Die Leistungen des VfB unterliegen derzeit merklichen Schwankungen – selbst innerhalb einzelner Spiele. Warum eigentlich? Und wie soll das vorhandene Potenzial konstant abgerufen werden?
War das wirklich dieselbe Mannschaft? Bei der TSG Hoffenheim legte der VfB Stuttgart zwei derart unterschiedliche Spielhälften hin, dass beim einen oder anderen Beobachter wider besseres Wissen beinahe der Verdacht von Doppelgängern in weißen Jerseys hätte aufkommen können.
Da war zunächst ein, vorsichtig formuliert, ziemlich ausbaufähiger Auftritt im ersten Durchgang. Fehlende Laufbereitschaft und Aggressivität paarten sich mit einer meist uninspirierten Spieleröffnung, sodass die langen Bälle aus der Viererkette heraus fast immer leichte Beute für die Hoffenheimer Defensive wurden. Die TSG-Führung durch Andrej Kramaric (11.) fiel folgerichtig, der Stuttgarter Ausgleich durch Serhou Guirassy (45.+5) mit der ersten guten VfB-Chance glücklich.
Deutliche Leistungssteigerung nach der Pause in Sinsheim
In Hälfte zwei folgte dann die Stuttgarter 180-Grad-Wende: Die Zahl der intensiven Sprints stieg merklich, die offensive Zielstrebigkeit ebenfalls. Das 2:1 durch Kapitän Wataru Endo (77.) war verdient, der späte 2:2-Ausgleich durch Kramaric (90.+4) ärgerlich.
Die Bewertung des Spiels hing deshalb ganz maßgeblich davon ab, über welche der beiden Hälften man denn nun gerade sprach. „In der ersten Halbzeit haben wir ein paar Sachen echt vermissen lassen“, sagte VfB-Trainer Bruno Labbadia nach Spielende unumwunden – um direkt hinterherzuschieben: „Sehr gut war dann, dass wir in der zweiten Halbzeit unser anderes Gesicht gezeigt haben.“
Die Sache mit den beiden Gesichtern begleitet den VfB schon eine Weile. Auch am vergangenen Samstag gegen den FSV Mainz 05 (1:1) kam nach dem Seitenwechsel deutlich mehr Schwung ins Stuttgarter Offensivspiel, wenngleich hier zumindest die defensive Kompaktheit über die vollen 90 Minuten nicht allzu viel Grund zur Beanstandung gab.
Labbadia verneinte daher auch vehement etwaige Analogien zum Hoffenheim-Spiel – ebenso wie eine grundsätzliche Startschwäche seines Teams: Gegen die Mainzer sei man von Beginn an gut im Spiel gewesen. Eine solche Mannschaft müsse man zuerst beackern, dann bespielen.
Wohlgemuth erwartet einen längeren Lernprozess
Am Befund der offensiven Leistungssteigerung nach dem Seitenwechsel kommt man dennoch nicht vorbei, sie war sowohl gegen Hoffenheim als auch gegen Mainz augenfällig. Weshalb ein genauerer Blick auf die Lern- und Anpassungsfähigkeit der Stuttgarter Mannschaft innerhalb eines Spiels lohnt. Einerseits ist das ja eine gute Sache: Die VfB-Profis hören in der Pause ganz offenbar aufmerksam zu, nehmen Neues auf – und sind in der Lage, ihre Spielweise dann auch direkt anzupassen.
Andererseits liegt hier auch ein wunder Punkt: Derzeit scheinen Wataru Endo und Co. nur sehr eingeschränkt selbst in der Lage, im laufenden Spiel solche Veränderungen vorzunehmen und Schwächephasen von sich aus zu unterbrechen. Sie brauchen den Impuls in der Pause. „Es ist eine Mannschaft, die sich selbst auf dem Platz noch nicht immer regulieren kann“, sagt Labbadia dazu. „Ich finde es aber sehr gut, dass wir das gegen Hoffenheim in der Halbzeit korrigieren konnten.“
Nun liegt es auf der Hand, dass es in künftigen Spielen in der Halbzeitpause auch schon zu spät sein könnte. Nicht immer wird nach einem so durchwachsenen ersten Durchgang wie gegen die Hoffenheimer noch ein Punktgewinn gelingen, das wissen sie auch in Stuttgart. Der Arbeitsauftrag an die Mannschaft ist deshalb ziemlich klar: Es dürfte in den kommenden Wochen sowohl um das sofortige Gegensteuern auf dem Feld gehen als auch um den Start in ein Spiel ganz generell.
„Wir werden schon darüber sprechen“, kündigte der VfB-Sportdirektor Fabian Wohlgemuth in den Sinsheimer Katakomben an, „wie wir in den nächsten Spielen auf den Platz gehen – direkt von der ersten Minute an.“
Von jetzt auf gleich ließen sich solche Veränderungen aber nicht anstoßen: „Es ist für die junge Mannschaft noch ein langer Lernprozess. Aber wir wussten vorher, dass wir einen langen Atem brauchen“, sagte Wohlgemuth. Unwahrscheinlich ist es also nicht, dass in den kommenden Wochen immer mal wieder Leistungsschwankungen die Nerven der Fans strapazieren werden. Auch innerhalb ein und desselben Spiels.
Fest steht allerdings: Soll es an diesem Freitag (20.30 Uhr/Liveticker) im anspruchsvollen Auswärtsspiel beim Spitzenteam von RB Leipzig mit einer Überraschung klappen, braucht der VfB zwingend über die kompletten 90 Minuten nur eines seiner beiden Gesichter. Das gute.