Ein kostenfrei zu leihendes Smartphone führt Besucher durch die Triennale – und liefert per Text und Ton Info. Foto: Patricia Sigerist

Niedrig angebrachte erklärende Schilder verärgern Besucher der Kunstausstellung in der Alten Kelter. Das Kulturamt reagiert und setzt auf einen ergänzenden Multi-Media-Guide. Er ist ein Novum – der Anbieter sammelt in Fellbach Erfahrungen.

Fellbach - Die Triennale hatte Bergfest: Im Juni gestartet, war Anfang des Monats Halbzeit bei der Kunstausstellung in der Alten Kelter. Die Besucher lobten die Kuratorin Brigitte Franzen für die Entscheidung, den Eingang vom Foyer an eine der Stirnseiten zu verlegen, sagt Maja Heidenreich, die Leiterin des Fellbacher Kulturamts. „Das kommt sehr gut an, weil sie zum ersten Mal die Gesamtperspektive der Halle haben, wo auch der Dachstuhl deutlich zur Geltung kommt.“

Die Kritik kam für Heidenreich, obwohl es ihre erste Triennale ist, nicht überraschend

Eine andere Entscheidung Franzens kommt bei vielen Kunstgängern nicht gut an – und wird jetzt mit digitaler Hilfe ein wenig korrigiert. Ihre Kritik bezieht sich auf die Schilder, die Informationen zu den Kunstwerken liefern. Diese sind seitlich an den Holzpodesten angebracht. Da sie jedoch teils kaum 20 Zentimeter hoch sind, müssen sich Besucher tief bücken.

Vor allem Senioren monieren das, wie ein Eintrag im Gästebuch verrät: „Mein Knie beschwert sich bei der Kuratorin im Einklang mit dem Rücken. Wie kann man für Besucherinnen Kunstzugang mit Schmerz paaren?“ Ein anderer Gast schreibt sarkastisch: „Man könnte die Beschriftung noch etwas tiefer anbringen. Dann müssten sich die Besucher auf den Bauch legen, um diese zu lesen.“

Die Kritik kam für Heidenreich, obwohl es ihre erste Triennale ist, nicht überraschend. „Die Beschriftung ist bei jeder Ausstellung, nicht nur bei uns, ein großes Thema“, sagt sie. „Da scheiden sich die Geister. Die Einen mögen ganz viele Informationen und wollen mit dem Genuss des Kunstwerkes auch wissen: Wer hat es gemacht, wann wurde es hergestellt, mit welchem Material, und wie ist der Titel?“ Andere wollten zunächst das Kunstwerk ohne Ablenkung sehen und fänden die Information zweitrangig. „Das ist ein Riesenthema im Kunstbereich, man kann es eigentlich niemandem recht machen.“

Die Kuratoren haben in Sachen Beschriftung viel Freiheit

Brigitte Franzens Haltung sei klar: „Die Besucher sollen sich eigene Gedanken zum Kunstwerk machen, bevor sie Hintergrundinformationen bekommen. Die Kunstwerke sollen für sich sprechen“, erklärt Heidenreich. „Auffällige Schilder auf den Podesten direkt bei den Kunstwerken würden stören und ablenken.“

Die Kuratoren haben in Sachen Beschriftung viel Freiheit. Doch in diesem Fall hat das Kulturamt eingegriffen. „Weil zu viele Beschwerden kamen, mussten wir nachjustieren“, sagt Heidenreich. In einem ersten Schritt wurden die erläuternden Schilder vergrößert, um sie besser lesen zu können. Die Positionierung an den Seitenwänden der Podeste wurde jedoch beibehalten. In einem zweiten Schritt wurden sogenannte Multi-Media-Guides angeschafft. Eine Art elektronischer Kunstführer durch die Kelter, ein Smartphone mit eigens entwickelten App. Programmiert wurde sie von der Stuttgarter Internetagentur Points.

Zum Smartphone-Guide werden Kopfhörer ausgeteilt

Der Guide kann kostenlos an der Kasse entliehen werden. Derzeit stehen zehn zur Verfügung. Die Bedienung des Programms ist einfach: Auf einem Hallenplan sind alle Kunstwerke nummeriert eingezeichnet. Tippt der Besucher die entsprechende Nummer an, kann er sich einen erläuternden Text vorlesen lassen oder lesen. Nebeneffekt: Durch die Nummerierung wird eine Route durch die Ausstellung gezeigt. Auch kann das Werk „Jeton Parse di Bengodi“ von Tim Berresheim durch den digitalen Guide neu erlebt werden. Jenes Kunstwerk bedient sich der Augmented Reality, der erweiterten Realität. Dabei kann man durch den Bildschirm Dinge im Raum sehen, die in der Realität nicht da sind.

Weil in der Kürze der Zeit die Texte nicht professionell in einem Studio eingesprochen werden konnten, wurde die Tonspur vom Computer erstellt. „Die Sprache ist nicht so angenehm, wie wenn es jemand vorliest, aber es ist nicht unzumutbar“, sagt Dieter Albert von Points und nimmt Bahnhof-Ansagen als Vergleich. Zum Smartphone-Guide werden Kopfhörer ausgeteilt.

Mit den Besucherzahlen ist Maja Heidenreich bereits zufrieden

Dieter Albert war selbst in der Kelter und konnte die Kritik der Besucher zumindest teilweise nachvollziehen, er hat das Guide-Projekt im Gespräch mit dem Kulturamt auf den Weg gebracht. Die Idee soll später auch auf andere Ausstellungen übertragen werden können. Fellbach dient als Feldstudie, dafür erhält das Kulturamt das Programm kostenlos.

Die Rückmeldungen sind positiv. Die Mehrheit der Benutzer gab in einem Fragebogen an, dass die zusätzlichen Informationen zu den Exponaten zu einem besseren Verständnis beitragen, berichtet Albert. Das deckt sich mit der grundsätzlichen Erfahrung Heidenreichs. „Die Besucher, die mit einer Führung die Triennale besuchen, sind in der Regel begeistert. Viele, die auf eigene Faust durchgehen, haben große Fragezeichen“, sagt die Kulturamtschefin. Vielleicht verhilft der neue Multi-Media-Guide ja nun stattdessen zu ein paar zufriedenen Ausrufezeichen.

Mit den Besucherzahlen ist Maja Heidenreich bereits zufrieden. „Im Vergleich zu den letzten Triennalen stehen wir sehr gut da.“ „Vor allem an den Tagen der offenen Tür kamen sehr viele Besucher.“ Auch die Highlightwoche im Zuge der Remstal-Gartenschau mit ihren zusätzlichen Veranstaltungen war demnach ein Erfolg.

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