Vor 50 Jahren hatte Böblingen Großes vor. Die Stadt wollte sich bei der ARD-Sendung „Allein gegen alle“ 1973 den Titel „unschlagbare Rätselstadt“ holen. 300 Helfer und 30 Rateteams waren am Start für Radiounterhaltung, die heute niemanden mehr hinter dem Ofen vor locken würde.
„Raum für Taten und Talente“. Wer von der Stadt Böblingen Post bekommt, der erhält diesen Satz auf dem Briefkopf gleich mitgeliefert. Es hätte aber auch ganz anders kommen können mit dem schmucken Spruch von der talentierten Stadt – wenn Böblingen bereits vor 50 Jahren zu den großen Macher- und Denkermetropolen gehört hätte. Dann stünde heute auf den Briefköpfen wohl „Unschlagbare Rätselstadt“.
Der Tag, an dem dieser Traum zerplatzte, war der 28. April 1973. Böblingen befand sich in Runde drei einer äußerst beliebten Radiosendung, die bundesweit durch die analogen Endgeräte rauschte. „Allein gegen alle“ hieß der Straßenfeger. Der Inhalt ist schnell erzählt: Ein vom Sender auserwählter Bürger stellt einer Stadt fünf Fragen, von denen mindestens drei in 15 Minuten beantwortet werden müssen. Schafft die Kommune dies, kommt sie in die nächste Runde, schafft sie es nicht, fliegt sie raus. Nach drei erfolgreichen Durchgängen ist die Stadt nicht mehr nur Stadt, sondern auch unschlagbare Rätselkönigin.
Das Internet war noch Science Fiction
Wer 50 Jahre später auf diese Sendung schaut, der wird wohl nur schwerlich eine Antwort auf die Frage finden, was daran wirklich unterhaltend war. Wie konnte es geschehen, dass Deutschland zwei Stunden vor den Radioempfängern saß, bloß weil seinen Städten schlaue Fragen gestellt werden? Zwei Stunden Radio – so viel Zeit gönnen wir heute nicht einmal mehr den Bundesliga-Kickern, wenn die per samstäglicher Stadion-Schalte in unsere Wohnzimmer drängen.
Als Böblingen sich an die Schlaumeier-Front wagte, war aber auch noch alles ganz anders. Internet war Science Fiction und Leute, die heute bei Facebook dicke Backen machen, sorgten damals allerhöchstens für volle Windeln. Computer gab’s nicht unter Wohnzimmergröße und Wissen nicht in Millisekunden von der Firma Google termingerecht serviert. Wissen bedeutete im Jahr 1973 noch richtig Arbeit: Lexika blättern, Archive durchforsten oder die hirneigene Denkwerkstatt mobilisieren. Mühen, die heute von Helferinnen, die auf den Namen Alexa oder Siri hören, erledigt werden.
Das Rathaus im Hochleistungsmodus
Kein Wunder, dass eine Verwaltung, die noch im Handbetrieb funktionierte, aufgeregt war, als das Radio vorbeischaute und es einen Ruf zu erringen oder verlieren gab. Ganz Deutschland hörte mit, als Hans Rosenthal am 26. Februar aus dem Baden-Badener Funkhaus live in die Böblinger Verwaltungszentrale zu Oberbürgermeister Wolfgang Brumme schaltete. Schon allein der Name des Moderators genügte, um das Rathaus in den Hochleistungsmodus zu versetzen. Rosenthal leitete auch die beliebte TV-Quizsendung „Dalli Dalli“ und befand sich wegen seines dort regelmäßig aufgeführten Luftsprungs („Das war Spitze!“) auf dem Weg zur Legende.
