Die Montagsdemo gegen Stuttgart 21 findet an diesem Montag zum 150. Mal statt. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie. Foto: Max Kovalenko/PPF

Der Montag ist in Deutschland nicht mehr irgendein Tag. Er hat sich zum Protesttag entwickelt. Ob Hartz IV, Bahnhofsumbau oder Fluglärm: Viele Demonstranten haben inzwischen einen langen Atem beim Protest.

Stuttgart - Es ist kalt vor dem Stuttgarter Rathaus. Kalt und dunkel. Doch nach und nach kommt Bewegung auf den Marktplatz. Immer mehr Menschen versammeln sich vor der kleinen Bühne. Als es los geht, Punkt 18 Uhr, schätzen die Veranstalter 3000 Kundgebungsteilnehmer. Die Polizei sieht deutlich weniger. Das alte Spiel. Aber es ist im Grunde auch egal. Es sind viele Menschen. Nach wie vor. Willkommen zur 149. Montagsdemonstration gegen Stuttgart 21. Der Countdown zum 150. Jubiläum an kommenden Montag läuft. Und die versammelten Gegner des Bahnprojekts freuen sich darauf wie auf einen runden Geburtstag, den man im Familienkreis feiert.

Es ist ein buntes Völkchen, das da vor der Bühne steht und den alten Schlachtruf „Oben bleiben“ in die Nacht hinaus schmettert. Manche sind regelrecht verkleidet, erinnern an Fußballfans auf dem Weg zum Heimspiel. Mit Fahnen, Schals, Ansteckern, selbst gemalten Transparenten. Oder Töpfen, die an den Kostendeckel des Projekts erinnern sollen. Selbst ein alter Klodeckel kommt noch zu Ehren.

Die Demonstranten haben einen langen Atem

Sylvia Heimsch hat keine solchen Utensilien dabei. Die Architektin hat von den demnächst 150 Montagsdemonstrationen in Stuttgart vielleicht zehn verpasst. „Ich bin seit der zweiten oder dritten dabei“, erzählt sie. Damals traf man sich noch am Nordeingang des Hauptbahnhofs, später auf der Schillerstraße, inzwischen meist auf dem Marktplatz. Alle politischen Entscheidungen, selbst der Knacks nach der verlorenen Volksabstimmung, haben an den Kundgebungen nichts geändert. „Wenn man mit Leuten von außerhalb spricht, glauben die das oft gar nicht“, sagt Sylvia Heimsch. „Die Stimmung ist so gut wie früher.“

Manch einer kämpft bereits viel länger gegen das Projekt. „Ich habe schon 1996 mit dem damaligen Oberbürgermeister Manfred Rommel in der Schalterhalle diskutiert“, erinnert sich Peter Selig-Eder. Seitdem hat sich für ihn nicht viel zum Besseren gewandelt. „Was uns hier am meisten empört, ist die unsägliche Verquickung von Politik und großem Geld“, sagt er. Deshalb müsse man Druck machen, „bis irgendein Verantwortlicher sagt: Wir haben uns geirrt.“

Ob das passieren wird, steht in den Sternen. Doch die Demonstranten haben einen langen Atem, auch anderswo. Immer häufiger gehen die Bürger in Deutschland ausdauernd auf die Barrikaden. Wie in Frankfurt. Dort hat ein Bündnis von Bürgerinitiativen jüngst die 40. Demonstration gegen Fluglärm gefeiert. Im Terminal 1 des Flughafens, mit tausenden Teilnehmern. Natürlich montags. Die Proteste gegen Stuttgart 21 stehen dabei Pate. „Fluglärm 21“ prangt, durchgestrichen, auf vielen gelben Aufklebern, die aussehen wie Ortsschilder. Immer wieder gibt es gegenseitige Besuche, einmal sogar eine Live-Schaltung von Stuttgart nach Frankfurt. Doch eigentlich ist das Vorbild ein anderes: „Wir haben uns sehr an den Leipziger Montagsdemonstrationen orientiert“, sagt Ingrid Kopp vom Frankfurter Bündnis.

„Der Montag ist gewissermaßen unser gemeinsamer Protesttag“

Der Leipziger Protest ist wegen der historischen Bedeutung für viele nach wie vor der einzig wahre – gewissermaßen die Mutter aller Montagsdemos. Die Ereignisse von 1989 in der damaligen DDR mit dem weltbekannten Slogan „Wir sind das Volk“ haben die deutsch-deutsche Geschichte nachhaltig verändert und zum Mauerfall geführt. Manche empfinden es deshalb als Affront, den Begriff für Bahnhofs- oder Flughafenproteste aufzugreifen. Denn dort riskiert niemand sein Leben. Für die heutigen Montagsdemonstranten steht der Begriff generell für die Einmischung der Bürger.

Und das nicht erst seit Stuttgart 21. Denn was viele angesichts der Bahnhofsproteste vergessen: In Stuttgart und vielen anderen deutschen Städten gibt es bereits seit acht Jahren regelmäßig Montagsdemonstrationen. Sie wenden sich gegen die Agenda 2010 der damaligen rot-grünen Bundesregierung und die Hartz-IV-Gesetze. Mancherorts sind die Kundgebungen inzwischen eingeschlafen. Aber nicht überall. In Karlsruhe oder Tübingen trifft man sich nach wie vor – genauso wie in der Landeshauptstadt. Dort am 3. Dezember bereits zum 400. Mal. Zwischen 50 und 100 Leute kommen jeweils.

