In seiner Stuttgarter Zukunftsrede bestimmt der Schriftsteller und Dissident Liao Yiwu, was künftig von China zu erwarten ist, aus der Vergangenheit.
Vor der Tür des prall gefüllten großen Sitzungssaals des Stuttgarter Rathauses begrüßen Regimegegner das Publikum mit Tafeln, auf denen neben chinesischen Schriftzeichen das Wort Xitler zu lesen ist. Man wird dem, der damit gemeint ist, später in verschiedenen Umschreibungen wiederbegegnen, unter anderem als Knödel-Kaiser, und auch wenn das eher lustig klingt, bleibt einem doch das Lachen im Hals stecken.
Die Rede ist von Xi Jinping, er steht an der Spitze des „gewaltigsten Diktaturapparats auf dieser Welt“, so sieht es zumindest der chinesische Dissident Liao Yiwu in seiner Stuttgarter Zukunftsrede. Deren Titel „Unsichtbare Kriegsführung“ lässt sich in doppeltem Sinn verstehen: einmal gemünzt auf den chinesischen Überwachungsstaat, zum anderen auf das, was Literatur dem entgegenzusetzen hat. Und das ist Geschichte, genauer: eine Geschichte des Überlebens.
Schreiben aus Angst vor dem Vergessen
Seit ihn sein prophetisches Gedicht „Massaker“ am Vorabend der blutigen Niederschlagung des Studentenaufstands 1989 auf dem Tiananmen-Platz mit einem Schlag vom Hippie-Epigonen zum Sprachaktivisten beförderte, ist seine schriftstellerische Berufung unauflöslich mit dem Schicksal derer verknüpft, die von dem Regime getötet oder mundtot gemacht, inhaftiert und gefoltert wurden. So wie Liao Yiwu selbst während vier Jahren. „Mein Hauptimpuls als ein politischer Gefangener in der fernen Provinz, weitab vom politischen Zentrum, zu schreiben, war die Angst vor dem Vergessen“, sagt der Friedenspreisträger des Jahres 2012, dessen chinesischer Vortrag in der Voiceover-Synchronisation des Sprechers Johannes Wördemann sinnfällig das Widerspiel von Ferne und Nähe erfahrbar werden lässt.
Er erzählt, wie seine Gefängnismanuskripte, allen Auslöschungsversuchen des Regimes zum Trotz, den Weg in die Welt gefunden haben. Und wie sich darin ein nach alter chinesischer Weise erstelltes Orakel erfüllt habe – auch dies eine Form, die Zukunft zu programmieren, aus einem anderen China, zu dem Liaos traditioneller Kittel passt, den er mit westlichen Turnschuhen kombiniert.
Dem Erinnern als oppositionellem Akt stellt er anklagend die westliche Amnesiebereitschaft entgegen, wenn „Unsummengeschäfte“ winken. „Unser neues, globalisiertes Jahrhundert mit seiner Gewöhnlichkeit und seiner Grausamkeit will keine Helden mehr, die dafür ins Gefängnis gehen, dass ihr Land den Weg Richtung Demokratie nimmt.“ Später, im Gespräch mit dem ehemaligen deutschen Botschafter in Peking, Volker Stanzel, wird Liao dafür die deutsche Politik in die Pflicht nehmen, die Ideale an Interessen verraten habe.
Die Regierung vertuscht, lügt
Und dann kam Covid. Sein Dokumentarroman „Wuhan“ hat diese Geschichte aus der Perspektive von unten entfaltet: wie die Regierung vertuscht, lügt und unter einem vorgeschützten Epidemieschutz Erfahrungen, die an der uigurischen Minderheit bereits exekutiert worden waren, auf die ganze Bevölkerung ausdehnt. Nach der abrupten Abkehr von der Null-Covid-Politik folgt nun das nächste Kapitel, so reich an tragischen wie an grotesken Momenten: Etwa wenn der Chefarzt des Krankenhauses, in dem seine Tante eben an dem ungeschützt wütenden Virus verstorben ist, bedauert, diese Ursache auf dem Totenschein nicht verzeichnen zu können: Das Gesundheitskomitee habe verfügt, dass es in China nur sieben Coronatote gebe. Dies angesichts sich auftürmender Leichenberge und Einäscherungen, die wegen des unbewältigbaren Andrangs im Losverfahren vergeben werden.
Die Eindrücklichkeit von Liaos Auftritt verdankt sich weniger analytischem Feinschliff als demonstrativer Kraft. Sein Blick in die Zukunft richtet nicht politischer Realismus aus, sondern der Glaube an eine Gerechtigkeit, die aus einem Erinnern entspringt: „Dieses dem Zerfall geweihte Imperium wird keinen Erfolg haben. Wie sie auch heißen, Putin oder Xi Jinping, sie werden keinen Erfolg haben.“ Der ernst-verschmitzte Dichter hat die Torturen der Diktatur am eigenen Leib erfahren. Seine Bücher halten alles fest: „Wir werden die Toten nicht sterben lassen“, schließt Liao seine Rede, „sie werden Zeugen sein für die Verbrechen und ewig leben.“
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Termin
An diesem Freitag, 20. Januar, ist Liao Yiwu um 19.30 Uhr im Literaturhaus Stuttgart zu Gast.