Vor 150 Jahren wurde der Esslinger CVJM gegründet. Die Geschichte der Organisation ist ein Spiegelbild gesellschaftlicher Veränderungen und politischer Umbrüche. So kam der Verein durch wechselhafte Zeiten.
Esslingen - Alkohol gab es keinen. Dafür aber Gemeinschaft, Geselligkeit, Gemütlichkeit. Die sonntäglichen Treffen des „Jünglingsvereins“ wollten sich bewusst von Gaststättenbesuchen abheben und einen Gegenpol setzen. 1872 hatten 30 junge Männer die Gruppe im heutigen Mesnerhaus „Laterne“ bei der Stadtkirche in Esslingen aus der Taufe gehoben. Ihre Motivation: religiöses Miteinander, wöchentliche Bibelstunden, Sport, Gesang, Aktivitäten, Unternehmungen. Von 1906 an nannten sie sich Christlicher Verein Junger Männer (CVJM), und zwei Jahre später stellten sie mit Karl Flaig den ersten hauptamtlichen Sekretär ein. Das waren wichtige Bausteine in dem Fundament, das den CVJM Esslingen tragen sollte. Gehalten hat es 150 Jahre lang – bis heute. Zurzeit hat die Organisation etwa 1000 Mitglieder.
Wirtschaftskrise und Nationalsozialismus
Belastbar war dieses Fundament des CVJM auch in schweren Zeiten. Die 1911 gegründeten Pfadfinder etwa krempelten während der Wirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre nach Recherchen von Hans-Hermann Riedel, dem langjährigen ersten CVJM-Vorsitzenden, die Ärmel hoch. Sie sammelten für die finanziell schwer getroffene Bevölkerung und konnten so Notleidenden trotz knapper Kassen einen Weihnachtsbaum spendieren. Zivilcourage wurde in das CVJM-Fundament mit hineingebaut. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 hatten es etablierte Jugendorganisationen schwer. Der CVJM sollte keine Konkurrenz zur Hitler-Jugend sein und durfte nur noch Angebote für über 18-Jährige anbieten. Gewachsene Strukturen blieben dennoch intakt. 1934, so berichtet Hans-Hermann Riedel, wollte der beliebte Pfarrer Theodor Schlatter als Mitglied der oppositionellen Bekennenden Kirche eine Predigt in der Esslinger Stadtkirche halten. Gerüchte wurden laut: Die Deutschen Christen, eine rassistische, antisemitische, nach dem Führerprinzip ausgerichtete Strömung des Protestantismus, plane, den Gottesdienst zu stören. Da ließen sich die Pfadfinder am Vortag in der Kirche einschließen, kontrollierten die Zugänge, bewachten die Kanzel. Störungen unterblieben. Theodor Schlatter konnte sprechen.
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Doch die Repressalien gingen weiter. 1941 drohte die Beschlagnahmung von CVJM-Liegenschaften durch die Nazis. Die Kirche empfahl die Überleitung der CVJM-Arbeit und des Vermögens in die kirchliche Gemeinschaft. Der Ausschuss lehnt ab. Der CVJM bleibt selbstständig und unabhängig.
In den Nachkriegsjahren wurden die Lasten leichter. Die Nachfrage war riesengroß: Jungscharen und Jungengruppen bilden sich, die Jugendarbeit blüht, die Pfadfinder starten 1952 wieder durch. Aber die 68er-Bewegung erschüttert teilweise auch den CVJM. Die Gebetsgemeinschaften seien zwar einerseits als Gegenpart zu den politischen Erschütterungen verstanden worden, berichtet das langjährige Vorstandsmitglied Wilfried Seiffer. Doch Riedel zitiert auch aus Protokollen dieser Zeit: Junge Gruppenmitarbeiter grenzten sich demnach auch sprachlich ab und adressierten das Vereinsestablishment mit „Ihr vom CVJM“.
Aus dem Männerverein wird ein Verein für alle
Aber das „Wir“ kehrt zurück. Jugendarbeit brauchte Raum und Räume. 1979 wird der alte Lutherbau abgerissen und der Neubau eingeweiht. Ein Jahr später beauftragt die Stadt Esslingen den CVJM mit der offenen Jugendarbeit – der Jugendtreff Makarios in der Pliensauvorstadt entsteht. Es folgen der Jugendtreff Nord, der Jugendtreff Mitte, von 1985 bis 2000 der Jugendtreff Weil, die Arbeit im Lutherbau. Gegendert wird auch. Das „M“ im Vereinsnamen steht von 1981 an nicht mehr für Männer, sondern für Menschen.
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Das CVJM-Fundament vermag viele Menschen zu tragen. Auch Nicht-Esslinger. Der Blick geht weiter, weiß der langjährige Referent Gerhard Proß. Gearbeitet wird auch mit schwierigen Partnern. Von 1992 an werden in Molodetschno, Esslingens Partnerstadt in Belarus, Strukturen für Jugendarbeit und Pfadfindergruppen aufgebaut. Spannende Zeiten mit logistischen Herausforderungen. Kurz nach Ende des Kalten Krieges sind gemeinsame Mahlzeiten fest eingeplant. Was auf dem Speiseplan steht, ist jedoch angesichts der prekären Versorgungslage oft unklar. Mit der Verfestigung der Diktatur ziehen sich die Esslinger zurück, um ihre Partner vor Ort nicht zu gefährden. Strukturen und Grundlagen für Jugendarbeit aber wurden gelegt. Und, so erinnert sich Gerhard Proß, der CVJM Esslingen ist 2004 und in den Folgejahren Mitorganisator des ökumenischen Kongresses „Miteinander für Europa“ in Stuttgart mit etwa 10 000 Teilnehmenden.
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Massenveranstaltungen hat Corona ausgebremst, die Pandemie und der Ukraine-Krieg setzen neue Frage- und Ausrufezeichen hinter die CVJM-Arbeit. Doch die Verantwortlichen sind überzeugt: Das in 150 Jahre gewachsene Fundament wird auch solche Herausforderungen aushalten.
Das Jubiläumsjahr des CVJM
Aktionen
Der 150. Geburtstag des CVJM Esslingen wird von zahlreichen Aktionen begleitet. Unter anderem sollen 150 Burger in der Pliensauvorstadt verteilt werden, 150 Bratwürste an Studierende der Hochschule sowie 150 Wasserflaschen oder 150 Samentütchen an Esslingerinnen und Esslinger.
Fest
Das Jubiläumsfest steht am Sonntag, 15. Mai, an. Start ist um 10 Uhr mit einem Gottesdienst mit Hansjörg Kopp, dem Generalsekretär des CVJM Deutschland, in der Stadtkirche. Danach wird bis 18 Uhr auf dem Marktplatz gefeiert.
Theaterstück
George Williams hatte 1844 im von den sozialen Problemen der Industriellen Revolution gebeutelten England den YMCA und damit das Vorbild des deutschen CVJM gegründet. Das Musical „George – Hoffnung im Getriebe“ erzählt seine Lebensgeschichte. Der CVJM Esslingen bringt das Stück als deutsche Uraufführung in Kooperation mit dem Central Theater auf die Bühne. Termine sind am 2. und 3. Juli im Großen Saal des CVJM-Gebäudes sowie am 7. und 9. Juli im Central Theater.