Laut Sprecherin Christine Schaaf hat man die Kundgebung wegen der Stuttgart-21-Proteste am selben Tag sogar eine Stunde vorverlegt, damit die Leute zu beiden Demos kommen können. Dass der Begriff Montagsdemonstration inzwischen fast ausschließlich mit dem Bahnhof verbunden wird, stört sie nicht. „Der Montag ist gewissermaßen unser gemeinsamer Protesttag und hat sich auch bundesweit zu einem Tag des Widerstands entwickelt“, sagt sie.

Demo-Züge legen nach wie vor den Verkehr lahm

Der stößt allerdings nicht überall auf Gegenliebe. Und auch die Stuttgarter Montagsdemos haben ihre Tiefpunkte erlebt. Straßenblockaden, Gebäudebesetzungen und Auseinandersetzungen mit der Polizei hat es immer wieder gegeben. Das extremste Negativbeispiel lieferten Hunderte Demonstranten im Juli 2011 ab. Bei der Erstürmung der Baustelle des Grundwassermanagements im Schlossgarten wurden mehrere Polizisten verletzt, einer davon schwer. Den Sachschaden bezifferte die Bahn auf über eine Million Euro. Während der größte Teil der Projektgegner sich auf seine Friedfertigkeit beruft, nutzt eine Minderheit die Kundgebungen immer wieder für fragwürdige Aktionen, die auch innerhalb der Protestbewegung umstritten sind.

Wenig Begeisterung für allwöchentliche Straßensperrungen zeigen von Anfang an auch viele Autofahrer und Geschäftsleute in der Innenstadt. Deshalb hat die Stadt einmal sogar versucht, die Kundgebungen auf der Schillerstraße vor dem Hauptbahnhof an einen anderen Ort zu verlegen, abseits der ganz großen Verkehrsströme.

Das Verwaltungsgericht gab der Stadt Recht, der Mannheimer Verwaltungsgerichtshof kassierte das Urteil aber postwendend. Inzwischen finden die meisten Kundgebungen auf dem Marktplatz statt. Doch Demo-Züge im Anschluss legen nach wie vor immer wieder den Verkehr lahm.

ie 150. Ausgabe am Montag geht vor dem Hauptbahnhof über die Bühne

„Die Behinderungen sind immer noch lästig und unangenehm, aber keine ganz so große Belastung mehr wie früher“, sagt Citymanager Hans H. Pfeifer. Die Stadtverwaltung habe alle möglichen rechtlichen Schritte versucht, das Demonstrationsrecht sei aber stets höher bewertet worden. Das Verständnis dafür sei bei vielen Besuchern der Innenstadt nicht mehr groß. Die Mehrheit müsse in diesem Fall die Interessen einer Minderheit „zähneknirschend akzeptieren“.

Beim Ordnungsamt spricht man inzwischen von einem „guten Kontakt zu den Veranstaltern“. Es gebe allerdings immer wieder Beschwerden von Autofahrern und Geschäftsleuten. Wo die Kundgebungen in der Adventszeit stattfinden sollen, wenn der Marktplatz durch den Weihnachtsmarkt blockiert ist, wird derzeit noch verhandelt. Eines jedoch steht schon fest: Die 150. Ausgabe am Montag geht vor dem Hauptbahnhof über die Bühne.

Ganz in der Nähe des Orts, wo am 26. Oktober 2009 alles angefangen hat. Mit fünf Teilnehmern, die sich übers Internet verabredet hatten. Daraus wurden später bis zu 50 000. „Damals standen wir noch auf Holzplanken zwischen Blumenkübeln“, erinnert sich Schauspieler Walter Sittler, der bei einer der ersten Kundgebungen als Redner auftrat. Wie oft er inzwischen dabei gewesen ist, hat er nicht gezählt. „Es ist erstaunlich, wie viele Leute durchhalten“, sagt er und schaut auf dem Marktplatz in die Runde.

2500 Euro kostet jeder Montag

Viele hier kennen sich. Die Demonstranten sind in Gruppen aktiv, betreuen Infostände oder organisieren Treffen. Dass vielleicht so manchem diese Kontakte fehlen würden, wenn es keine Demos mehr gäbe, verneinen die meisten. „Wir haben schon öfter gesagt, dass wir uns das Alter eigentlich anders vorgestellt hatten“, sagt Dorle Buohler. Doch einfach nach Hause gehen kommt für sie nicht in Frage: „Ich bin nicht der Mensch, der aufgibt. Am meisten ärgern mich die Leute, die gleichgültig sind.“

„Wir erfahren riesige Unterstützung. Das wird eher mehr als weniger“, sagt Versammlungsleiterin Carola Eckstein von der Parkschützer-Organisation. 2500 Euro kostet jeder Montag. Das Geld kommt aus Spenden. Ein Ende der Kundgebungen ist nicht in Sicht. „Das ist ein Format, das sich etabliert hat und Mut macht“, sagt Eckstein. Auch dann, wenn es kalt und dunkel ist.

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