Langjähriger Weggefährte für die Wehr in Stetten: Andreas Wersch begrüßt Ex-Kreisbrandmeister Karl Florian Idler (Mi.). Foto: P. Sigerist

Zum 150-jährigen Jubiläum wünschen sich die ehrenamtlichen Brandbekämpfer Stettens bei ihrem Festakt im Bürgerhaus unter anderem von administrativen Tätigkeiten entlastet zu werden. Ihr verbeamteten Vertreter unterstützen das.

Kernen - Die Feuerwehr in Stetten weiß zu retten und zu helfen. Sie kann aber auch zukünftig feiern. Mit einem Festakt für etwa 300 geladene Gäste zum 150-jährigen Bestehen leiteten die Feuerwehrleute am Samstag das Jubiläumsjahr ein und setzten einen Maßstab für Ausdauer: Es gab eine sportliche Performance im Schwarzlicht „I think I spider“ von der Gruppe „Montastix“ der Spvgg Rommelshausen, einen Filmausschitt von Rheinhold Reichle über eine Feuerwehrübung 1958, dazu Ansprachen, Interviews von Feuerwehroberen und Politikern auf zwei roten Sitzgelegenheiten. Und mit drastisch humorvollen bis absurden Szenen aus der Welt der Brandbekämpfung durch den Feuerwehr-Kabarettisten Günter Nuth dehnte sich der kurzweilige Abend im Bürgerhaus einschließlich eines Essens auf weit über fünf Stunden aus – allein im offiziellen Teil.

Beim Feiern blieb die Politik nicht ausgespart, sondern integriert

Beim Feiern blieb die Politik nicht ausgespart, sondern integriert. Ein geschichtlicher Rückblick von Andreas Wersch unter anderem über die schwierige Suche nach einem Grundstück für ein Feuerwehrgerätehaus, endlich 1964 in der Bachstraße eingeweiht durch den damaligen Bürgermeister Jäkle, gab den Anlass. Dieses Ereignis verweist auf den heutigen Dauerzwist zwischen Feuerwehr und Bürgermeister Altenberger um einen möglichen gemeinsamen Neubau auf der Hangweide: „Die Grundstückssuche war so schwierig, weil das Gerätehaus zentral im Ort sein sollte. Die Alten waren nicht doof“, sagte Wersch. Das Thema weckte Emotionen: Ein Wunsch des Bürgermeisters, die Feuerwehrleute mögen bis in ein paar Jahren Ortsteildenken und Animositäten überwinden, kam nicht gut an. Selbst sein Versprechen, ein modernes Gerätehaus für die beiden bisher getrennt in Rommelshausen un Stetten untergebrachten Abteilungen zum Preis von ein paar Millionen Euro hinzustellen, erhielt Buh-Rufe.

Der EU-Kommissar und frühere baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) beglückwünschte die Menschen

Was sich die Feuerwehr für die Zukunft anstatt eines neuen Hauses wünscht, stellte Kommandant Wersch vor: „Die Feuerwehr ist eine kommunale Pflichtaufgabe, ausschließlich im Ehrenamt stößt sie an ihre Grenzen. Ohne hauptamtliche Verstärkung wird es künftig nicht mehr gehen.“ Eine solche Verstärkung soll, wie er im Vorfeld der Veranstaltung sagte, ein fest beschäftigter Gerätewart in Stetten sein.

In dieses Horn blies auch der oberste Feuerwehrangehörige in Baden-Württemberg, Landesbranddirektor Karsten Homrighausen. Er versprach, sich im Innenministerium dafür einzusetzen, dass das Ehrenamt in der Feuerwehr von administrativen Tätigkeiten entlastet wird und sich auf das Wesentliche, die Brandkämpfung und technische Hilfeleistungen kümmern kann. So sieht es auch Kreisbrandmeister René Wauro: „Die Verwaltung nimmt überhand.“ Er und seine Mitarbeiter wollten diese Tätigkeiten übernehmen.

Der EU-Kommissar und frühere baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) beglückwünschte die Menschen, „die für Sicherheit und Gesundheit der Menschen verantwortlich waren und sind.“ Er bewundere die Ausbildung der Männer und Frauen, die in immer neue Aufgaben hineingewachsen sind.

Oettinger erinnerte daran, dass die Altvorderen, die Gründer der Feuerwehr 1868, in einer schwierigen Zeit den Schutz der Mitmenschen vor Feuerbrünsten auf sich genommen haben: „1868 war mitten zwischen zwei Kriegen, zwei Jahre nach dem Krieg, zwei Jahre vor dem Krieg. Heute dagegen „sind wir im Frieden geboren, wachsen auf im Frieden und vererben nach Jahren des Friedens ein unzerstörtes Haus an unsere Kinder.“ Er mahnte: „Nur durch die Freundschaft zwischen den europäischen Nationen haben wir ein Leben, wie es keiner der Vorfahren genießen konnte. Was für eine glückliche Zeit!“

Andreas Wersch drückte es im Beisein von einigen Freunden aus der Feuerwehr der Partnergemeinde St. Pierre so aus: „Die Deutschen waren 1870, 1914 und 1939 doch blöd. Es ist viel schöner mit Euch Franzosen zu saufen, als auf Euch zu schießen.“

Nur in einem gemeinsamen Europa werde sich das Land im weltweiten Wettbewerb Aufmerksamkeit und Geltung verschaffen können

Der EU-Kommissar Oettinger mahnte, dass Deutschland allein nur ein Prozent der Weltbewölkerung ausmacht: Nur in einem gemeinsamen Europa werde sich das Land im weltweiten Wettbewerb Aufmerksamkeit und Geltung verschaffen können. „Wenn wir nicht erdrückt werden sollen, von Autokraten nicht erpressbar sein wollen, geht dies nur im europäischen Team.“ Er erinnerte daran, auch die gemeinsamen europäischen Werte zu pflegen und zu verteidigen: „Wir müssen für die parlamentarische Demokratie, die soziale Markwirtschaft, für Rechtsstaatlichkeit und Freiheit kämpfen, mehr als wir es bisher tun. Denn andere achten sie nicht oder verachten sie gar, wie Autokraten in Moskau oder Ankara oder auch in einem Flügel des weißen Hauses“, sagte Günther Oettinger.

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