Saikshvly Ilyas kommt 2015 als Kriegsflüchtling aus dem Irak nach Sindelfingen. Acht Jahre später gehört der 19-Jährige zu den wohl fleißigsten Ehrenamtlern der Stadt.
Wer Saikshvly, genannt Saikesh, Ilyas begegnet, sieht einen jungen Mann, engagiert, eloquent und ambitioniert – beruflich, gesellschaftlich und auch politisch. Dass der 19-Jährige aber in seinen jungen Jahren bereits ein bewegtes Leben hinter sich gebracht hat, sieht man dem Sindelfinger nicht an. Für Ilyas sind die einschneidenden Erlebnisse aus seinem Heimatland Irak nicht vergessen – obwohl er in Sindelfingen längst Fuß gefasst hat und dort auch wieder mit seiner Familie vereint lebt.
Bevor der 19-Jährige, der vergangenen Monat seinen Realschulabschluss gemacht hat, ab 2015 in seiner neuen Heimat als Ehrenamtlicher für das Jugendcafé 8er, die Kinderfilmakademie Sim TV, die Jugendbürgerstiftung und den Jugendgemeinderat auf mehreren Hochzeiten tanzen konnte, musste der Jeside den Horror von Krieg, IS-Terror und einer abenteuerlichen Flucht überleben.
Den IS-Terroristen noch rechtzeitig entkommen
„Bis heute denke ich mit Schmerz daran, wie ich als Elfjähriger gefragt wurde, ob ich ohne meine Eltern, nur mit zwei meiner Geschwister, unsere Heimatstadt Sinjar verlassen und nach Deutschland fliehe, um dem IS zu entkommen“, erklärt Ilyas. Mit der Naivität eines Kindes habe er zunächst nicht an die Gefahren einer Flucht und den Abschied von seinen Eltern denken können. „Erst als ich die gepackten Koffer gesehen habe, wurde mir klar, dass ich wirklich weggehen soll“, erinnert sich Ilyas an die Zeit zurück, als auch im kurdisch regierten Norden des Iraks die Schergen des IS einfielen. Dort kam es im August 2014 zu einem Völkermord an den dort lebenden Jesiden. Bis zu 10 000 Jesidinnen und Jesiden wurden ermordet.
Acht Jahre und unzählige Wechsel in unterschiedliche Flüchtlingsunterkünfte später, kann man sich angesichts der langen Liste an Ehrenamtsengagements kaum vorstellen, dass der im Januar 2023 eingebürgerte Deutsche erst vor wenigen Jahren in Sindelfingen heimisch wurde. „Auch wenn es mir anfangs schwerfiel, mich hier einzufinden und psychisch das Erlebte hinter mir zu lassen, wollte ich schnell Deutsch lernen und mir etwas aufbauen“, sagt Ilyas, dessen Eltern 2017 auch den Weg nach Sindelfingen fanden. Erst als die damalige Leiterin des Jugendcafés 8er den zurückgezogenen Jugendlichen anspricht, scheint sich ein Weg zu öffnen. Der damals 14-Jährige lässt sich überreden, Kartenspiele zu spielen, mitzukochen und an der Theke auszuhelfen: „Ich nahm wieder am Leben teil, statt mich in meinem negativen Gedankenkarussell zu bewegen.“
Überall in Stadt schon mal mit angepackt
Aus dem zunächst verschlossenen und deprimiert auftretenden jungen Mann, erzählt Saikesh Ilyas, wurde schrittweise ein Mitglied der Gesellschaft. Besonders wegweisend sei für den Film- und Serienbegeisterten das Praktikum bei der Kinderfilmakademie Sim TV, die Mitarbeit im Jugendcafé und – als die Coronapandemie zur großen Herausforderung aller wurde – auch das Engagement bei „Helfen statt Hamstern“. „Damals unterstützte ich die Risikogruppen beim Einkaufen oder holte Geld beim Bankautomaten“, sagt Ilyas. Später wiederholte er seinen Einsatz bei dem Sindelfinger Verein, als ukrainische Flüchtlinge vor dem russischen Angriffskrieg ankamen.
Auch wenn der junge Jeside durch sein vielfältiges Engagement reichlich Applaus erhielt, berichtet Ilyas immer wieder auch von Gegenwind. „Nicht alle finden es gut, wenn man sich in solch jungen Jahren gesellschaftlich engagiert und sich zum Beispiel für Frauenrechte oder die Rechte sexueller Minderheiten einsetzt“, erläutert Saikesh. Ablehnung aufgrund seiner jesidischen Abstammung hätte es vor allem durch Mitschüler, aber auch in den verschiedenen Flüchtlingsunterbringungen gegeben. Kürzlich habe er von Seiten einer deutschen Rentnerin Rassismus erfahren: „Ich saß in der Bahn, als eine ältere Dame lautstark darüber schimpfte, dass sie als Rentnerin nichts, Geflüchtete aber alles bekämen. Ich wollte ihr erklären, dass das unwahr sei, ich Deutscher bin und mich vielfältig ehrenamtlich engagiere. Das drang aber nicht durch.“
Jugendgemeinderat könnte Türöffner für mehr sein
Die vergangenen zwei Jahre kam für Saikshvly Ilyas noch eine weitere ehrenamtliche Aufgabe hinzu. Seit 2021 sitzt der Realschulabsolvent im Jugendgemeinderat – dem politischen Gremium für die 12-bis 19-Jährigen. „Mir war es wichtig, für Sindelfingen was zu erreichen. Zum Beispiel, indem wir uns für eine neue Tischtennisplatte oder ein neues Volleyballfeld einsetzen“, so Ilyas. Ganz grundsätzlich wünscht sich das Vorstandsmitglied mehr Ressourcen für die Jugendarbeit – zum Beispiel in Form von mehr Stellen für Sozialarbeiter. „Junge Menschen sind die Zukunft. Es muss darum gehen, dass sich alle hier wohl fühlen“, betont Ilyas.
Für seine Ziele möchte der 19-Jährige auch in Zukunft eintreten, wenn auch nicht als Vorstandsmitglied des Jugendgemeinderats. Aus dem Gremium scheidet Saikshvly Ilyas regulär nach zwei Jahren aus. Als abgeschlossen sieht das SPD-Mitglied seine politische Karriere nicht. „Ich könnte mir vorstellen, für den Gemeinderat zu kandidieren. Gleichzeitig möchte ich aber auch in einen Ausbildungsberuf starten“, erklärt Ilyas. Und hat auch schon eine Vorstellung: „Ich würde gerne Verwaltungsfachangestellter werden.“ Wo das sein wird, steht zwar noch nicht fest. Dass der Flüchtlingsjunge von damals heute genug Profil und Motivation mitbringt, um etwas zum Positiven zu verändern, haben die vergangenen Jahre eindrucksvoll gezeigt.