Die „Augusta Viktoria“ ist die Mutter aller Traumschiffe: Sie absolviert vor 135 Jahren die erste Vergnügungsreise auf dem Meer. Foto: Hapag Lloyd Cruises

Ein Schiff war früher ein Verkehrsmittel. Ein Vergnügen war eine Fahrt nicht. Bis Albert Ballin vor 135 Jahren die Kreuzfahrt erfand.

Die Elbe führte Eis und es war bitterkalt, als sich in Cuxhaven ein seltsames Schauspiel zutrug. Dutzende Schaulustige waren gekommen, um die „Augusta Victoria“ zu verabschieden. Auch der maritim interessierte Kaiser Wilhelm II. ließ es sich nicht nehmen, kurz vorbeizuschauen. Man schrieb den 22. Januar 1891, als der in Stettin gebaute Schnelldampfer mit Kurs auf Südeuropa ablegte. An Bord: 241 Menschen mit genug Geld, Zeit und Abenteuerlust, um sich fast zwei Monate auf eine Entdeckungstour gen Italien und den Orient zu begeben.

 

Passagierschiffe lagen im Winter ungenutzt am Kai

Private Reisende, die quasi ohne Sinn und Zweck über das Meer schipperten – das war damals neu und unerhört. Albert Ballin hatte sich diese revolutionäre Idee ausgedacht. Der gebürtige Hamburger mit dänischen Wurzeln, Jahrgang 1857, arbeitete für die „Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft“, kurz Hapag und verantwortete deren Passage-Abteilung.

Die in Hamburg ansässige Reederei war Ende des 19. Jahrhunderts neben der britischen Cunard Line einer der führenden Anbieter für Transatlantikreisen und beförderte Jahr für Jahr Tausende Emigranten nach Übersee. Doch die Passagierschiffe waren nur im Sommer im Einsatz. In der kalten Jahreszeit, wenn es auf dem Nordatlantik unberechenbar stürmisch ist, lagen die Schiffe ungenutzt am Kai. Der visionäre Ballin wollte das ändern, auch im Winter Geld verdienen und erfand die Kreuzfahrt als Ergänzung zum Linienverkehr.

Albert Ballin hatte die zündende Idee. Foto: Hapag-Lloyd Cruises

Ein verwegener Plan. Viele hielten Ballin für verrückt. „Es fehlte selbst in meiner allernächsten Umgebung nicht an Leuten, die glaubten, es sei in meinem Oberstübchen nicht ganz richtig“, wird der Generaldirektor zitiert. Dennoch war die Nachfrage enorm – obwohl die Tickets 1600 bis 2400 Goldmark kosteten (umgerechnet 28 500 bis 42 800 Euro). Damals entsprach der Preis ungefähr dem doppelten bis dreifachen Jahreseinkommen eines durchschnittlichen Arbeiterhaushaltes. Doch für die Summe wurde einiges geboten: eine 57-tägige Kreuzfahrt mit Vollverpflegung, die erste All-inclusive-Pauschalreise überhaupt. Und noch dazu mit einem verlockenden Ziel: der Orient, seinerzeit Mode- und Sehnsuchtsort wohlhabender Weltenbummler.

Betuchte Herrschaften, unternehmungslustige britische Damen

Von Cuxhaven ging es über Southampton in den warmen Süden: Lissabon, Gibraltar, Genua, Alexandria, Jaffa, Beirut, Konstantinopel, Piräus, Malta, Palermo und Neapel standen auf dem Programm. Dann ging es wieder zurück nach Cuxhaven. In den ersten Tagen hatte Kapitän Heinrich Barends mit rauer See zu kämpfen. Minus 5 Grad, Sturm im Englischen Kanal, hohe Wellen in der Biskaya. Doch danach erlebten die Pioniere die Reise ihres Lebens. Oft lag die „Augusta Victoria“ vier Tage lang im Hafen, so blieb viel Zeit für Erkundungen und Landprogramm.

An Bord tummelte sich eine illustre Gesellschaft: betuchte Herrschaften wie Bankiers, Konsuln, Kommerzienräte, dazu einige unternehmungslustige britische Damen. Auch Albert Ballin und seine Gattin Marianne reisten mit. Der Direktor kümmerte sich persönlich um wichtige Details: „Von den Veilchenbouquets für die Damen über die kurzweiligen Spiele an Deck bis hin zum Kaisertoast beim festlichen Diner am Geburtstag von Kaiser Wilhelm II.“, schreibt Hapag-Lloyd Cruises.

Und die Passagiere ließen es sich gut gehen. Aus einem Bordbericht geht hervor, dass „die Gäste Kaviarbrötchen verzehrten, als ob sie dafür bezahlt würden“.