Die Aschenbecher füllten sich
Im Böblinger Boten, der jedem Radio-Auftritt seiner Heimatstadt viele Bilder und Worte widmete, ist nachzulesen, dass Böblingen schon damals auf seine Tatkraft und seine Talente bauen konnte: 300 Helfende, 30 Stützpunkte, in denen sich Rateteams gegen die bevorstehenden Frage-Attacken formierten, unzählige Bürger, die vor den heimischen Lexika-Metern bereit saßen, Sekretärinnen „mit Block und gespitztem Bleistift“, die die Lösungen entgegennahmen – alles koordiniert von „Oberamtsrat Kläger“. Im Rathaus, berichtete der Reporter, leerten sich die Kaffeetassen, während sich die Aschenbecher füllten. Kurzum: Eine Stadt im Ratefieber. Nachdem man sich mit Moderator Rosenthal einig war, dass Böblingen zu den „vitalsten Städten Baden-Württembergs“ zählt und im Besitz einer „supermodernen“ Kongresshalle und einer „berühmten“ Sporthalle ist, ging auch bereits Helga Bach an den Start. „Bei welcher Tierart heißen die Männchen Bären, die Weibchen Katzen und die Jungen Affen?“, wollte die Dame, die Böblingen herausforderte, wissen. Kein Problem für die Stadt aus dem Cleverle-Land. Die Antwort „Murmeltier“ wurde in kurzer Zeit 23 mal von den Teams korrekt geliefert. Auch bei den übrigen Fragen erwies sich Böblingen als gut geölte Rätselmaschine. Nach neun Minuten war alles erledigt: Drei Fragen richtig beantwortet, Böblingen eine Runde weiter und Verliererin Helga Bach von der Stadt mit einem transportablen Fernsehgerät getröstet.
„Murmeltier“ war richtig
Zwei Monate später fand die Stadt beim Showdown dann ihren Meister. Die zweite Runde war im März noch mit einem lässigen 3:2 genommen worden, in der dritten und entscheidenden Runde machte Folke Müller aus Bammental dann aber allen Rätselhoffnungen ein Ende. Mit einem 3:2-Sieg nahm der Fragesteller Böblingen aus dem Rennen – mit dieser Frage: „Welcher bekannte Mann der Neuzeit wurde im 19. Jahrhundert in seiner Offizierszeit zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt?“ Nach 60 Sekunden lag bereits der Name Werner von Siemens auf dem Tisch. Der war richtig, aber die Böblinger Verwaltungsstrategen lagen falsch, als sie sich auf die am häufigsten genannte Antwort „Napoleon“ verließen. Böblingen erlebte sein Waterloo und musste sich als Rätselstadt geschlagen geben.
Küchenlieder auf dem Berliner Platz
Aber noch lange nicht sein frohsinniges Gemeinwesen. Denn wer „Allein gegen alle“-Stadt war, musste sich stets auch einer Sonderaufgabe stellen, die bürgerschaftliche Alltagstauglichkeit beweisen sollte. Im ersten Durchgang galt es 20 Gemüse- und Obstsorten in alphabetischer Reihenfolge aufzubieten, beim letzten Auftritt war hauswirtschaftliche Kompetenz gefragt. Gesucht waren zehn Küchenlieder in gesungener Form. Die Böblinger kamen zuhauf auf den Berliner Platz, um damals politisch ziemlich korrekte Gassenhauer wie „Ja als Hausfrau ist man dauernd auf der Wanderschaft“ und „Sabinchen“ abzusingen. Auch wenn’s nicht zum Titel gereicht hat: Böblingen fühlte sich trotzdem als Sieger. „Das Bürgerbewußtsein wurde gestärkt und man hatte wirklich ,Spaß an der Freud’“, kommentierte der Böblinger Bote. Zeit, mal wieder Radio zu hören.
Millionenpublikum an den Radiogeräten
Sendung
„Allein gegen alle“ war eine Live-Sendung, die von Hans Rosenthal in den Funkhäusern der ARD-Rundfunkanstalten moderiert und live ausgestrahlt wurde. Die erste Sendung fand 1963 in Hamburg statt, die 161. und letzte Sendung 1977 in der Villa Berg in Stuttgart. Die Übertragungen trafen auf ein Millionenpublikum an den Radiogeräten.
Teilnehmer
207 Orte und Städte stellten sich den Fragen ihrer Herausforderer. 70 (43 Kleinstädte, 18 Mittelstädte, 7 Großstädte und 2 Landeshauptstädte) waren erfolgreich und erhielten nach drei siegreichen Teilnahmen den Titel „Unschlagbare Rätselstadt“.