125 Jahre VfB Stuttgart Präsident Wolfgang Dietrich: „Die Seele des VfB ist unverkäuflich“

Von Carlos Ubina 

Der VfB Stuttgart ist jetzt 125 Jahre alt. Anlässlich des Jubiläums spricht Präsident Wolfgang Dietrich im exklusiven Interview über die sportliche Perspektive des Bundesligisten und den schwierigen Balanceakt zwischen Tradition und Kommerz.

Wolfgang Dietrich ist seit 2016 Präsident des VfB StuttgartFoto: Baumann

Stuttgart - Profifußball ist für Wolfgang Dietrich ein knallhartes Geschäft. Doch bei allem Streben nach sportlichem und wirtschaftlichem Erfolg sieht der 70-jährige Vereinschef den Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart auch als einen Ort, der Menschen verbindet.

Herr Dietrich, Sie waren Jahrzehnte lang Unternehmer, jetzt sind Sie seit knapp zwei Jahren Präsident eines Traditionsvereins. Wie viel Geschäftssinn steckt noch in Ihnen?

Genau so viel wie vorher. Ich bin ja beim VfB angetreten, um als Präsident die beiden Komponenten Tradition und Moderne zu verbinden. Dieses Vorhaben haben wir bisher auch sehr gut umgesetzt.

Können Sie das konkretisieren?

Das fängt beispielsweise mit unseren räumlichen Wurzeln an. Wir bekennen uns zu Bad Cannstatt. Hier ist unsere Heimat. Gleichzeitig müssen wir aber schauen, dass die Infrastruktur auf dem Vereinsgelände modernen Ansprüchen genügt. Dafür haben wir zuletzt sehr viel Geld investiert – in Plätze und in den Kabinentrakt.

Im Mittelpunkt der VfB-Strategie steht die Mannschaft

Zehn Millionen Euro sind es, die der VfB im vergangenen Jahr in infrastrukturelle Maßnahmen gesteckt hat. Geld, das Sie durch die Ausgliederung der Profisparte in eine Fußball-AG zur Verfügung hatten.

Das ist richtig, und deshalb betone ich immer wieder, dass Tradition und wirtschaftliches Streben nicht im Widerspruch stehen müssen. Sie müssen sich ergänzen. Schauen Sie sich unseren Ankerinvestor Daimler an: Der Erfolg des Unternehmens beruht nicht nur darauf, dass gute Autos gebaut werden, sondern seit vielen Jahren wird auch die Marke hervorragend gepflegt. Für uns gilt dieses Leitmotiv ebenso. Wir müssen den Menschen einen Ort bieten, an dem sie sich wohl fühlen und der sie emotional verbindet. Und im Mittelpunkt steht dabei die Mannschaft. Sie soll möglichst erfolgreich Fußball spielen.

Eine gute Mannschaft ist jedoch teuer. Sehen Sie nicht die Gefahr, dass die Kommerzialisierung überhandnimmt?

Nein, nicht beim VfB. Obwohl das Fußballgeschäft natürlich knallhart ist. Aber wir handeln nach dem Prinzip, dass wir sowohl unseren Standort stärken als auch die Mitgliederentwicklung forcieren. Der Plan, eine Zahl von 100 000 Mitgliedern zu erreichen, ist kein Marketinggag. Wir wollen aus dieser Unterstützung Kraft ziehen. Eine starke Mitgliederschaft soll so auch das Gegengewicht zu den möglichen Auswüchsen in der Fußballbranche bilden. Letztlich brauchen wir beides: Tradition und Kommerz. Ich bin überzeugt, dass ein Verein nur erfolgreich sein kann, wenn er eine gute Balance zwischen beiden Feldern hinbekommt.

Ist der VfB dabei auf einem guten Weg?

Auf jeden Fall. Nehmen Sie unseren Tag des Brustrings Anfang August. Es ist außergewöhnlich gewesen, was sich da abgespielt hat. Fast 100 000 Fans kamen. Wir konnten viele unserer Legenden dafür begeistern, ebenfalls Teil dieses Festes zu sein. Es war ein Wahnsinn, beispielsweise Carlos Dunga neben Jürgen Klinsmann und dem magischen Dreieck auf dem Platz zu sehen. Und wenn man dann noch das Glück hat, einen Nachbarn und Partner wie Daimler zu haben, dessen Gelände und Anziehungskraft wir ebenfalls nutzen konnten, dann lässt sich zusammenfassen: Es hat sich viel Positives entwickelt.

Auch auf sportlicher Ebene?

Sicher. Dass Spitzenspieler wie Mario Gomez oder Daniel Didavi zu uns zurückkommen, hängt natürlich damit zusammen, dass sie hier gutes Geld verdienen. Aber nicht nur. Für sie ist der VfB ein Stück Heimat. Sie registrieren sehr wohl, wie sie von den Fans aufgenommen werden und wie wir als Verein mit ihnen umgehen. Auch diese weichen Faktoren zählen.

