeugenden Spiel beim Club zieht, lügt sich womöglich selbst in die Tasche. Der VfB profitierte vom Aussetzer des Nürnberger Verteidigers Marcos Antonio und ging nach 24 Sekunden in Führung. Ein Geschenk des Himmels. Dennoch gelang es dem VfB nicht, darauf aufzubauen. Er fand nie zu seiner spielerischen Linie, erst das späte 2:0 durch Harnik (75.) brachte die Erlösung. Folge-richtig sprach hinterher keiner von der möglichen Trendwende, im Gegenteil. „Wir haben heute Kampf gegen den Abstieg gezeigt. Ich hatte gehofft, dass das frühe Tor Sicherheit gibt. Aber wir waren ängstlich mit dem Ball und haben wenig auf die Reihe bekommen“, sagte Harnik. Nur kämpferisch überzeugte der VfB, der sechs Kilometer mehr lief als der Club und mit 29 Fouls einen ligaweiten Saisonrekord aufstellte. „Wir standen auf Platz 17, da konnte man nicht erwarten, dass wir Nürnberg an die Wand nageln“, bat Christian Gentner um Nachsicht.

Dabei ist es kein neuartiges Phänomen beim VfB, dass die Mannschaft mehr Führung benötigt – Spieler, die in der Lage sind, die Kollegen durch dick und dünn zu führen und ihnen trotz vielerlei Widrigkeiten Stabilität verleihen. Womöglich wächst der eine oder andere im aktuellen Kader noch in diese Rolle hinein. Zurzeit scheint aber keiner in der Lage, diese Rolle dauerhaft zufriedenstellend auszufüllen. Ursprünglich hatten Manager Fredi Bobic und Trainer Bruno Labbadia auf eine Achse mit Torhüter Sven Ulreich, Kapitän Serdar Tasci, Abräumer William Kvist, Vi­ze­kapitän Christian Gentner und Stürmer Vedad Ibisevic gesetzt. Aber schnell mussten sie feststellen, dass ihre Idealvorstellung zu selten mit der Wirklichkeit deckungsgleich ist, spe­ziell im Zentrum. Dort legt Kvist nach einem starken Anfangsjahr in Stuttgart bevorzugt den Rückwärtsgang ein, Gentner strahlt alles andere als Dynamik und Entschlossenheit aus. Tamas Hajnal steckt zurzeit im Leistungsloch. Der junge Raphael Holzhauser (19), der in Nürnberg erstmals von Beginn an auf dem Platz stand, mag zwar Perspektiven haben. Wie groß die sind, steht in den Sternen. Dahinter muss Tasci immer wieder Verletzungspausen einlegen, womöglich auch jetzt wieder: Beim Zweikampf mit Javier Pinola erlitt er eine schwere Prellung oberhalb des Knies. Zur Halbzeit musste er vom Platz, sein Einsatz im Europa-League-Spiel bei FK Molde an diesem Donnerstag (21.05 Uhr/Sky) ist fraglich.

Mannschaft hat viel Substanz verloren

Genau genommen schwankt der VfB, was die Führungsstärke innerhalb der Mannschaft angeht, zwischen zwei Polen – zwischen unwiderstehlich und unsäglich. Ersteres war er vergangene Rückrunde, als er kaum Verletzte hatte und über Monate am oberen Limit spielte. Letzteres war er zuletzt, als er Verletzungen und Sperren wegstecken musste. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, wird aber den eigenen Ansprüchen nach einer ständigen Europacup-Teilnahme zunehmend nicht mehr gerecht.

Um das Vakuum zu füllen, wird den Strategen des VfB nichts anderes übrig bleiben, als über ihren Schatten zu springen und die Geldschatulle für Verstärkungen zu öffnen. Am besten schon in der Winterpause, im Vorgriff auf die neue Saison. Präsident Gerd Mäuser wird zwar nicht müde, auf die finanziellen Zwänge hinzuweisen. Allerdings entspannt sich die Situation im kommenden Sommer spürbar, wenn steuerliche Altlasten entfallen. Der Verein sollte den neuen Handlungsspielraum nützen. Über die Jahre hat die Mannschaft so viel Substanz verloren, dass aus Sicht der Fans eine Grenze erreicht ist. Die sinkenden Zuschauerzahlen bei den Heimspielen zeigen: Attraktiv ist diese Mannschaft nur noch begrenzt.

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