Am 21. März 1891 kehrte die „Augusta Victoria“ nach Cuxhaven zurück und wurde von Tausenden enthusiastisch begrüßt. Die Reederei nahm nach der gelungenen Premiere fortan Kreuzfahrten ins Programm auf. Neben dem Mittelmeer fuhr man zum Nordkap oder Westindien, so nannte man damals die Karibik. Im Jahr 1900 lief bei Blohm und Voss in Hamburg das erste ausschließlich für Kreuzfahrten gebaute Schiff vom Stapel: „Prinzessin Victoria Luise“.

Kaiser Wilhelm II. gehörte zu den Trendsettern der neuen Reiseform. Der Regent begeisterte sich für die Seefahrt, baute die Marine auf und hatte auch ein eigenes Schiff – die „Hohenzollern“. Er fuhr damit gerne ins Mittelmeer oder nach Norwegen und befeuerte damit bei seinen Untertanen die Nachfrage nach Fjordreisen. Was der Kaiser kann, können die Untertanen schon lange.

Der Speisesaal auf der „Augusta Victoria“ Foto: Hapag-Lloyd AG

Ballins Erfolg inspirierte auch die Konkurrenz. So veranstaltete zum Beispiel John Burns, der damalige Präsident der Cunard-Line, kurz darauf vergnügliche Seereisen – der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Eine spinnerte Idee hat die Branche verändert. „Die ,Augusta Victoria‘ steht für einen Pioniermoment: Albert Ballin machte die Passage zum Erlebnis und begründete damit ein neues Reiseverständnis. Die Mischung aus Freiheit auf dem Meer, besonderen Momenten an Bord und neuen Perspektiven in den Destinationen macht Kreuzfahrten bis heute so faszinierend“, sagt Isolde Susset, Managing Director bei Hapag-Lloyd Cruises und damit Ballins Nachfolgerin.

Naturschützer bemängeln die Verwendung von Schweröl

Heute sind Kreuzfahrten kein elitäres Vergnügen der Oberschicht mehr, sondern ein für fast jedermann erschwingliches Massenphänomen. Der internationale Kreuzfahrtverband Clia (Cruise Lines International Association) rechnet für das Jahr 2025 mit 37,7 Millionen Kreuzfahrtpassagieren weltweit. Genaue Zahlen liegen erst im März vor. Entscheidend sind auch die Preise: Eine Hochseekreuzfahrt kostet durchschnittlich 80 bis 150 Euro pro Person am Tag. Kritisch beäugt wird die Entwicklung derweil von Naturschützern. Sie bemängeln die Verwendung von Schweröl und den damit verbundenen Schadstoffausstoß. Die Branche arbeitet daher an neuen Antriebstechnologien, alternativen Treibstoffen, setzt Landstrom ein, reduziert Emissionen.

Kreuzfahrt boomt wie nie zuvor. Es gibt mittlerweile Touren für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel, rund 350 Schiffe stehen zur Wahl. Europäische Gäste schätzen nach wie vor das Prinzip, auf eine Rundreise gehen zu können und nur einmal die Koffer packen zu müssen. Für US-Amerikaner ist oft das Schiff selbst das Ziel ihrer Reise. Die „Augusta Victoria“, zur Zeit ihrer Indienststellung anno 1888 mit einer Länge von 145 Metern das größte Passagierschiff der Welt, sähe neben den heutigen Giganten der Meere wie ein putziges Beiboot aus. Die aktuellen Rekordhalterinnen, die „Star of the Seas“ und die „Icon of the Seas“ vom US-Unternehmen Royal Caribbean sind rund 365 Meter lang, 48 Meter breit und haben Platz für bis zu 7600 Menschen, Passagiere und Crew zusammengerechnet.

Die „Icon of the Seas“ Foto: IMAGO/Pond5 Images

Die beiden Schwestern stehen für einen Trend im Kreuzfahrtgeschäft: immer größer, immer verrückter. Kein Neubau, der nicht mit irgendeiner ungeheuren Attraktion wirbt. Es gibt Kreuzfahrtschiffe mit Achterbahnen (wie die „Mardi Gras“ von Carnival), Surfsimulatoren (bei Royal Caribbean), Hochseilgärten (bei MSC Cruises) oder Eislaufbahnen (auf der „Oasis of the Seas“ und der „Symphony of the Seas“). Kletterwände, ein Park mit echten Bäumen oder Roboter, die Cocktails mixen, sind fast schon Standard. Seit Albert Ballin hat sich die Kreuzfahrt enorm entwickelt.

Wohin die Reise, zu der Albert Ballin einst aufbrach, noch geht? In Hamburg bleibt sein Name jedenfalls unvergessen. 1947 wurde die Straße, an der seit 1903 das imposante Verwaltungsgebäude der Hapag liegt, auf den Namen Ballindamm getauft.