Der Präsident will die Tradition leben

Dennoch wenden sich viele Fans von ihren Vereinen ab, weil sie das Gefühl haben, dass die Seele der Clubs an Investoren oder Marketingleute verkauft wird.

Das mag sein, aber die Seele des VfB ist unverkäuflich.

Trotz Ausgliederung?

Absolut. Sehen Sie, die Ausgliederung ist zum einen der Schlüssel zu unserer positiven Gesamtentwicklung. Zum anderen bin ich davon überzeugt, dass die Entscheidung über die lange umstrittene Ausgliederung im Juni 2017 den Verein nicht entzweit hat, wie viele Skeptiker im Vorfeld gemutmaßt haben. Die Leute spüren, dass wir bei allem Geschäftssinn unsere Tradition auch leben.

Woran machen Sie das fest?

An der Mitgliederzahl, sie ist seit Oktober 2016 um 21 000 gestiegen. Wir liegen aktuell bei mehr als 65 000 Mitgliedern und werden bis zum Jahresende wohl die 70 000 erreichen.

Eine stolze Zahl, aber auch eine hohe Verantwortung.

Genau, aber es ist zudem eine große Chance, dass der VfB all diese Menschen eint. Sie lieben den Verein, der Konzernmanager ebenso wie der Kurvenfan.

Und beide sind sie treu?

Ja, das hat sich nach dem Abstieg gezeigt. Unsere Fans sind in einer unglaublichen Art und Weise zum VfB gestanden. Grundsätzlich ist es doch auch das Schöne am Fußball, dass sich Menschen aller Gesellschaftsschichten, unterschiedlichster Nationalitäten und jeglichen Alters in einem Stadion treffen. Sie jubeln und leiden zusammen. Das mag sich zwar philosophisch anhören, aber für uns ist das ein unheimlicher Antrieb, dass all diese Menschen durch den VfB verbunden werden.

Wäre das ohne viel Geld nicht möglich?

Kaum, das ist doch der springende Punkt. Viele Traditionsvereine sind aus der Bundesliga verschwunden, weil sie es nicht verstanden haben, den neuen Herausforderungen eines komplexer werdenden Fußballgeschäfts zu begegnen. Andererseits zeigt sich, dass sogenannte Retortenclubs mit großen finanziellen Ressourcen Schwierigkeiten haben, wenn der sportliche Erfolg ausbleibt.

Der VfB lag in der vergangenen Saison mit dem siebten Tabellenplatz sogar über Plan.

Mit dem gestiegenen Kaderwert (knapp 170 Millionen Euro, Anmerkung der Redaktion) liegen wir ebenfalls über Plan, und finanziell liegen wir voll im Plan.

Obwohl der VfB in den vergangenen zwei Spielzeiten knapp 60 Millionen Euro in neue Spieler investiert hat?

Mit diesen Zahlen liegen Sie nicht ganz falsch. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang jedoch unsere Handlungsfähigkeit. Es ist immer mein Credo als Unternehmer gewesen, in der Lage zu sein, agieren zu können. Das gilt auch jetzt beim VfB. Es ist viel wert, dass unsere Konkurrenten nun wissen, dass wir keine Spieler verkaufen müssen, um neue zu verpflichten oder die Lizenz zu erhalten.

Bei Transfers darf es auch mal ein kalkuliertes Risiko sein

Wie wichtig ist Ihnen die schwarze Null?

Gar nicht, wenn es um Investitionen geht. Da müssen wir ein kalkuliertes Risiko eingehen, was zum Beispiel Transfers anbelangt. Wohl wissend, dass eine hundertprozentige Trefferquote bei Neuverpflichtungen wie in der Vorsaison nicht normal ist. Bei den laufenden Kosten sieht es allerdings anders aus. Da bin ich, wie meine Vorgänger, sehr penibel. Die laufenden Kosten dürfen unsere Erträge nicht übersteigen.

Wo sehen Sie den VfB in der Zukunft?

Lassen Sie es mich so ausdrücken: Ich glaube, dass der VfB zuletzt wieder eine große Kraft entwickelt hat. Doch jeder einzelne von uns, ob Spieler oder Clubmitarbeiter, hat noch Luft nach oben. Und wenn jeder von uns jetzt seine Möglichkeiten ausschöpft, dann werden wir eine gute Saison spielen. Dann werden wir auch wieder unsere Fans und Mitglieder begeistern und letztlich auch Geld für den VfB verdienen. An einem Tabellenplatz möchte ich das aber nicht festmachen – der Erfolg wird kommen, wenn all das andere stimmt.