Im England des 19. Jahrhunderts leidet die Arbeiterschaft unter Ausbeutung, Armut und Elend. George Williams möchte helfen. Ein Stück über sein Leben wird als Deutschlandpremiere zum 150-jährigen Jubiläum des CVJM Esslingen gezeigt.
Pure Verzweiflung presst die Sätze heraus: „Die Arbeitszeit geht von sieben bis neun.“ – „Wir sind kein Maschinenfutter.“ – „Der Arbeitstag beginnt früh.“ – „Pausen? Keine Zeit.“ Arbeiterelend während der Zeit der Industrialisierung. Katastrophale Lebensbedingungen im England des 19. Jahrhunderts. Soziale Schieflagen in explosiven Umbruchzeiten. George Williams erlebt alles hautnah mit – die Trostlosigkeit, die Hoffnungslosigkeit, die Ausweglosigkeit. Der 1821 in Dulverton bei Somerset Geborene ist mittendrin im Strudel aus Frust, fehlenden Perspektiven, Familientragödien, Flucht in den Alkohol.
Er sucht nach Auswegen und gründet 1844 den Christlichen Verein Junger Männer (CVJM). Seine Lebensgeschichte ist der ideale Stoff für das 150-jährige Jubiläum des CVJM Esslingen. Vier Mal bringt die Theatergruppe ein Stück über die Biografie ihres Gründers als deutsche Uraufführung auf die Bühne. Am Sonntag, 15. Mai, ist beim Jubiläumsfest auf dem Marktplatz im Rahmen des Bühnenprogramms ab 13.30 Uhr eine Preview des Stückes zu sehen.
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Die historische Handlung schützt nicht vor modernen Problemen. Der Hund habe heute Morgen ihr Handy angeknabbert, klagt Julia Rohn. Die Theaterpädagogin und Regisseurin ist Intendantin beim Kunstdruck CentralTheater Esslingen und studiert zusammen mit ihrer Kollegin Regina Schrempf das Theaterstück um George Williams ein. Der Hund, berichtet sie an diesem Probenabend im Wartburgsaal des Esslinger CVJM-Gebäudes, hat das Display zerkratzt und die Schrift fast unleserlich gemacht. Mit Mühe hat sie Texte und Musik des Stücks auf ein eilig gekauftes, anderes Mobiltelefon heruntergeladen. Macht nichts, improvisieren gehört zum Job. Vor drei Jahren, so erzählen die beiden Frauen, haben sich CVJM-Mitglieder einen Film über eine Aufführung des Theaterstücks „George – Hoffnung im Getriebe“ in englischer Sprache angeschaut. Sie waren wie elektrisiert. Denn die Biografie des CVJM-Gründers passte perfekt zum anstehenden Jubiläum: „Wir wollten es unbedingt aufführen.“ Einige Formalia mussten dafür aber bewältigt werden. Die Rechte für das Stück lagen bei der Theatergruppe. Da wurde der CVJM Deutschland eingeschaltet. Er fragte nach, erhielt die Genehmigung für Aufführungen in Esslingen und ließ das Stück von der professionellen Übersetzerin Annelore Bosse ins Deutsche übertragen.
Eine Rolle für viele
Inzwischen sind die Schauspieler zur Probe eingetroffen. Julia Rohn lässt sie mit geschlossenen Augen durch den Saal gehen. Plötzlich ruft sie: „Pinke Schuhe.“ Die Schauspieler öffnen die Augen und deuten auf eine Mitspielerin mit rosaroten Schuhen. Aufwärmen, Eingewöhnungsphase, Konzentrationsübungen: „Schauspielern ist knallharte körperliche Arbeit“, sagt Regina Schrempf. Zu einem Casting, berichtet sie weiter, waren 25 Ehrenamtliche erschienen – acht wurden für das Stück ausgewählt. Mit Probenwochenenden, wöchentlichen Treffen und viel Lernen bereiten sie sich auf die Aufführungen vor. Die Anforderungen sind hoch. Es soll nach dem Willen der beiden Macherinnen eine „professionelle Laiendarbietung“ werden. Eine Zweitbesetzung gibt es nicht, und ein Schauspieler muss mehrere Rollen verkörpern. Oft sind es kleinere Parts wie der eines Zeitungsverkäufers. Doch das Stück fordert. Die Enge der Räumlichkeiten lasse nur eine begrenzte Anzahl an Mimen zu, erklärt Julia Rohn. Sie wollte ein möglichst einheitliches Niveau bei den Darstellern, und die Terminabsprache sei selbst mit diesen wenigen Schauspielern schwierig: „Die meisten haben mehrere Ehrenämter.“
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Die Aufwärmphase ist beendet. Schauspieler sitzen an einem Tisch, essen, reden, diskutieren. Eine Schlüsselszene im Stück, betont Julia Rohn. Auf dem elterlichen Bauernhof erklärt der Vater dem jungen George Williams, dass er nicht zum Landwirt tauge. Er sei ein Stadtmensch, müsse hinaus ins urbane Leben, sich im Großstadtdschungel bewähren. George Williams geht. Er boxt sich in London durch und macht dort eine Ausbildung zum Tuchhändler. „Das Stück möchte nicht missionieren“, stellt Julia Rohn klar. „Aber es soll die Zuschauer zum Nachdenken anregen.“
Tücher als Stoff für Spannung
Nächste Szene. Stoffballen werden an einem Tisch begutachtet. George während seiner Ausbildung. Sein Lehrmeister ist streng und väterlich zugleich. Bei der Inszenierung setzen Julia Rohn und Regina Schrempf nicht auf Opulenz, gewaltige Bühnenbilder, prächtige Kostüme. Sie arbeiten mit feinen Akzenten, leichten Andeutungen, ausgewählten Nuancen. Das Stück lebe auch vom Spannungsgegensatz zweier Zeit- und Lebensebenen, die auf zwei Bühnen dargestellt werden. In der Rahmenhandlung kommt eine kritische Journalistin zum alternden George und befragt ihn nach seiner Biografie. In kurzen Sequenzen werden dann Schlaglichter seines Lebens eingeblendet. Schlaglichter in einer dunklen Zeit: „Der Arbeitstag geht von sieben bis neun.“
150 Jahre CVJM Esslingen
Aufführungen
Das Stück „George – Hoffnung im Getriebe“ über CVJM-Gründer George Williams wird in Zusammenarbeit mit Schauspiel Kunstdruck e.V. am Samstag, 2. Juli, um 20 Uhr und am Sonntag, 3. Juli, um 16 Uhr im CVJM-Gebäude in Esslingen gezeigt. Weitere Aufführungen sind am Donnerstag, 7. Juli, um 19 Uhr und am Samstag, 9. Juli, um 20 Uhr im CentralTheater in Esslingen. Karten gibt es unter www.schauspiel-kunstdruck.de, in der Buchhandlung Plus und an der Abendkasse.
Fest
150 Jahre CVJM werden am Sonntag, 15. Mai, gefeiert. Start ist um 10 Uhr mit einem gemeinsamen Gottesdienst in der Stadtkirche. Ab 12.30 Uhr gibt es Essen und Trinken. Um 13.30 Uhr startet auf dem Marktplatz ein Bühnenprogramm mit einer Preview des Theaterstücks, Aufführungen der Tanzgruppen der Jugendtreffs, Kurzeindrücken aus der CVJM-Arbeit und einem interaktiven Programm.